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Beim Denkmalschutz stehen sich oft verschiedene Interessen gegenüber – und die historische Bausubstanz verfällt weiter

Zwischen reiner Lehre und pragmatischen Lösungen

Aerzen (sbr). Für die zuständigen Behörden sind sie wahre Schätze, die es um fast jeden Preis zu erhalten gilt, für ihre Besitzer hingegen sind sie nicht selten der berühmte Klotz am Bein, den diese lieber heute als morgen los wären: Am Thema „Denkmalgeschützte Gebäude“ scheiden sich die Geister. Nach Angaben des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz gibt es im gesamten Bundesgebiet rund 1,4 Millionen Kulturdenkmäler. Die bauwirksamen Investitionen in diesem geschützten Bestand belaufen sich laut Deutscher Stiftung Denkmalschutz jährlich auf 15 Milliarden Euro, denn bei der Sanierung oder Instandsetzung historischer Bausubstanz sind hohe Anforderungen an die Architekten und Handwerksfirmen zu stellen, um eine fachgerechte Durchführung und die Erhaltung des Denkmalwertes zu gewährleisten. Der Landkreis Hameln-Pyrmont verweist auf 1500 Baudenkmale in seinem Zuständigkeitsbereich. Im Flecken Aerzen sind fast 200 Baudenkmale und historische Bauten registriert – und bei einigen Objekten stoßen privates und öffentliches Interesse bereits seit vielen Jahren hart aufeinander.

veröffentlicht am 13.02.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:21 Uhr

Teilweise gibt es viel zu tun – so auch im Ortskern. Insgesamt gibt es fast 200 Baudenkmale und historische Bauten.  Foto:
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Der Fachdienst 42, Bauaufsicht des Landkreises Hameln-Pyrmont, nimmt die Aufgaben der unteren Denkmalschutzbehörde für das Kreisgebiet wahr und sieht sich mit seinem Fachwissen als „Anwalt“ für denkmalgeschützte Gebäude, erklärt Anja Hegener, die Pressesprecherin des Landkreises. Die zuständigen Fachdienstmitarbeiter beraten, wenn Eigentümer Maßnahmen an einem Kulturdenkmal vornehmen wollen, beispielsweise in Bezug auf bautechnisch sinnvoll anzuwendende Baustoffe und Fördermöglichkeiten. „Frühzeitige Beratungsgespräche ermöglichen eine für alle zufriedenstellende Lösung eventuell auftretender Probleme“, signalisiert der Fachdienst Gesprächsbereitschaft. „Gebäude und Geschichte geben einer Stadt oder einem Dorf ein unverwechselbares Profil. Sie schaffen für die Bewohner Identität und Lebensqualität. Die Bewahrung der gebauten Zeugnisse unserer Vergangenheit ist daher ein wichtiges Anliegen des Denkmalschutzes und eine Aufgabe im öffentlichen Interesse“, so der Fachdienst.

Aber was tun, wenn öffentliche Interessen mit privaten Möglichkeiten oder einer möglichen wirtschaftlichen Nutzung nicht in Einklang zu bringen sind? „Erhaltungsmaßnahmen an einem Baudenkmal können vom Verpflichteten nicht verlangt werden, wenn diese ihn wirtschaftlich unzumutbar belasten. Der Nachweis ist jedoch vom Eigentümer der denkmalgeschützten Immobilie zu erbringen“, erklärt Anja Hegener die aktuelle Rechtslage. Provisorische Reparaturen und Sicherungsmaßnahmen, wie sie bei mehreren einsturzgefährdeten, nicht nur denkmalgeschützten Häusern in Aerzen in der Vergangenheit auf Veranlassung des Landkreises durchgeführt wurden, sind sicher nicht das Beste, was so einem alten Gebäude passieren kann, wissen auch die Denkmalschützer.

Und die Zeit, die in Sachen Erhalt ungenutzt verstreicht, nagt zusätzlich an der verfallenden Bausubstanz. „Dabei spart jedes Gebäude, das erhalten bleibt, auch Ressourcen“, gibt die Pressesprecherin zu bedenken. Oft beklagt wird das viel zu eng geschnürte Korsett, in das sich Besitzer von denkmalgeschützten Immobilien von Amts wegen hineingezwängt fühlen. In Sachen Gestaltungsvorschriften einhergehend mit dem Denkmalschutz verweist der Landkreis jedoch auch auf Regelungen der einzelnen Kommunen: „In der Aerzener Gestaltungsfibel ist zum Beispiel auch geregelt, was ortstypisch ist“, erläutert Anja Hegener. Und so kommt für Gebäude in einem festgelegten Bereich des Fleckens beispielsweise kein Schieferbehang als Wetterseitenschutz in Frage, da dieser Fassadenbehang als Harz-typisch angesehen wird. Landschaftstypisch für das Weserbergland waren und sind hingegen ein Behang aus Ziegeln oder Holz, wie die zuständige Fachdienstmitarbeiterin erklärt.

„Der Flecken Aerzen hat eine Gestaltungsrichtlinie erlassen, die ausschließlich für das Städtebaufördergebiet im Ortsteil Aerzen entwickelt worden ist. Es ist ausdrücklich eine Richtlinie, die Ausnahmen zulässt. Die Beachtung landschaftstypischer Gestaltungsmerkmale wird aber durch erhebliche Städtebaufördermittel unterstützt“, ergänzt Aerzens Erster Gemeinderat Andreas Wittrock die Ausführungen des Landkreises. Dabei sieht er die Frage nach dem verwendeten Behang einer Fassade gar nicht als das herauszustellende Problem des Denkmalschutzes: Viel mehr ginge es um den vorgeschriebenen Erhalt der denkmalgeschützten Gebäude an sich, auch des Innenlebens, also den Wohnraum, die Wohnqualität betreffend, so die Ansicht des Ersten Gemeinderates. Ein denkmalgeschütztes Haus, geerbt oder erworben, ist eine Herausforderung, der nicht jeder gerecht werden kann, weil die finanziellen Mittel nicht in jedem Fall ausreichend zur Verfügung stehen.

Insofern kann Erben auch eine Last darstellen, gibt er zu bedenken. „Derjenige, der gezielt ein Denkmal erwirbt, geht mit einer ganz anderen Einstellung an die Bausubstanz heran und weiß, auf was er sich einlässt. Kurzum geht es um die Frage, inwieweit der Denkmalschutz zulässt, denkmalgeschützte Gebäude heutigen Wohn- und Lebensbedingungen anpassen zu lassen, damit die Häuser nicht dem Verfall preisgegeben werden“, erklärt Andreas Wittrock seinen Standpunkt zum Thema Erhalt um jeden Preis.

Dass die Sache mit dem Denkmalschutz nicht immer ganz einfach ist, bekam auch die Verwaltung des Fleckens Aerzen in jüngster Vergangenheit zu spüren. Untergebracht in einem „symmetrisch angelegten zweistöckigen Fachwerkbau mit zwei Quereingängen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unmittelbar hinter der Kirche gelegen“, so die Kurzbeschreibung im Verzeichnis der Denkmäler und historische Bauten in Aerzen, wird auch hier von den Denkmalschützern die strenge Einhaltung der Vorgaben gefordert. Ob sich die Nutzungsmöglichkeiten des Rathauses in Hinblick auf die Zukunft mit den anstehenden Investitionen in den Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes wirtschaftlich vereinbaren lassen, soll ein in Auftrag gegebenes Gutachten klären. Dass sich ein denkmalgeschütztes Haus nicht einfach verkaufen lässt, kann der Erste Gemeinderat anhand gleich mehrerer Beispiele belegen und appelliert aus diesem Grund an die zuständige Behörde, nicht den Erhalt um jeden Preis zu fordern, sondern mit objektivem Augenmaß realistisch die Wirtschaftlichkeit einer möglichen Nutzung zu betrachten.

Nicht immer wurden Aerzener Gebäude mit Geschichte vor Ort erhalten. Die von Hilmar von Münchhausen 1561 auf dem Amtshof errichte 50 Meter lange und 16 Meter hohe Zehntscheune beispielsweise wurde in Aerzen abgebaut und dient seit 1980 im Cloppenburg als repräsentativer Eingang zum Museumsdorf. Und auch eines der ältesten Fachwerkhäuser Aerzens, das sogenannte Klingenberg- oder Logeshaus, wurde 1967 vom Keksfabrikant Bahlsen erworben, an seinem ursprünglichen Standort an der Osterstraße abgetragen und in Hannover-Bemerode wieder aufgebaut.



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