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In der Gemeinde Halle gibt es einen öffentlichen Bücherschrank

Bringen, tauschen, behalten

HALLE. 300 Witze neben den Traumstraßen Europas, das Strick-Lehrbuch neben dem Zuckmayer-Lesebuch, Dan Browns Illuminati neben dem Kinderbuch Pitje Puck – leichte Kost neben schweren Geschützen, Ratgeber neben Reiseführern und Kinderbüchern – bunt durcheinander stehen die Bücher im öffentlichen Bücherschrank der Kirchengemeinde Halle. Vor etwa drei Jahren wurde der Gedanke, solch einen Schrank im Gemeindehaus zu etablieren, durch ein Gemeindemitglied aufgebracht.

veröffentlicht am 08.11.2017 um 20:04 Uhr

Küsterin Bärbel Lange hat ein Auge auf das Bücherregal. Foto: kb
Beißner

Autor

Karin Beißner Reporterin
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Die Frau wollte sich von Büchern trennen, fand es zu schade, sie wegzuwerfen und brachte den Kirchenvorstand auf diese Idee. Pastorin Katrin Frölich befand sie für gut und seitdem steht ein Bücherregal im Gruppenraum. „Wieviel an Bewegung dort geschieht, kann ich allerdings nicht sagen“, meint Katrin Frölich, „ich bin ja nicht immer anwesend, aber ab und an kommt doch etwas dazu oder wird ausgetauscht.“

Sie selbst behält sich vor, nicht geeignete Bücher zu entfernen. Bärbel Lange hat als Küsterin das Regal öfter mal im Blick und sie weiß, dass die Karl-May-Bücher alle weg sind. Aber das ist ja auch der Sinn der öffentlicher Bücherschränke, dass der Nutzer entscheidet, ob er das Buch zurückbringt, behält, tauscht oder ein eigenes Buch dazustellt.

Bereits in den 90er Jahren kam der Gedanke auf, Bücherschränke zu etablieren, die für jedermann zugänglich sein sollten, um so den Austausch von Literatur zu ermöglichen. In der Regel wird ein Buch gelesen, an Freunde und in der Familie ausgeliehen, dann hat es meistens seine Schuldigkeit getan, wandert auf den Flohmarkt oder fristet sein Dasein im Bücherregal. Dabei gehören Bücher zu den Kulturgütern, die immer wieder genutzt und geteilt werden können, praktisch ohne Qualitätsverlust. Inzwischen gehören die Bücherschränke besonders in den Städten zum Erscheinungsbild, in Hannover gibt es mehr als 30. Der Unterschied zur Ausleihe in einer Bücherei ist, dass sie täglich und meistens rund um die Uhr geöffnet sind und der Nutzer sich ohne jede Verpflichtung und Formalität dort bedienen kann, ohne Aufsicht, ohne Ausleihzettel, ohne Rückgabefrist. Ganz so öffentlich ist das Bücherregal im Haller Gemeindehaus nicht, da es nur bei Veranstaltungen zugänglich ist.

Das ist sicher auch der Grund, warum in einer Gemeinderatssitzung die Anregung für einen „ganz öffentlichen“ Bücherschrank kam. Alte Telefonzellen wurden an anderen Orten dazu umfunktioniert. „Wir haben uns auch bemüht, die Haller Telefonzelle zu bekommen, aber das war schwierig und vonseiten der Telekom mit Auflagen verbunden“, meint Bürgermeister Axel Munzel. Er kennt aus Hannover die öffentlichen Bücherschränke. „Aber da ist viel mehr Personenverkehr, da sieht man Leute, die Bücher holen oder reinstellen. In kleinen Gemeinden ist die Nachfrage eher begrenzt“, erklärt er.

Eine ähnliche Meinung haben auch seine Kollegen. Tanya Warnecke sieht solche Einrichtungen als durchaus sinnvoll an, verweist aber auf die Bücherei, die zweimal wöchentlich geöffnet sei. Sie weiß aber von Überlegungen in diese Richtung, die der Leiter der „Stiftung Bildung und Handwerk“ schon angestellt hat. Dabei soll der öffentliche Schrank aber wohl nicht nur auf Bücher beschränkt sein, sondern auch auf andere Dinge des täglichen Lebens. Auch Ottenstein und Hehlen haben Überlegungen in diese Richtung noch nicht angestellt und sehen keinen Bedarf, da sie über gut bestückte Büchereien verfügen. Doch anders denkt da die Gemeinde Heyen. „Der Platz für einen öffentlichen Bücherschrank ist schon ausgeguckt und wird gerade hergerichtet“, berichtet Bürgermeister Michael Zieseniß, „Mitte nächsten Jahres wird es so weit sein.“

Vielleicht steht dann im Ort auch eine dieser originellen Unterkünfte für die Bücher: eine aufgepeppte Telefonzelle, ein begehbares Gartenhäuschen, ein bunt bemalter Holzschrank und sogar ein Trafohaus. Dem Ortsbild wird es sicher nicht schaden. Aber verbunden mit dem Aufstellen eines öffentlichen Bücherschrankes muss auch eine Kontrolle erfolgen. Ein Bücherpate sollte ab und zu einen Blick darauf werfen, damit der Schrank nicht durch Witterung oder „Literaturbanausen“ Schaden nimmt. Übrigens, einen positiven Nebeneffekt haben die Schränke noch, Menschen kommen ins Gespräch miteinander.

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