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Bewährungsstrafen im Prozess um die Cannabis-Plantage von der Bahnhofstraße

Vor der zweiten Ernte kommt die Polizei

Bad Münder/Hameln. Mit Bewährungsstrafen für die beiden Angeklagten endete der Prozess vor dem Amtsgericht Hameln gegen zwei Männer, die in Bad Münder eine große Cannabis-Plantage betrieben haben. Sie war niedersachsenweit die größte, die 2014 von der Polizei ausgehoben wurde. 987 Pflanzen stellten die Fahnder sicher.

veröffentlicht am 03.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:37 Uhr

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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite
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In das Mehrfamilienhaus an der Bahnhofstraße, in dem die Polizei am 24. Juni 2014 bei einer Durchsuchung zwei Etagen zu einem riesigen Gewächshaus umgebaut fand, hatten der 41-jährige Talat Ö. und der 34-jährige Christian G. aufwendige Belüftungs- und Bewässerungsanlagen eingebaut. „Professionell“ und „genau das Gegenteil von laienhaft“, so urteilten Experten des Landeskriminalamtes später bei der Bewertung der Anlage. Weniger professionell ausgeprägt war aber offenbar die Fähigkeit der beiden Neu-Gärtner, von Beruf Elektriker und Fitnesstrainer, Pflanzen mit ho-

hem Tetrahydrocannabinol-Gehalt (THC) zu züchten. Ein Umstand, der sich bei der Bemessung der Strafe vor dem Schöffengericht zugunsten der Angeklagten auswirken sollte.

Dass die Idee, mit Drogenanbau in großem Stil ihre finanziellen Schwierigkeiten beseitigen zu können, keine gute war, haben die beiden Angeklagten eingesehen. „Der größte Fehler in meinem Leben“, erklärte Ö. Er skizzierte vor Gericht die Situation, in der er sich bei Start des Drogen-Projektes befunden habe. Spielsüchtig sei er zuvor gewesen, habe sich sogar in Therapie begeben. Er habe sich mit den falschen Leuten umgeben, als er Spielschulden nicht bezahlen konnte, sei er massiv bedroht worden. Nachdem die Cannabisplantage aufgeflogen sei, sei er vollends abgestürzt. Er habe seine Familie, sein Haus verloren, war suizidgefährdet, depressiv, wurde – teilweise stationär – in der Psychiatrie behandelt und stehe noch immer unter psychiatrischer Betreuung.

Seinen Mitangeklagten G. will der 41-Jährige bereits rund zwei Jahre vor dem Aufbau der gemeinsamen Plantage kennengelernt haben. Auch G. brauchte Geld, nachdem der Familienbetrieb, ein Fitnessstudio, in die Insolvenz gerutscht war. Mutter und Großvater, wichtige Bezugspersonen für ihn, starben kurz nacheinander, Anfang 2014 sei er „völlig perspektivlos“ gewesen. Nach dem Auffliegen der Plantage habe G. sein Leben komplett umgekrempelt, derzeit arbeite er in Hongkong als Hotelmanager und lerne Mandarin und Russisch.

Beide Angeklagten sind vor der Entdeckung ihrer Cannabisplantage nicht polizeilich in Erscheinung getreten, sie konsumieren selbst keine Drogen. Und: Beide räumten die Tat ein. Der Staatsanwalt hatte ihnen vorgeworfen, gemeinschaftlich Betäubungsmittel besessen und mit Betaübungsmitteln „in nicht geringer Menge“ Handel getrieben zu haben. Neben den Pflanzen in der Plantage fand die Polizei bei Durchsuchungen auch bereits geerntetes Material, nach Angaben der Angeklagten stammte es aus der ersten Ernte. Auch eine scharfe Pistole mit Munition fanden die Beamten in dem Haus an der Bahnhofstraße, Ö. hatte sie in einem Kleiderschrank hinter Wäsche aufbewahrt.

In ihrem Plädoyer forderte die Staatsanwaltschaft Strafen, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden können – die beiden Angeklagten hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, für das eine Mindeststrafe von einem Jahr Haft vorgesehen sei. Strafmildernd seien Geständnisse und Reue sowie die schwierige Lebenssituation der Angeklagten und der Umstand, dass sie nicht vorbestraft waren, zu werten. Strafschärfend wirke sich die „sehr, sehr hohe Menge“ aus. „Fast zwei Kilo THC“, erklärte der Staatsanwalt. Der Verbrechenstatbestand beginne bereits bei 7,5 Gramm. Aufgrund der Schwere der Tat und des hohen THC-Gehaltes forderte er für Ö. eine Haftstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten, für G. von zwei Jahren und vier Monaten.

Hochrechnungen des

Wirkstoffs gehen Verteidigung zu weit

Für die Verteidigung ging der Antrag der Staatsanwaltschaft zu weit. Der Gesamt-THC-Gehalt könne nicht einfach nach dem höchsten gefundenen Wert hochgerechnet werden, wie es offenbar geschehen sei. Von der Plantage sei nichts in den Verkehr gelangt. „Bei den sichergestellten Asservaten lag – bis auf eine Ausnahme – die Wirkstoffkonzentration zwischen ein und zwei Prozent. Also muss zugunsten der Angeklagten von diesen geringen Werten ausgegangen werden“, erklärte Rechtsanwältin Gabriele Rieke, die Ö. verteidigte. Außerdem sei eine Hochrechnung auf das noch nicht geerntete Material schwierig, weil die Pflanzen noch hätten vernichtet werden können – beispielsweise durch Schädlingsbefall. Das Schöffengericht folgte in Teilen dieser Argumentation. Das Strafmaß: Ein Jahr und neun Monate hieß es am Ende für Ö., ein Jahr und acht Monate für G. Beide Strafen werden zur Bewährung ausgesetzt.



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