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Warum sich die Fichte seit 10000 Jahren so stark ausbreitet

LÜNTORF. Die Fichte ist „Baum des Jahres 2017“. Fachleute haben sie in den Fokus genommen, weil sie als Baumart mit dem ungünstigsten Anpassungspotenzial an die klimatischen Veränderungen gilt. Sie kann Schwankungen der Niederschläge schlecht vertragen. Die Fichte stellt die Forstwirtschaft vor große Herausforderungen. Dies wurde bei der Fichten-Exkursion unter der Leitung von Christian Weigel, Chef des Forstamtes Oldendorf, in der Forstgenossenschaft Lüntorf deutlich.

veröffentlicht am 21.11.2017 um 14:34 Uhr
aktualisiert am 21.11.2017 um 18:20 Uhr

Wenn eine Fichte trocken ist oder einer Dürre ausgesetzt war, droht sie vom Buchdrucker befallen zu werden. Forstamtsleiter Christian Weigel deutet auf die die zahlreichen Gänge der Tiere hin. Foto: ubo
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Autor

Uwe Bosselmann Reporter
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Die Geschichte der Fichte in den mitteleuropäischen Breiten lässt sich fast bis zur letzten Eiszeit – etwa 8000 Jahre vor Christus – verfolgen. Der Baum mit rund 50 Arten gehört zu den Kieferngewächsen. Im Weserbergland zählt die Gemeine Fichte oder auch Rotfichte zu den bedeutendsten Bäumen, da sie recht anspruchslos ist; sie benötigt allerdings viel Wasser unter anderen zur Harzproduktion. Sie wurzeln recht flach und weit ausladend. Ihr Holz findet zahlreiche Anwendung als Bauholz und Leimbinder, in der Möbel- und Schälholzindustrie sowie im Musikinstrumentenbau und als Kisten- und Faserholz. Im Mittelalter wurden die Wälder „geplündert“ um der steigenden Nachfrage nach Holz zum Heizen und Kochen, Bauen sowie im Bergbau und Glashütten zu befriedigen. Ehemals große Waldflächen wurden fast komplett abgeholzt. Um den Wald wieder zu großer Bedeutung zu verhelfen, benutzte der sächsische Oberberghauptmann Hanns Carl von Carlowitz im Jahr 1713 in seinem Buch „Silvicultura oeconomica“ den Begriff der „nachhaltigen Nutzung“. Der Begriff wurde im Jahr 1795 vom Forstwissenschaftler Georg Ludwig Harting erklärt. Danach soll „immer nur soviel Holz entnommen werden wie nachwachsen kann“.

Durch den Raubbau, die Nutzung von Blättern und Nadeln als Stalleitreu und Notzeiten war der Waldboden so ausgelaugt, dass nur anspruchslose Kiefern- und Fichten wuchsen und die Fichte im größten Teil Europas heimisch wurde. Sie wächst recht schnell und kann bis zu 1000 Jahre alt werden kann. Allerdings entstanden dadurch aus dem ehemals stabilen, ungleichaltrigen, sich selbst verjüngenden Mischwald ökologisch instabile gleichaltrige Waldäcker. „Willst Du den Wald vernichten, so pflanze Fichten“, reimte ein Forstmeister des Forstamtes Breitental im Roggenburger Wald, nach den schweren Sturmkatastrophen des frühen 20. Jahrhunderts mit dem Meißel auf den Gedenkstein für seinen „gestürzten Wald“ – wie Horst Stern bereits 1982 schrieb. Hinzu kommen müsste der Zusatz „... nichts als Fichten auf ungeeigneten Boden“, so Stern. Der Sturm „Kyrill“ von 2007 lässt grüßen. Auch damals stürzten viele Fichten um.

Willst Du den Wald vernichten, so pflanze Fichten.

Unbekannter Forstmeister, Forstamt Breitental

Für die Forstgenossenschaften, Landesforsten und Waldbesitzer ist die Aufforstung eine schwierige Entscheidung. Ökonomie- Ökologie, Klimawandel- Bodenbeschaffenheit? Wie Forstamtsleiter Weigel deutlich machte, benötigt die Fichte viel Wasser allerdings keine Staunässe, also wasserdurchlässige Schichten. Um sie vor Wind- und Schneebruch zu schützen und die Bodenstreu zu verbessern, sollten Laubbäume, bevorzugt Buchen, den Bestand bereichern.

Die Messerklinge weist auf den Samen im aufgeschnittenen Fichtenzapfen. Foto: dpa
  • Die Messerklinge weist auf den Samen im aufgeschnittenen Fichtenzapfen. Foto: dpa

Der Anbau ist zweischneidig. Wird die Buche bevorzugt, erhalten die Fichten wenig Licht oder umgekehrt. Da Fichten recht schnell wachsen und ihre Erlöse durch die Nachfrage höher (80 bis 90 Euro/Festmeter) sind als bei manchem Laubholz sind sie eine wirtschaftlich interessante Baumart für die Waldbesitzer, Genossenschaften und Landesforsten. Zum Anderen kann niemand vorhersagen, wie sich der Klimawandel in unseren Breiten auswirkt und sich der Wasserhaushalt auf den Waldflächen stabilisiert. Daher kommen seit einigen Jahren vermehrt Douglasien in unsere Wälder, die besser mit Dürren umgehen können. Eine weitere Aufgabe für die Waldbesitzer entsteht aus der Naturverjüngung. Dabei können rund 20 000 bis 30 000 Samen auf den Hektar fallen. Gewünscht ist eine Zahl von 3000 bis 3500 Fichten auf den Hektar. Somit müssen die kleinen Fichtenbäumchen frei geschnitten werden.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden Fichten häufig auf ungeeigneten Flächen angebaut. Dadurch ist sie ein „gefundenes Fressen“ für Schädlinge. Der größte tierische Feind ist der Buchdrucker. Ist eine Fichte durch Dürre geschädigt greift der Buchdrucker direkt unter der Rinde an und zerstört den Baum in kurzer Zeit. Die Käfer durchbohren die Rinde und legen eine sogenannte „Rammelkammer“ an, von der sie drei Gänge anlegen, in dessen Nischen das Weibchen ca. 60 Eier ablegt. Die Larven fressen sich dann, jede einzelne, einen Gang, sodass durch die regelmäßigen Gänge die Rinde den Baum nicht mehr schützen kann und das Schadbild an ein Buchdruck erinnert. In warmen Sommern kann es bis zu drei Geschwisterbruten geben, was die Zahl der Jungkäfer für Fichtenbestände außerordentlich gefährlich in die Höhe schnellen lässt.

Als Fazit gab Christian Weigel den Forstgenossenschaften mit auf den Weg, die Fichte über Naturverjüngung auf guten Wasserstandorten zusammen mit Laubbäumen wachsen zu lassen und zu pflegen.

Information

Fichte oder Tanne?

Gerade zu Weihnachten stellt sich oft die Frage: Ist es eine Tanne oder eine Fichte? Wer genau hinsieht, kann die beiden Bäume doch unterscheiden: Die Zapfen einer Tanne wachsen aufrecht nach oben, man sagt: Sie stehen auf den Zweigen. Der Wind bläst die trockenen Zapfenschuppen weg, und zwar mit den Samen, die auf ihnen liegen. Vom Zapfen selbst bleibt nur ein Rest auf dem Zweig stehen, die Zapfenspindel. Sie zerbröselt irgendwann.

Fichtenzapfen dagegen wachsen nach unten: Sie hängen an den Zweigen. Irgendwann fallen sie im Ganzen zu Boden. Tannenzweige fühlen sich in der Regel weich und rund an, Fichtenzweige dagegen sind hart und piksig. dpa

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