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Vom Leben an der Bahnstrecke / An der Straße ist es viel lauter als an den Gleisen / Sanierungsarbeiten nerven Anrainer

Wenn mehrmals in der Stunde ein Zug vorbeifährt

Amelgatzen/Hanebülten/ Welsede (roh). Frank und Britta Ihme sitzen in ihrem Wohnzimmer und blicken durch die Terrassentür in ihren Garten. „Hinter den Bäumen dort, oben auf der Böschung, da verlaufen die Gleise“, sagt der Industriemechaniker. Seit 1989 wohnen die Ihmes, deren Kinder 13, 14 und sieben Jahre alt sind, auf der gegenüberliegenden Seite des ehemaligen Bahnhofs. „Als wir damals hier einzogen, haben die Züge hier noch gehalten, aber das war dann bald vorbei“, erinnert er sich. „Das Bremsen der haltenden Züge, dieses Quietschen, das war schon laut“, ergänzt seine Frau. Aber heute seien es lediglich einige Güterzüge, deren Rattern die erfahrenen Bahngleisanrainer wahrnähmen, so die Steuerfachgehilfin. Ihre Tochter Isabel berichtet ganz stolz von einem Baumhaus, das sie gemeinsam mit ihren Brüdern im Garten gebaut hätte. „Da sitze ich manchmal mit meiner Freundin und dann spielen wir“, sagt sie. Und die Böschung? Sie stemmt die Hände in die Hüften und stellt entschieden fest: „Die ist absolut verboten, da fahren doch die Züge.“

veröffentlicht am 06.02.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:41 Uhr

Früher lebten in dem Hühnerstall auch noch Hühner. Heute dient der Stall als Holzlager und Geräteschuppen. Fotos: roh
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Mehrmals pro Stunde fährt ein Zug an Ihmes Garten vorbei und es wirkt beinahe gespenstisch, wenn man im Wohnzimmer sitzt und keinen Laut hört, während nur 20 Meter entfernt ein Zug vorbeirast. Selbst die Güterzüge nimmt die Familie nicht als störend wahr. Dies allerdings sieht bei Karl-Heinz Deiters, der seit 55 Jahren ebenfalls unmittelbar an den Bahngleisen vor den Toren Hanebültens wohnt, etwas anders aus. Im Gegensatz zu Ihmes Haus liegt das Deiterssche Haus nämlich nicht rund drei Meter unterhalb der Bahngleise, sondern mehr als zwei Meter oberhalb. „Genau vor unserem Haus sind einige Schläge in den Gleisen. Die hört man bei den Güterzügen ganz genau.“

Der Unterschied ist selbst für einen Laien unverkennbar: Während ein Güterzug bei den Ihmes mit einem eher sanften Rauschen vorbeifährt, ist es das klassische Rattern eines Zuges, das in Deiters’ Wohnzimmer zu hören ist und manchmal sogar zu fühlen sei, wie der Rentner zerknirscht zugibt. Vielmehr aber ärgert sich der Mann, der selbst einige Jahre für die Bundesbahn gearbeitet hat, über einige Bäume, die im Sommer zwar einerseits Schallschutz bedeuten, im Herbst aber andererseits seine Regenrinne mit Laub füllen. „Nein, hier ist nie etwas wirklich Schlimmes passiert“, denkt er laut nach. Einmal sei ein Auto die Böschung hinab gerollt. „Die mussten die ganze Strecke sperren, bis wir den Wagen mit dem Trecker wieder hochgezogen hatten.“

Lieselore Wilke ist 78 Jahre alt, und auch die Amelgatzerin erinnert sich an keinen ernsthaften Vorfall auf den Bahngleisen. Und sie muss es wissen: „Ich bin hier geboren und ich habe auch noch nie woanders gelebt.“ Seit 78 Jahren sieht und hört sie die Züge vorbeifahren. Seit in den 1970er Jahren der elektrische Betrieb aufgenommen wurde, ist es wesentlich leiser geworden in ihrem Haus.

Früher waren die Schranken nachts ständig unten. Wer dann auf die andere Seite wollte, musste den Schrankenwärter erst wecken.
  • Früher waren die Schranken nachts ständig unten. Wer dann auf die andere Seite wollte, musste den Schrankenwärter erst wecken.
Die Bahnstrecke zwischen Bad Pyrmont und Hameln führt auch am Garten und Haus der Wilkes vorbei.
  • Die Bahnstrecke zwischen Bad Pyrmont und Hameln führt auch am Garten und Haus der Wilkes vorbei.

„Als früher noch die Dampfloks fuhren, da hat hier natürlich hin und wieder die Böschung gebrannt, aber nie so, dass es ein echtes Feuer wurde.“ Damals ließen die Lokführer die heiße Schlacke während der Fahrt ab. Während des Krieges, als der Zugverkehr auf dieser Strecke so gut wie eingestellt war, nutzte Wilke die Gleise, um ihre Freundin, die am anderen Ende des Ortes lebte, zu besuchen. Ihr Mann, Albert, mit dem sie im nächsten Jahr 60 Jahre verheiratet ist, meint: „Wenn wir mit unserer Tochter und den Enkelkindern sprechen, die hier im Ort direkt an der Straße wohnen, dann sagen alle, dass die Straße viel lauter ist als die Gleise.“

Der Rentner erinnert sich noch gut an eine Besonderheit der Dampfloks: „Wenn der Wind ungünstig stand, dann hüllte der Rauch unser Haus lange Zeit in Nebel.“ An der Böschung machten er, seine Frau und die anderen Anwohner Heu für die Tiere. Aber nicht nur dort, sondern auch auf den Feldern auf der anderen Seite der Gleise. Das Überqueren der Gleise sei damals aber relativ gefahrlos gewesen: „Damals hörte man die Züge schon lange, bevor wir sie sehen konnten.“ Eine solche Überquerung sei heute völlig undenkbar.

Auch die Ihmes erinnern sich an keine nennenswerten Vorfälle auf den Gleisen. Einmal sei eine Schranke auf ihr Auto gefallen. „Es gibt Zeiten, zum Beispiel den Berufsverkehr, da kommen wir nur schwer aus unserer Seitenstraße auf die Hauptstraße“, erklärt die Welsederin. Aber just an diesem neuralgischen Punkt befinde sich der Bahnübergang. Wenn in diesem Moment ein sich nähernder Zug die automatische Schrankenanlage auslöse, dann werde es knifflig, so die Ihmes. Mit den Schranken hat der Familienvater noch ganz andere Erfahrungen gesammelt: „Bevor die Beschrankung automatisiert wurde, gab es einen Schrankenwärter.“ Der allerdings ließ die Schranken aus Sicherheitsgründen in den Nachtstunden einfach unten und legte sich schlafen. „Ich habe damals häufig Schichtdienst gemacht, und wenn ich dann nach Hause wollte, musste ich zunächst den Schrankenwärter wecken.“ Hupen, ans Fenster klopfen, laut rufen, bei der Wahl seiner Weckmethoden sei er durchaus kreativ gewesen.

Weder Deiters noch die Ihmes und auch nicht die Wilkes wollen raus aus dem Emmertal, weg von den Bahngleisen. Sie fühlen sich wohl hier. Wenn sie etwas zu kritisieren haben, dann sind es die Sanierungsarbeiten an den Bahngleisen. Dabei seien es gar nicht einmal die nächtlichen Arbeitszeiten oder die dramatische Verknappung der Parkplätze durch die Fahrzeuge der Arbeiter, die die Anwohner ärgerten, sondern in erster Linie die schlechte Kommunikation seitens der Bahn.

Erst unlängst seien sie darüber informiert worden, dass erneut Sanierungsarbeiten anstünden. Alle Anwohner hätten ihre Autos und Fahrzeuge auf die andere Seite der Bahngleise verbracht und sich auf die Arbeiten eingestellt. Passiert allerdings sei dann gar nichts. Frank Ihme: „Man hätte uns wenigstens informieren können, dass die Arbeiten verschoben werden.“



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