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Wirt Jörg Welz resigniert nach drei Jahren: „Zu wenige Gäste und zu viele Behörden-Auflagen“

Am Schneiderhof gehen die Lichter aus

Lichtenhagen. Am 31. dieses Monats – vielleicht wird es aber doch noch der Morgen des 1. Februar – wird Schneiderhof-Wirt Jörg Welz die Beleuchtung an seinem Dorfrestaurant ein letztes Mal ausschalten. Und dann wird es vermutlich erst einmal dunkel bleiben in den 250 Quadratmetern Gasträumen. Denn Jörg Welz hat beschlossen, Lichtenhagens letzte von einstmals drei Gaststätten in dem 340-Einwohner-Ort auf der Ottensteiner Hochebene zu schließen. Den Pachtvertrag hat der 62-jährige Gastronom bereits gekündigt. Ein Nachmieter ist noch nicht in Sicht.

veröffentlicht am 09.01.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:53 Uhr

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Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Coppenbrügge-Salzhemmendorf zur Autorenseite
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Damit ist das Aus für den Lichtenhagener Traditionsbetrieb erst einmal beschlossene Sache. In den 70er Jahren war die seit 1545 bestehende Halbmeier-Hofstelle zur Gaststätte ausgebaut worden. Nach mehreren Wirtewechseln hatte Jörg Welz die Gaststätte im April 2011 als Pächter übernommen und, wie er sagt, „aus der ehemaligen Kneipe ein Restaurant gemacht“. Alte Verbundenheit zu Lichtenhagen sei es gewesen, die ihn damals zu diesem Entschluss und auf die Ottensteiner Hochebene zurückgebracht habe, so Welz. Der gebürtige Heyener hatte jahrelang in Lichtenhagen gelebt, bevor er in den 90er Jahren in Berlin vom Kunstglaser zum Koch, Hotelfachmann und Diätkoch umschulte. Bei Potsdam führte er über Jahre ein mehrfach ausgezeichnetes Landhotel, das zahlreiche Prominente zu seinen Gästen zählte.

Mit Elan hatte Welz dann ab 2011 sein „Dorfrestaurant Schneiderhof“ aufgebaut. „Eine Knüppelarbeit mit 14-Stunden-Arbeitstagen“, versichert er. Nach knapp drei Jahren hat der Gastronom nun aber das Handtuch geworfen: Zum einen wegen der Abseitslage, bei der auch intensive Werbung in Bad Pyrmont, Bodenwerder und Hameln nicht das ganze Jahr über Gäste in die gesunde Höhenluft und zur grandiosen Aussicht ins Lokal gelockt haben. Welz: „Ich hatte im Vorjahr eigentlich nur drei gute Monate in der Saison.“ Zum anderen ist der Gastronom verärgert über die Knüppel, die ihm von den Behörden zwischen die Beine geworfen werden. Da ist zum einen die Tatsache, dass er künftig für jede seiner Service-Minijobberinnen ein Arbeitstagebuch führen soll: „Als wenn ich nicht schon genug behördlichen Schreibkram hätte.“ Und da sind die Tourismusabgaben, die von der Samtgemeinde erhoben werden: „Auch wenn wir hier nicht an der Weser und am Weserradweg liegen und von den Tourismusleistungen da unten nichts abkriegen, soll ich auch pro leerbleibenden Stuhl eine Steuer zahlen“, wettert er. Und so ist er zu dem Beschluss gekommen, dass er sich mit 62 Jahren den ganzen Betriebs-Stress nicht mehr antun will. In seinen alten Beruf als Kunstglaser will er zurückkehren. In Lichtenhagen hat er sich bereits eine eigene Werkstatt eingerichtet.

Für Lichtenhagens Bettenvermieter ist die Schließung des Schneiderhofes jedoch „eine Katastrophe“, wie es Silke Timmermann ausdrückt. Sie betreibt einen florierenden Ferienhof in Lichtenhagen. Seit 40 Jahren wurde im Erholungsort Lichtenhagen auf Tourismus gesetzt, 87 Betten werden derzeit von Gästehäusern und Pensionen angeboten. Rund 250 Familien, so Silke Timmermann, machen derzeit pro Jahr in Lichtenhagen Urlaub auf dem Lande – „und die wollen hier natürlich auch ein Speiselokal haben“. Und von denen sind es in den vergangenen Jahren auf der Ottensteiner Hochebene immer weniger geworden. Das Gastwirtschaftssterben hat gerade hier in ländlicher Höhe nicht nur auf Holzmindener, sondern auch auf Hameln-Pyrmonter und Lipper Gebiet gewaltig seinen Tribut gefordert: So haben nacheinander bereits in Neersen, Eichenborn, Kleinenberg und Baarsen Gasthäuser geschlossen. Schlechte Voraussetzungen für den sonst gehätschelten Hoffnungsmarkt „Tourismus“ auf der Hochebene also. Und während sich Lichtenhagens Beherbergungsgewerbe den Kopf zerbricht, wie die neue Gastronomie-Lücke doch noch geschlossen werden könnte, ist für Jörg Welz klar: Mich kann hier eigentlich nur noch ein Wunder als Wirt halten. Und so ein Wunder könnte vielleicht eine Seilbahn werden, die Ottenstein von der Schneidertrift Richtung Deitlevsen plant. Bürgermeister Manfred Weiner versichert, dass Leader-Mittel beantragt sind, ein Investor bereitsteht. Für Jörg Welz dürfte dieses Wunder aber wohl zu spät kommen...

2 Bilder
Nur noch bis Ende des Monats wird das Licht einladend über der Gaststättentür leuchten: Am 31. Januar will Jörg Welz das letzte Fass Bier als Wirt im Schneiderhof leerzapfen (u.). joa(3)


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