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In kleineren Betrieben übernachten oft Geschäftsreisende / Schlosshotel lockt mit eigenem Ambiente

Zu Gast in Aerzen – aber selten wegen Aerzen

Aerzen (cb). Da kommt bei jedem Hotelier Freude auf: Gleich für vier Wochen quartierte sich der Gast im Hotel Goldener Engel ein. Doch er kam nicht als Tourist, um Aerzen und Umgebung kennenzulernen. Die Aerzener Maschinenfabrik hatte ihren neuen Geschäftsführer der indischen Tochtergesellschaft vor Ort untergebracht, der sich am Stammhaus zur Ausbildung befand. Die wenigsten Übernachtungsgäste kommen, weil sie auf Reisemessen oder in Prospekten auf Aerzen, nun wahrlich kein Touristenziel, aufmerksam geworden sind. Die kleineren Beherbergungsbetriebe – das Gros der Gäste entfällt ohnehin auf das Schlosshotel Münchhausen mit seinem 5-Sterne-Luxus – profitieren von Geschäftsreisenden, Vertretern oder Monteuren und nicht vom klassischen Urlauber. Matthias Gräbner vom Touristikzentrum Westliches Weserbergland ist bewusst, dass besonders die Aerzener Maschinenfabrik, aber auch Lenze als die beiden großen Unternehmen für eine gewisse Auslastung der Hotels sorgen. „Das spricht aber für die gute Qualität“, will Gräbner darauf aufbauen, um Urlauber als neue Klientel zu erschließen.

veröffentlicht am 25.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 09:21 Uhr

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Die Besitzer der heimischen Hotels wissen, dass nur wenigen Aerzen bislang eine Reise wert ist, wenn es nicht gerade berufliche Gründe sind. Die Aerzener Maschinenfabrik unterscheidet zwischen Kurz- und Langzeitbesuchern. Laut Stephan Brand, im Unternehmen für Marketing verantwortlich, verteilen sich geschätzt rund 300 Übernachtungen jährlich für Geschäftsreisen, Tagungen und Schulungen auf Hotels in Aerzen, Hameln und Bad Pyrmont. Hinzu kommen die Langzeitbesucher. Sie werden meistens am Unternehmenssitz in den Beherbergungsbetrieben vor Ort untergebracht, weil sie zwischen zwei Wochen und drei Monate bleiben und an Produkten der Aerzener Maschinenfabrik geschult werden. Neben Gudruns Gästehaus gilt auch der Goldene Engel wegen der Nähe mit zu den Favoriten. Und was für das Hotel spricht: „Gerade bei ausländischen Gästen sind die Speisen eine besondere Herausforderung“, sagt Brand – wie im Fall des Geschäftsführers der indischen Tochtergesellschaft. Bei Hotelbesitzer Hermann Hollerieth dürften die Gäste auch in die Küche und sich ihr spezielles Gericht wünschen und zusammenstellen.

Zahlen für Lenze kann Unternehmenssprecherin Ines Oppermann nicht nennen. Sie verweist jedoch darauf, dass im Lenze-Forum in Groß Berkel regelmäßig Schulungen, aber auch Konferenzen mit internationaler Beteiligung stattfinden. Außerdem biete Lenze den Kunden Produkttrainings an und habe gelegentlich studentische Praktikanten und Diplomanden, die manchmal aus weiterer Entfernung kommen. Die Gäste bleiben also zwischen einzelnen Tagen bis zu Wochen hier in der Region. „Die interne Reisetätigkeit hat in den letzten Jahren abgenommen“, schränkt Oppermann ein. „Viele Besprechungen laufen heutzutage internetbasiert über Netviewer, über Video- oder Telefonkonferenzen. Das spart Zeit und schont die Budgets.“ Eine Entwicklung, die Stephan Brand von der Aerzener Maschinenfabrik bestätigt: „Grundsätzlich nimmt die Zahl der Geschäftsübernachtungen für die Dauer von einer Nacht ab – es wird auch bei unseren Geschäftspartnern versucht, entsprechende Reisezeiten zu verkürzen.“

Der Sparkurs ist dem Tourismus-Geschäftsführer Gräbner längst klar. „Wir müssen umlenken“, sagt er unter Hinweis auf immer knappere Budgets in der Wirtschaft. „Da findet ein Wechsel statt. Das merken die Hotels in Aerzen ebenso wie anderswo.“ Mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen will er umsteuern, um neue Tourismusmärkte zu erschließen. Nicht nur als Zweckverband „Westliches Weserbergland“, in dem die Kommunen Aerzen, Rinteln, Hessisch Oldendorf und Auetal gemeinsam sich um weitere Zielgruppen bemühen. Dazu müsse sich in der Bevölkerung und Politik die Einsicht entwickeln, Verkäufer der Region zu sein. „Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“, sagt Gräbner.

Rund 13 000 Gäste mit gut 23 500 Übernachtungen listet die Statistik für 2011 in Aerzener Betrieben mit mindestens zehn Betten auf. Jeder Übernachtungsgast lasse 120 Euro täglich in der Region, macht Gräbner deutlich. Auch wenn Aerzen als Kernort auf den Besucher nicht den besten Eindruck macht: Die Gemeinde selbst habe eine schöne Lage mit erlebenswerter Landschaft, hinzu kommen in der Region zahlreiche Ausflugsziele. Ganz wichtig sei es, die touristische Infrastruktur zu verbessern. Als wesentlichen Schritt bezeichnet er, dass der Hansaweg als Qualitätswanderweg ausgezeichnet worden sei und auf seiner 74 Kilometer langen Route zwischen Herford und Hameln durch Aerzen führe. Die touristische Infrastruktur vom Wanderparkplatz über Hinweisschilder müsse verbessert, die Beherbergungsbetriebe sollten sich selbst interessanter darstellen. Zum einen, um als Arbeitgeber für Auszubildende, Köche oder Servicekräfte attraktiver zu werden, aber auch, um mit besonderen Pauschalangeboten die Urlauber auf sich aufmerksam zu machen. Weg von den Schnäppchen, heißt dabei die Devise. „Urlauber wollen das besondere Erlebnis, dafür sind sie bereit, mehr Geld auszugeben“, sagt Gräbner.

Wer sollte das besser wissen als Karsten Wierig, Direktor des Schlosshotels Münchhausen. „Ruhe und Genuss im sehenswerten Renaissance-Schloss, relaxte Momente im modernen Spa- und Wellness-Bereich oder entspannte Tagungen und ausgelassene Feiern in der historischen Zehntscheune“ – so wirbt das Luxushotel für sich. Wierig kalkuliert jährlich mit rund 8500 Gästen bei 15 500 Übernachtungen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Für sie ist es eher zufällig, dass der Ort hier liegt – auf das Ambiente und das Angebot kommt es ihnen an. Das Weserbergland, die Stadt Hameln, gar die Gemeinde Aerzen? „Das spielt keine Rolle“, weiß Wierig. Als Beispiel nennt er Individualgäste, die freitags anreisen – bis zur Abfahrt am Sonntag hätten manche ihr Auto nicht vom Parkplatz wegbewegt.

Auch das Schlosshotel profitiert von Firmenkunden. Ob Übernachtung oder Tagung – „es bringt uns Geschäft“. Eher um das Fest statt um die Region geht es ebenso bei Familienfeiern wie Hochzeiten oder Taufen, die oft internationale Gäste wie zuletzt aus Australien, Südafrika oder Japan brachten. „Das Schloss, das Ambiente“ gebe den Ausschlag. Weitere Zielgruppe sind die Golfer, die attraktive Anlagen in unmittelbarer Nachbarschaft finden. Bezeichnend für das 5-Sterne-Hotel: In seinem 64-seitigen Hausprospekt präsentiert es sich zwar von seinen schönsten Seiten, einen Bezug zur Region gibt es hingegen nicht. Und selbst wenn die Schlossbesucher dann im Weserbergland sind, so scheint es wenig Interesse an Märchenstraße, Weserrenaissance oder Ausflugszielen zu geben. Wierig: „Es ist selten, dass ein Gast uns danach fragt.“

Natürlich wirbt das Schlosshotel in den gängigen Prospekten, auch ganzseitig im Reisejournal des Touristikzentrums Westliches Weserbergland. „Gegen null“ gehe die Resonanz, sagt der Direktor. Das Schlosshotel Münchhausen setzt neben dem Internet vor allem auf zufriedene Gäste. Und dabei gilt der „Gefällt mir“-Effekt als beste Werbung. Die Zahl, die Karsten Wierig nennt: 75 Prozent der Gäste sagen, dass sie durch Freunde auf das Schlosshotel aufmerksam gemacht worden sind.

Bei den Hotels verfügt Aerzen über ein gutes Angebot im Vergleich zu anderen Kommunen. Um die zurückgehende Zahl der Geschäftsreisenden aufzufangen, sollen neue Zielgruppen wie beispielsweise Wanderer umworben werden.

Montage: Dana



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