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Leukämiepatient Bernd Wiegmann sammelt Spenden für Leidensgenossen

„Jeder hat sein Päckchen zu tragen“

Bad Münder. Unter der Nummer 254828739 findet sich bei ebay-Kleinanzeigen ein ganz besonderes Angebot. Bernd Wiegmann bietet über die Plattform Reisig und Grünschnitt an – kostenlos. Wer möchte, kann dem Münderaner jedoch eine kleine finanzielle Spende für ein soziales Projekt zukommen lassen. Sein Ziel: Bis Mitte Dezember der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ein oder mehrere Tablets zu schenken, damit die Leukämie-Patienten über Skype (Internet-Telefonie) zu Weihnachten auch ihre Angehörigen sehen können.

veröffentlicht am 06.12.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:33 Uhr

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Autor:

von mira colic
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Es ist kein Zufall, dass Wiegmann gerade diese speziellen Adressaten für seinen Spendenaufruf ausgewählt hat. Erst vor drei Wochen hat der 30-Jährige die Station 79 (Knochenmarktransplantations-Station) der MHH verlassen, wo er am 21. August eine Fremdspender-Stammzelltransplantation erhalten hat. Weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie wichtig der Kontakt zu Familie und Freunden ist – vielen sei es aufgrund der Entfernung schließlich nicht möglich, zu Besuch zu kommen – hat er sich diese Aktion mit dem Grünschnitt einfallen lassen. Und die ist so naheliegend, hat seine Familie doch früher einen Weihnachtsbaumverkauf gehabt. Frisch vom Feld werden die Zweige von den Nordmanntannen oder der Blaufichte geschnitten, um damit beispielsweise Beete oder Gräber abzudecken und diese vor Frost zu schützen.

Dass Wiegmann noch keine 100 Tage nach seiner Transplantation bereits wieder auf dem Feld stehen kann, ist für die, die ihn kennen, wohl wenig erstaunlich. Der ehemalige Bundeswehrsoldat hat sich seit dem Tag der Diagnose nicht unterkriegen lassen. Am 9. April haben ihm die Ärzte gesagt, dass er Leukämie hat. Seine Reaktion: „Haben Sie ein Ladekabel für mein Handy?“ Auch im Rückblick für Wiegmann eine ganz natürliche Reaktion: „Ich wollte schließlich meine Familie informieren und das Handy war aus.“ In der gleichen Woche wurde er an die MHH überwiesen, eine Freundin fuhr ihn die 500 Kilometer von Stuttgart, seinem jetzigen Wohnort, nach Hannover.

Hier erwartete ihn die erste Chemo-Therapie. „Die habe ich noch gut vertragen, die zweite musste allerdings abgebrochen werden, weil ich hohes Fieber bekommen habe.“ Intensivstation folgte. Und die Haare fielen ihm aus. „Für uns Kerle ist das ja weniger schlimm.“ Bedrückt habe ihn eher der Bewegungsmangel. „Wenn man an der Maschine hängt, ist der Bewegungsradius acht Meter lang, so lang ist das Kabel.“

Wer ihm letztlich das Leben mit der freiwilligen Spende gerettet hat, weiß er nicht. Das Verfahren ist anonym. „Ich weiß nur, dass es ein 30-Jähriger war, der in einem englischen Krankenhaus gespendet hat.“ Bedanken wolle er sich auf jeden Fall. Seine Postkarte – die ebenfalls keine persönlichen Angaben enthalten darf – wird weitergeleitet. „Erst in zwei Jahren darf ich erfahren, wer es ist, sofern er das auch möchte.“

Warum der 30-Jährige sein Schicksal so locker nimmt? „Jeder hat doch sein Päckchen zu tragen. Ich hoffe, ich bin jetzt durch“, sagt er lachend. Lustig sei es auch in seinem Zimmer in der MHH zugegangen. „Außer wenn ich einen Choleriker neben mir liegen hatte.“ So hätte das Pflegepersonal auch mal ein Auge zugedrückt, wenn mehr als die zwei erlaubten Besucher im Zimmer waren. Da werde schon genau abgewägt, ob es den Patienten gut tue oder nicht. „Im Krankenhaus habe ich meinen 30. Geburtstag gefeiert, so bin ich wenigstens ums Fegen drum herumgekommen“, sagt Wiegmann und lacht schon wieder.

Er sei zwar auf dem Weg der Besserung, müsse aber noch vorsichtig sein. Seiner Mutter hat er etwa den Besuch verbieten müssen, weil sie erkältet ist. Einkaufen ging anfangs nur mit Mundschutz. Menschenansammlungen meidet er. „Am schlimmsten ist für mich, dass ich nicht in die Sonne darf.“ Im Haus sind die Jalousien runtergezogen, zwei Jahre muss er sich vor den UV-Strahlen schützen. Nach draußen geht er nur mit Hut, längere Spaziergänge sind nur im schattigen Wald möglich. Viele Lebensmittel, die er früher gerne gegessen habe, seien tabu. „Alles, was sich nicht kochen oder schälen lässt, kann für mich gefährlich werden.“ Das schließt Beeren, Nüsse und Salat ein.

Nichtsdestotrotz macht der gelernte Veranstaltungskaufmann und Marketingassistent schon wieder Pläne. Er möchte bereits im März, nach der Reha, wieder arbeiten können. Bis dahin ist seine Wohnung untervermietet. Und solange genießt er die schöne Aussicht auf Bad Münder aus dem Haus seiner Familie an der Deisterallee. Einmal pro Woche fährt er zur Untersuchung in die MHH. Vor Weihnachten, so seine Hoffnung, mit einigen Tabletts im Gepäck. 100 Euro hat er bereits zusammen.



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