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Buchhagen. Ein überschaubares Bühnenbild: Das Kopfende eines alten Bauernbetts; eine Garderobe mit einer Auswahl an Kitteln und Schürzen, ein Hackeklotz, in dem eine Axt steckt; eine massiven Holztür. Und in der Mitte der Bühne, von der Decke hängend, eine Schaukel, sozusagen als Herzstück des spartanischen Bühnenbilds.

veröffentlicht am 10.09.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 12:21 Uhr

Autor:

Gloria Golze
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Sonst keinerlei Requisiten für das Theaterstück „Emmas Glück“, das in der Kulturmühle Buchhagen gezeigt wurde. Großes Theater mit minimalem Personal-Aufwand. Geschrieben nach dem Roman von Claudia Schreiber von Caspar Harlan, der auch Regie, Lichtund Tontechnik übernommen hat. Und Kerstin Wittstamm als Solo-Schauspielerin, die es verstand, durch immer wieder wechselnde Stimm- und Tonlagen, durch faszinierende Mimik und Gestik die Zuschauer über die volle Länge des Ein-Personen-Stücks in ihren Bann zu ziehen.

Gezeigt wurde die Geschichte von einer skurrilen Frau, die auf der Suche nach dem Glück ist: Emma lebt alleine auf ihrem Bauernhof. Ihre ganze Familie ist tot. Doch das stört Emma

garnicht. Im Gegenteil – sie ist sogar froh darüber: Ihre Familie hatte sie nie gut behandelt, ihr Vater wollte sie nie als Tochter akzeptieren.

Ihren Lebensunterhalt verdient Emma mit dem Schlachten ihrer Schweine und dem Verkauf der Wurst, die sie selbst herstellt. Das Schlachten ist für Emma keine unschöne Sache, wenn sie unter dem großen Kastanienbaum ihres Hofes sitzt, ein fettes Schwein zärtlich im Arm hält, ihm eine

Geschichte erzählt und ihm dann mit einem blitzschnellen Schnitt die Halsschlagader durchtrennt.

Emmas Welt ändert sich schlagartig, als sie eines Nachts durch einen lauten Knall geweckt wird. Sie geht auf den Hof und findet dort einen zertrümmerten Ferrari, der anscheinend aus der Kurve geflogen ist. Und in ihm einen Mann und eine Tüte voll Geld.

Alles, was sich Emma je in ihren Gebeten gewünscht hatte, war Geld oder Liebe. Jetzt hat sie beides, und sie will beides behalten. Sie versteckt das Geld, legt den Mann in ihr Bett und zündet das Auto an.

Der Fremde, der auf Emmas Hof gelandet ist, heißt Max. Emma und Max kommen sich mit der Zeit näher, und es beginnt eine kurze, intensive und genauso skurrile Liebesgeschichte zwischen den beiden. Sie heiraten nach kurzer Zeit, und Emma bekommt von ihrem Mann eine Reise nach Mexiko zur Hochzeit geschenkt. Doch Max hat nicht vor, je mit Emma nach Mexiko zu reisen– denn Max hat Krebs! Er bittet Emma schließlich, ihn von seinem Leid zu befreien. Sie trägt ihn auf dem Arm raus auf den Hof unter den Kastanienbaum, legt seinen Kopf auf ihr Bein, erzählt ihm eine Geschichte und befreit ihn mit einem Schnitt von seinem Leid...

Bei dem Theaterstück, das in der Kulturmühle über die Bühne ging, handelt es sich um ein Ein-Frauen-Stück, das in der Besetzung wie im minimalistischen Bühnenbild bewies: Weniger kann für eine Schauspielerin, die die Fantasie ihres Publikums mit in ihre Darstellung einzubeziehen vermag, so viel mehr sein.

Beispiel Schaukel, die eben nicht nur eine Schaukel ist: Sie ist auch ein Moped, ein Bett, ein Küchenstuhl, ein Traktor. Sie hätte auch jeder andere Gegenstand sein können, an dem sich Kerstin Wittstamm als Emma befindet. Darüber hinaus stellte die Holz-Schaukel das Auf und Ab in Emmas Leben dar, untermalt immer wieder ihre Stimmungen. Ist sie nachdenklich und melancholisch, steht die Schaukel ganz still, ist sie euphorisch und fröhlich, schwingt Emma auf der Schaukel höher und höher, und sie dreht sich von links nach rechts, lehnt sich zurück, streckt ausgelassen die Beine in die Luft. Dazu kommt eine ausgefeilte Lichtregie: Während des ganzen Stückes werden die Gefühle und Stimmungen mit dezenten Lichteffekten untermalt. In fröhlichen Momenten mit Max ist die Bühne hell erleuchtet, romantische Momente

schimmern rötlich. Traurigkeit und Melancholie wird mit dunklen Blautönen dargestellt.

Schauspielerin Kerstin Wittstamm ist Emma – genauso wie alle anderen Charaktere des Stücks. Und das sind einige. In der Gegenwart spielt sie ihren Freund Max, ihren Verehrer, den Polizisten und dessen schreckliche Mutter. Nahezu schwere- und mühlelos kann Kerstin Wittstamm nicht nur von Charakter zu Charakter, sondern auch in andere Zeiten springen. Plötzlich befindet man sich mit der Mimin in Emmas Kindheit. Und sie schlüpft ebenso souverän in die Rollen von Emmas Eltern wie in die ihrer Großeltern. Faszinierend dabei: Beim Zuschauer kommt nicht in einem Bruchteil der Sekunde die Frage auf, wen Kerstin Wittstamm gerade spielt oder in welcher Zeit man sich befindet.

Geboten wurde faszinierendes Theater. Und Kerstin Wittstamm demonstrierte die pure Lust am Spielen auf der Kulturmühlen-Bühne. Gezeigt wurde mit „Emmas Glück“ eine Geschichte über das Sterben, die aber eigentlich eine Geschichte über die Lust am Leben ist. Eine skurrile, aber total unkitschige Liebesgeschichte. Leider zog es nicht so viele Zuschauer in die Kulturmühle in Buchhagen wie erhofft.Trotzdem waren die Zuschauer begeistert, klatschten Beifall und lobten im Nachhinein: „Was für eine schauspielerische Leistung.“



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