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25 Jahre nach Luthers Thesenanschlag kam die Reformation nach Bodenwerder

Als der neue Glaube Einzug hielt

BODENWERDER. Die evangelischen Christen feiern in diesem Jahr das 500-jährige Bestehen der Reformation, zu der Martin Luther mit dem Anschlag der Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 den Anstoß gab. Doch es dauerte viele Jahre, bis die Reformation in ganz Deutschland angekommen war.

veröffentlicht am 27.02.2017 um 15:38 Uhr
aktualisiert am 27.02.2017 um 18:58 Uhr

Das Glasbild von Antonius Corvinus hängt in der Stadtkirche St. Nicolai. Foto: kb
Beißner

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Karin Beißner Reporterin
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Das Weserbergland und damit auch Bodenwerder und Kemnade erreichte der neue Glaube erst 25 Jahre später, im Oktober 1542. Dem Mann, der sie zu uns brachte, begegnen wir täglich in der Stadt, wenn wir durch den Corvinusgang gehen, der nach ihm benannt wurde.

Antonius Corvinus wurde 1501 als Anton Rabe (Corvinus ist die Übersetzung des deutschen Namens Rabe) in Warburg geboren. Man nimmt an, dass er der uneheliche Sohn von Lippold Rabe von Canstein, des Domherrn in Paderborn, war. Mit 18 Jahren trat Corvinus als Novize ins Kloster Loccum ein, studierte in Leipzig und besuchte dann die Ordensschule in Riddagshausen bei Braunschweig. Dort befasste er sich mit den Schriften Luthers und bekannte sich schließlich zu dessen Lehre. Dem Abt des Klosters missfiel dies und der Mönch wurde 1523 als „lutherischer Bube“ aus dem Kloster verjagt. In Goslar bekam er eine Anstellung als Prediger und wurde dann der erste evangelische Pfarrer in Witzenhausen an der Werra.

Zur Zeit der Reformation regierte in den Fürstentümern Göttingen und Calenberg Herzog Erich der Ältere. Er war im Gegensatz zu seiner Frau Elisabeth zeit seines Lebens ein strikter Gegner der neuen Glaubensrichtung gewesen. Nach seinem Tod übernahm seine Witwe für den minderjährigen Sohn Erich die Amtsgeschäfte. Sie führte nun mit sanfter aber bestimmter Hand die Reformation in allen ihren Landen ein. Zur Unterstützung hatte ihr Martin Luther den engagierten Antonius Corvinus empfohlen, der sich mit verschiedenen Schriften einen Namen gemacht hatte und überall zurate gezogen wurde. Sie beauftragte den Theologen, eine Kirchenordnung für das Land Calenberg-Göttingen zu schaffen und berief ihn 1542 zum ersten Landessuperintendenten und damit zum höchsten Geistlichen. Corvinus wurde einer der Reformatoren Niedersachsens und bereiste zusammen mit Johann Bugenhagen und Martin Görlitz das Land, um für die Durchsetzung der lutherischen Lehre zu sorgen.

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Der Corvinusgang. Foto: kb

Im Oktober 1542 kam er zur Visitation nach Amelungsborn und beschloss, sich zuerst um das Kloster Kemnade zu kümmern, da die Klöster sich vehement der Reformation widersetzten. Er bestellte die Nonnen aus Kemnade ein, die aber nicht kamen. Im Visitationsprotokoll heißt es dazu: „Die junkfrauwen zu Kemnaden, welcher uber funfe nicht sein soll, haben nicht kunt komen gehen Amelungsborn deß bosen Weges halben, klagen aber schriftlich iren Armut sehre. Also auch das sie wedder pferde noch Wagen hinfurder wissen zu halten. Und so man sie nicht schutzen wurde…. so mußten sie das Brot erbetelen“.

Am 27. Oktober 1542 wurde das Kloster aufgehoben und die Nonnen von ihrem Eid gelöst. Corvinus verfügte, dass sie unter Auflagen im Kloster bleiben könnten. Sie sollten dem katholischen Glauben entsagen, über die neue Religion nicht schlecht reden, die Sakramente empfangen und ihre Ordenstracht gegen zivile Kleidung tauschen. Die Frauen unter ihrer Äbtissin Metta Sporthoff widersetzten sich zunächst diesen Anordnungen. Erst 1579 wurden sie gezwungen, das Kloster zu verlassen. Danach zog ein evangelischer Konvent dort ein, bestehend aus einer Äbtissin, sechs Konventualinnen und einem Propst, der zugleich auch Dorfpfarrer war.

Die Kirche St. Nicolai in Bodenwerder war zur Zeit der Reformation eine Filiale des Klosters Kemnade. Deshalb sollte es auch für deren Unterhalt sorgen, kam dieser Pflicht aber nicht nach. Es gab keinen Pfarrer in der Stadt. Das missfiel Corvinus und er setzte sich persönlich dafür ein: „Damit die Bodenwerder Kirche mit Gottes Wort und den Sakramenten baldigst versorgt wird, so wollen wir alsbald einen Pfarrer herschicken.“

Der erste lutherische Pastor vor Ort wurde Johannes Uthlo. Bezahlt wurde er aus verschiedenen Töpfen, unter anderem von den Gilden und dem Rat der Stadt. „Mit diesen Einnahmen soll der Pastor sich zunächst begnügen bis zu besseren Zeiten“, heißt es dazu aus dem Munde des Reformators. Am 26. April 1543 wurde in der Stadtkirche der erste evangelische Gottesdienst abgehalten.

Zur Zeit der Visitation war Antonius Corvinus auf der Höhe seines Schaffens, doch das sollte sich bald ändern, als nämlich Elisabeths Sohn Erich II. Landesherr wurde und die Regentschaft übernahm. Er wollte das Land zum Katholizismus zurückführen. Erich inhaftierte den Reformator und ließ ihn ins Verlies der Burg Calenberg werfen. Erst nach drei Jahren – zahlreiche Fürsten und Herzöge hatten sich für seine Entlassung eingesetzt – kam Corvinus frei. Er war durch die lange Kerkerhaft gesundheitlich schwer angeschlagen. Nur wenige Monate später, am 5. April 1553, starb er in Hannover an den Folgen der jahrelangen Haft. Er liegt dort in der Marktkirche begraben.

Der treueste Gefolgsmann der lutherischen Reformation hierzulande hat seinen Glauben letztendlich mit dem Leben bezahlt. Nicht nur der „Corvinusgang“ erinnert an den großen Reformator: In der Stadtkirche finden wir über dem Westeingang ein bleiverglastes Bild mit seinem Konterfei.



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