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Ein Blick in die alte Halle des Eisenbahnwerkes Bodenwerder

Adventskalender Tür 21: Relikte aus vergangener Zeit

Bis Weihnachten wollen wir für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Türen öffnen. Die Redaktion besucht Orte, die nicht für jedermann zugänglich sind und verrät das eine oder andere Geheimnis, das hinter dem Türchen steckt. Heute: ein Blick in die alte Werkshalle des ehemaligen Eisenbahnwerkes Bodenwerder.

veröffentlicht am 21.12.2017 um 06:00 Uhr

Das Eisenbahnwerk Bodenwerder wurde 1970 geschlossen. Foto: kkü
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Karin Küster Reporterin

BODENWERDER/LINSE. Ein „Türchen“ ist es nun gerade nicht, das sich für uns heute öffnet. Es ist eines der vier großen Tore an der alten Werkshalle in Linse, durch die einst Lokomotiven und Waggons hinein- und hinausgefahren wurden. „Eisenbahnwerk Bodenwerder“ steht heute noch am Gebäude. Es gehörte wie der Bahnhof Linse nebenan und die noch vorhandenen Gleisanlagen der Vorwohle-Emmerthaler Verkehrsbetriebe GmbH (VEE). Seit 2002 ist die Bahnstrecke mit allen Gebäuden im Besitz der Kultur-Bahnhof Bodenwerder GmbH, die auf der Strecke Buchhagen–Dielmissen seit 2004 Draisinenfahrten anbietet.

Die Halle ist dunkel. Lediglich durch das eben geöffnete Tor fällt etwas Licht. Auch durch ein Loch im Dach kommt etwas Tageslicht herein. Eine Lokomotive fällt sofort ins Auge. „V9 DEW“ steht auf dem Schild. Die Lok ist schon lange verkauft und bisher vom Käufer nicht abgeholt worden, erfahren wir von Oliver Victor, Gesellschafter der Kultur-Bahnhof Bodenwerder GmbH. Auf einem anderen Gleis steht ein sogenannter SKL (Schwerkleinwagen mit Kran). Er ist einsatzbereit, ein neuer Motor wurde gerade eingebaut. Der Wagen wird auch zukünftig für Reparaturarbeiten an der Draisinenstrecke und zum Rangieren gebraucht.

Eine Tür am Ende der Halle führt in die stockfinstere ehemalige Tischlerei. Eine Bohrmaschine, eine Hobelbank und eine Bandsäge sind dort aus alten Zeiten übrig geblieben. Ein großer Raum hat früher als Schlosserei gedient und ist bis auf den großen Amboss leer. Der nächste Raum, eine Werkstatt, hat Fenster. Dort steht ein großer gusseiserner Ofen. Mit einem Generator und einem Riemenantriebssystem konnten früher verschiedene Maschinen gleichzeitig angetrieben werden. Eine kleine Drehmaschine Baujahr 1938 ist gelegentlich heute noch in Gebrauch, wenn Draisinenräder nachgedreht werden müssen, weil sie sich auf einer Seite stärker abnutzen. Von Zeit zu Zeit muss der Draisinenbetreiber die Räder auch komplett erneuern. Sie werden als rohe Gussteile gekauft und an der alten Drehmaschine bearbeitet, bis sie korrekt rundlaufen. Auch eine große Drehmaschine für Eisenbahnräder ist aus alten Zeiten noch vorhanden. Sie taugt aber wohl nur noch als Exponat für ein Industriemuseum. Der insgesamt marode Zustand der Werkstätten verwundert aber nicht, wenn man bedenkt, dass sie schon 1970 geschlossen wurden.

Das Tor der alten Werkshalle wird geöffnet. Foto: kkü
  • Das Tor der alten Werkshalle wird geöffnet. Foto: kkü
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Eine alte Lokomotive mit der Aufschrift „V9 DEW“. Foto: kkü
  • Eine alte Lokomotive mit der Aufschrift „V9 DEW“. Foto: kkü
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Das Tor der alten Werkshalle wird geöffnet. Foto: kkü
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Eine alte Lokomotive mit der Aufschrift „V9 DEW“. Foto: kkü
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Wolfgang Santelmann aus Linse kennt das Werk noch aus eigener Anschauung aus seiner Kindheit. Sein Vater Kurt Santelmann (geb. 1913 in Linse), Ingenieur für Maschinenbau und Kraftfahrzeuge, wurde hier 1963 Betriebsleiter und war für den gesamten technischen Betrieb der VEE verantwortlich. In dem 1925 in Betrieb genommenen Eisenbahnwerk wurden Hauptuntersuchungen durchgeführt, Fahrgestelle aufgearbeitet, Radsätze abgedreht, Innenausstattungen erneuert. Wolfgang Santelmann schätzt, dass in den 1950er und 1960er Jahren ungefähr 25 Menschen im Eisenbahnwerk arbeiteten: Elektriker, Maler, Tischler, Schlosser, Dreher, auch Lehrlinge sind ausgebildet worden. Die Arbeitsplätze im Eisenbahnwerk waren begehrt. Die Männer hielten zusammen und es ging kameradschaftlich zu. Manchmal mussten die Arbeiter auch nachts raus, wenn beispielsweise ein Waggon entgleist war. Aus Bodenwerder, Pegestorf, Halle, Kirchbrak, Rühle und Hehlen kamen sie mit dem Fahrrad zur Arbeit, nur wenige hatten ein Motorrad. Wolfgang Santelmann erinnert sich noch gut: Die Dampfloks fuhren immer durch die beiden mittleren der vier Tore in die Halle, weil oben durch die Öffnung im Dach der Qualm abziehen konnte. Der kräftige Wilhelm Käse aus Kemnade hatte einen Posten als Nachtheizer. Er war während der Nacht für das Putzen und das Anfeuern der Loks zuständig. Man sah ihn nur schmutzig mit löchriger Arbeitskleidung, aber die Loks waren morgens früh immer blitzsauber!

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