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Nach zwölf Jahren Flurneuordnung und Triftwegesystem in der „Rühler Schweiz“ abgeschlossen

470 Hektar Landschaft umgeplant

Rühle. Für Edgar Bäkermann, Projektleiter vom Amt für regionale Landentwicklung, hat in der Gemarkung Rühle ein Mammutprojekt einen Abschluss gefunden: Nach über zehn Jahren intensiver Arbeit wurde in der Rühler Schweiz für den überaus komplizierte Nutzungskonflikt zwischen Belangen des Naturschutzes und den Interessen der Landwirte und Grundstücksbesitzer eine Lösung gefunden: Mit der vorläufigen Besitzanweisung im Rahmen des vereinfachten Flurneuordnungsverfahrens „Rühle“ zogen gestern die beteiligten Akteure eine positive Bilanz über das Modellvorhaben mit Vorzeigecharakter für ganz Niedersachsen. Gewinner der Flurneuordnung sind nicht nur die beteiligten landwirtschaftlichen Betriebe, sondern auch der Naturschutz. Und Michael Buschmann als Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises spricht von einer „Win-win-Situation für alle Beteiligten“.

veröffentlicht am 12.12.2014 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 20:21 Uhr

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Autor:

Marina Fuchs
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Der Start für das vereinfachte Flurneuordnungsverfahren in der Gemarkung Rühle, welches sich auf einer Fläche von 700 Hektar erstreckt und an dem zirca 120 Flächeneigentümer beteiligt sind, wurde bereits im Jahr 2002 gegeben. Zuvor, im Jahre 2000, waren Teile der Rühler Gemarkung zum europarechtlich geschützten FFH-Gebiet „Heinsener Klippen, Burgberg, Rühler Schweiz“ erklärt worden; was zu großer Unruhe unter den dort ansässigen Grundbesitzern geführt hatte. Das Gespenst der „Enteignung unter dem Diktat des Naturschutzes“ machte damals die Runde.

Unter Federführung des Amtes für Agrarstruktur Hannover, heute Amt für regionale Landentwicklung, haben in den zurückliegenden zwölf Jahren insbesondere die betroffenen Landwirte, die Flächeneigentümer, die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Holzminden, die Fachbehörde für Naturschutz (NLWKN) und die Domänenverwaltung des Landes Niedersachsen intensiv an Lösungen gearbeitet.

Matthias Schmidt hatte während dieser Entwicklungszeit die Aufgabe, die Ziele des Flurneuordnungsverfahrens mit den Zielen des Fauna-Flora-Habitat-Gebietes für die Fachbehörde für Naturschutz (NLWKN) in Einklang zu bringen. Schmidt, der Topografie, Flora und Fauna der Rühler Gemarkung minuziös untersucht hat: „Besonders der Erhalt und die Bewirtschaftungsweise des schutzwürdigen Grünlandes spielte von Beginn des Verfahrens eine wichtige Rolle.“

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Auf den Magerrasen-Wiesen gedeihen seltene Orchideen.

Im Rahmen des Arbeitskreises „Forum Landentwicklung“ wurden unter Moderation der Flurbereinigungsbehörde gemeinsam mit den Landwirten Konzepte für die Landentwicklung in der Gemarkung Rühle entwickelt und in den zurückliegenden Jahren umgesetzt. Zunächst standen dabei die Verbesserung der Infrastruktur und damit die Erreichbarkeit der Flächen im Vordergrund. „Nach den alten Flurkarten hatten viele Grundstücke bislang nur eine Zuwegung über ein Wegerecht“, berichtet Bäkermann, der das Verfahren seitens der Flurbereinigungsbehörde in den zurückliegenden Jahren geleitet hat. So wurde erst einmal ein neuer Wege- und Gewässerplan erstellt. Zentrale Maßnahme des Verfahrens war der freiwillige Flächentausch. Dieser erfolgte dergestalt, indem aus einem Flickenteppich zahlreicher kleiner Eigentumsflächen möglichst zusammenhängende Bewirtschaftungseinheiten entstanden. Diese Vorgehensweise ermöglicht den Landwirten zukünftig die wirtschaftliche Nutzung der Flächen.

Dass dieser komplizierte Spagat zwischen den Interessen des Naturschutzes und den zehn Rühler Landwirten, die ihrem Beruf hier noch in Voll- oder Nebenerwerb nachgehen, gelingen konnte, ist nicht zuletzt einem glücklichen Umstand zu verdanken: Der Naturschutzverwaltung des Landes Niedersachsen (NLWKN) war es gelungen, eine aufgegebene Hoffläche mit 23 Hektar Land aus Mitteln des Naturschutzetats des Landes Niedersachsen aufzukaufen. Diese Flächen hat die Behörde in das Tauschverfahren eingebracht. Gemeinsames Ziel der Fachbehörde für Naturschutz, der Domänenverwaltung und der Naturschutzbehörde des Landkreises war es nämlich auch, die Landesflächen im Rahmen des Flächentausches dafür einzusetzen, eine möglichst zusammenhängende Flächenkulisse für ein Triftwegesystem zu schaffen.

Dieses alte Triftwegesystem, das im vergangenen Jahrhundert vielfach durch Verbuschung verschwunden war, dient künftig wieder als Hauptwanderweg für eine rund 350-köpfige Schafherde eines vertraglich gebundenen Wanderschäferbetriebes und verbindet gleichsam die für den Naturschutz bedeutsamen und besonders artenreichen Grünlandflächen innerhalb der Kerngebiete der „Rühler Schweiz“. Aufgabe der Schafherden wird es künftig insbesondere sein, Landschaftsschutz zu betreiben; das heißt: die Magerwiesen durch ihren Verbiss von neuer Verbuschung zu befreien und durch ihre Beweidung geschützten Pflanzen Licht und Luft zu verschaffen. Buschmann: „Das Triftwegsystem bildet somit das Rückgrat für die zukünftige naturschutzgerechte Nutzung von Grünlandflächen auf Grenzertragsstandorten innerhalb des FFH-Gebietes.“

Der Triftweg umfasst das gesamte Gebiet der „Rühler Schweiz“ und verbindet den Weinberg bei Rühle mit dem südlichen Burgberg bei Bevern. Besonders wichtig ist für Michael Buschmann die Feststellung, dass den hiesigen landwirtschaftlichen Betrieben durch den Triftweg keine Flächen entzogen werden. Vielmehr ist es das Ziel, vakante Flächen, die im Zuge des sich abzeichnenden demografischen Wandels in der Landwirtschaft zukünftig nicht mehr genutzt werden, auch weiterhin unter naturschutzfachlichen Gesichtspunkten zu nutzen. Andererseits werden zukünftig einige Flächen des Triftweges von Mutterkuhbetrieben und Schäfereibetrieben gemeinschaftlich genutzt. Friedrich Borchers ist Landwirt aus Rühle und war während des Verfahrens der Flurbereinigungsbehörde Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft. Er versichert, dass er und seine Berufskollegen mit der jetzt gefundenen Lösung zufrieden sind, auch wenn man wohl noch eine Wirtschaftsperiode abwarten müsse, um zu sehen, wie sich das neue Nutzungssystem in der Praxis bewähre.



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