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Johannes Schraps wirbt bei seiner Aerzener SPD-Basis für den Koalitionsvertrag – und erlebt kaum Gegenwind

Zwischen Grünkohl und großer Politik

AERZEN. 463 723 SPD-Mitglieder dürfen über den Koalitionsvertrag abstimmen – zuvor wirbt die Parteiführung dafür an der Basis. Zuvor war schon der heimische Bundestagsabgeordnete Johannes Schraps zu Gast bei seinem Aerzener Ortsverein. Zwischen Grünkohl und großer Politik – Momentaufnahmen zur Stimmung.

veröffentlicht am 11.02.2018 um 16:46 Uhr
aktualisiert am 11.02.2018 um 20:10 Uhr

Wehmütige Erinnerungen an frühere Zeiten: Friedrich Quast (re.), seit 50 Jahren in der Partei, hätte Neuwahlen befürwortet. Johannes Schraps (li.), hier im Gespräch mit dem Jubilar, wirbt in Aerzen für die Koalitionsvereinbarungen.
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Natürlich ein Heimspiel für Johannes Schraps, der weiß, dass ihm als SPD-Bundestagsabgeordneten noch ganz andere Versammlungen bevorstehen. Fast in wohlwollender Atmosphäre kann er nach einem turbulenten Tag auf der politischen Bühne in Berlin mit dem Verzicht von Martin Schulz auf das Amt des Außenministers bei den Aerzener Sozialdemokraten zur Lage der Partei sprechen. Dabei sei seine Stimme angeschlagen, sagt der Groß Berkeler. Fünf, sechs Versammlungen stünden ihm noch bevor in den nächsten Tagen, vor allem, um für das Verhandlungsergebnis zur Großen Koalition zu werben. „Da muss ich wohl viel sprechen“, ahnt Schraps, dann viel Überzeugungsarbeit leisten zu müssen.

Das traditionelle Grünkohlessen steht am Freitagabend bei der heimischen Basis auf dem Programm. Über mangelnde Resonanz muss sich der Aerzener Parteivorsitzende Heinz-Helmuth Puls nicht beklagen. Ein fester Bestandteil der Partei, die in der Gemeinde nach vier Austritten (Puls: „Auch wegen der Bundespolitik“) bei fünf neuen Mitgliedern noch auf aktuell 99 Sozialdemokraten kommt. „Dabei waren wir lange Zeit der Ortsverein, der noch gewachsen ist“, erzählt er im Gespräch. Vergangenheit.

Die Gegenwart? Klar, der Grünkohl im Reinerbecker Gasthaus Heuer lockt erst einmal Beifall für den Koch hervor. Folgen dann deftige Worte der deftigen Hausmannskost, bevor Hochprozentiges die Mahlzeit beschließt? Politik spielt zunächst nur am Rande eine Rolle. Egal, was sich in Berlin ereignet. Selbst Schraps steckt an diesem Freitag nicht mittendrin in einer Entwicklung, die von den Sozialdemokraten in der Hauptstadt mit Fassungslosigkeit begleitet wird, weil der Amtsverzicht von Schulz die Partei in neue Turbulenzen stürzt. Schraps hetzte tagsüber von Termin zu Termin. Klausur in Springe mit dem Vorstand der SPD Niedersachsen und den Landesgruppen Niedersachsen/Bremen in der SPD-Bundestagsfraktion, dann fuhr er weiter nach Uslar, wo die Demag als großes Unternehmen vor Ort die Hälfte der Arbeitsplätze streichen will, in Bodenwerder besuchte er die Oberschule, die einen Sportförderpreis erhalten hat. Nun also Reinerbeck – „schön, wenn man in die Heimat kommt“, sagt Schraps. „Auch wenn das jeder anders definiert.“

„Es gab vier Austritte – auch wegen der Bundespolitik. Heinz-Helmuth Puls SPD-Vorsitzender in Aerzen
  • „Es gab vier Austritte – auch wegen der Bundespolitik. Heinz-Helmuth Puls SPD-Vorsitzender in Aerzen

Fern der Heimat brennt es in Berlin. „Eine turbulente Zeit“, sagt der neue Abgeordnete. Noch bevor er mit Verspätung im Gasthaus eingetroffen ist, erlebte dort Friedrich Quast eine besondere Ehrung. 50 Jahre Parteimitglied, ein schöner Moment für jeden Vorsitzenden, dann die Urkunde zu überreichen. Und Quast erzählt stolz, noch für Willy Brandt den Wahlkampf gemacht zu haben. Mit Erfolg natürlich. Das frühere langjährige Aerzener Ratsmitglied, dabei an der Spitze des Bauausschusses, bezeichnet sich nicht als Freund der Großen Koalition. Neuwahlen wären ihm lieber gewesen. Und Quast richtet den Blick in frühere Zeiten. „Damals gab es noch Zusammenhalt bei den Genossen.“

Quast ist einer von 99 Aerzener Sozialdemokraten von bundesweit 463 723 Genossen, die bei einem Mitgliedervotum bald über den Koalitionsvertrag abstimmen können. Viele kritische Fragen muss der Abgeordnete Schraps nicht fürchten an diesem Abend. Selbst der Aerzener Parteivorsitzende gibt ihm ermutigende Worte mit auf den Weg nach Berlin. Dabei erzählt Puls am Rande, dass er nach wie vor gegen die Große Koalition sei. Allerdings bilde er damit in Aerzen in der Minderheit. Bei einer Versammlung im Dezember habe er bei einer Probeabstimmung mit einem Juso-Mitglied gegen eine Regierungsbeteiligung der SPD votiert. 15 Sozialdemokraten seien dafür gewesen, sagt Puls. Beim Essen hält er sich zurück mit mahnenden Worten.

Schraps wirbt für die Große Koalition mit Überzeugung. Beim Grünkohlessen in Reinerbeck fällt ihm das leichter. Am Donnerstag dürfte er bei einer Parteiveranstaltung mit den Sozialdemokraten aus Aerzen, Emmerthal und Bad Pyrmont im Vorfeld der Mitgliederbefragung mehr Gegenwehr erfahren. Doch der Groß Berkeler hat sich deutlich positioniert zu den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen (Schraps: „Eine starke sozialdemokratische Handschrift“), auch wenn „niemand mit jedem einzelnen Satz dieses Vertrages zu 100 Prozent einverstanden sein“ werde – „das geht auch mir so“. Doch er räumt die Probleme mit der Deutungshoheit ein. Die Medien hätten mehr Interesse an den Einschätzungen von ihm und anderen Sozialdemokraten zu den Personalien gehabt und die Debatte auf den Konflikt mit Parteichef Schulz fokussiert.

Persönlich noch näher geht ihm aber etwas anderes, wie er den Aerzenern erzählt. Seine positive Einschätzung zu der Koalitionsvereinbarung hatte er auf Facebook veröffentlicht, wo ihm unerwartete Reaktionen entgegengeschlagen seien. Mehrfach. Ihm gehe es doch nur darum, sein Bundestagsmandat zu behalten, hieß es. Auch wenn Schraps den Kritiker nicht namentlich nennt: „Du argumentierst also nicht ohne Eigennutz“, schrieb ihm ein nicht unbedeutender Sozialdemokrat aus dem Ostkreis. Bei der Bundestagswahl habe er mit seinem deutlichen Ergebnis hohes Vertrauen erlebt, dass ihm nun nicht mehr entgegengebracht habe, bedauert Schraps. „Man braucht ein dickes Fell“, sagt er.

Die Sitten in der Politik sind rauer geworden, wie er manchmal durchblicken lässt. Zwar hatte er schon zuvor Erfahrungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten sammeln können, nun steckt er aber mittendrin im Berliner Machtzentrum. Nicht nur die sozialen Medien sind es. Der Kampf um Nachrichten nimmt an Schärfe und vor allem an Tempo zu. „Noch bevor die Sitzung der Fraktion beendet ist, stehen schon erste Details auf Spiegel online“, erzählt er.

Und die Personalie Schulz, die an diesem Tag die Schlagzeilen bestimmt? Ähnlich sickerten die Informationen durch, die auf Betreiben des mächtigen SPD-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen zu dem Amtsverzicht geführt haben sollen. Darauf geht Schraps nicht näher ein. Aber er bekundet, in dem Noch-Parteivorsitzenden durchaus den künftigen Außenminister gesehen zu haben. Die Koalitionsvereinbarungen würden deutlich die Handschrift von Schulz zur Europa- und Außenpolitik tragen, sagt der Groß Berkeler, der selbst bei der EU in Brüssel gearbeitet hat.

Und die Zwischenfrage aus dem Aerzener Ortsverein, wie das mit dem amtierenden Außenminister Sigmar Gabriel gelaufen sei? „Gabriel ist viel gelobt worden von denen in der Fraktion, die ihm nahestehen“, sagt er. Und lässt durchblicken, dass er ihn nicht für den geeigneten Außenminister hält. Dass Gabriel dann auch noch den Machtkampf befeuert, in dem der um sein Amt fürchtende Politiker gezielt Informationen an die Medien liefert, befremdet Schraps. Die Stellungnahme sogar sorgsam angereichert mit Zitaten als Spitze gegen Schulz von Gabriels kleiner Tochter Marie („Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“) – der Groß Berkeler schüttelt verständnislos den Kopf.

Schraps lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er die Regierungsverantwortung seiner Partei unterstützt, auch wenn er nach dem Wahlabend genauso wie Schulz eine Große Koalition ausgeschlossen hat. „Wir haben gemeinsam als Partei den Kurswechsel beschlossen“, begründet er die neue Situation nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche und dem Appell von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der Kampagne der Jungsozialisten erteilt der 34-Jährige, selbst einst Mitbegründer der SPD-Nachwuchsorganisation in Aerzen, eine Abfuhr. „Auch wenn ich im besten Juso-Alter bin“, sagt er.

Dann bleibt natürlich der Vorwurf, dass die vergangene Große Koalition der Partei geschadet habe – der Begriff des Erneuerungsprozesses bestimmte daraufhin das Geschehen. Ob in der Opposition oder als Regierungspartei: „Den Erneuerungsprozess muss es immer geben.“ Auch vor Ort: Damit schafft der Abgeordnete dann wieder den Schwenk zur Basis beim Grünkohlessen. Im vergangenen Jahr habe er in Aerzen ein neues Parteimitglied begrüßen dürfen. Die Mahnung von Schraps an die heimischen Genossen: „Sie ist vor kurzem wieder ausgetreten, weil sie sich nicht genügend im Ortsverein eingebunden fühlte.“



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