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Wo anderen die Worte fehlen, findet Bernd Mueller die passende Ansprache – er ist Trauerredner

Warum nicht mit Jimmy Hendrix ins Grab?

Grohnde (ist). Der November ist ein Trauermonat. Zahlreiche Feiertage sind Ausdruck einer Zeit der intensiven Besinnung. Das Gedenken an Verstorbene ist oft der einzige Trost für die Hinterbliebenen. Aber auch bei Beerdigungen ist die Erinnerung gegenwärtig. Jeder Verlust sei auch ein Neuanfang, der Tod nicht das Ende, sondern Beginn einer neuen Lebensphase, sagt Bernd Mueller. Er ist Trauerredner. Die richtigen und passenden Worte zu finden, ist für den Grohnder nicht immer einfach.

veröffentlicht am 07.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 23:41 Uhr

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„Die Trauerrede muss die Herzen öffnen, muss der Trauer Raum geben, sie nicht verdrängen, sondern aufarbeiten und Richtung geben. Sie muss die Hinterbliebenen in ihrer Trauer annehmen“, sagt Mueller. Seine Aufgabe sei es, den Hinterbliebenen Antworten zu geben auf die Frage: Wie setze ich die abgeschlossene Lebenssituation über den Tod hinaus um? Natürlich stehe der Verstorbene dabei immer im Vordergrund. Wer war er? Wen hinterlässt er? Bernd Mueller nimmt sich Zeit bei der Vorbereitung seiner Trauerreden. „Ich spreche bis zu vier Stunden mit den Hinterbliebenen und sehe mir Fotos an, bis ich glaube, den Verstorbenen und seine Familie gefunden zu haben.“ Dann schreibt er seine Reden, ohne Handbuch oder Schablonen. Jede sei ein Unikat, eine nahezu lyrische Charakterstudie aller Betroffenen in ihrem gemeinsamen Umfeld.

Mueller arbeitet gerne mit Symbolen. „Ich sage alles, und ich sage nichts. Die Kunst ist es, jeden einzelnen Trauernden zwischen den Zeilen das wiederfinden zu lassen, was ihm in dieser Situation zu Herzen geht und hilft.“ Blockflöte, Orgel, Schlagzeug, Saxophon, ein ganzes Orchester, Sinfonien, Luftballons, Beamer, eine CD – alles sei möglich bei der Trauerfeier.

Jeder Wunsch werde erfüllt, denn diese Feier sei eine derjenigen im Leben, die einmalig sei und nicht wiederholt werden könne. Da gelte es die richtigen Worte zu finden, wo anderen die Worte fehlen. Eine Beisetzung im Ruhwald von Flakenholz zum Beispiel, sagt der 60-Jährige, sei immer etwas ganz Besonderes.

Ursprünglich war er als Chemotechniker in Industrie und Medizin tätig gewesen. Persönliche Lebenserfahrungen und Schicksalsschläge haben das gläubige Kirchenmitglied, den Organisten und Chorleiter zum Trauerredner umsatteln lassen. Heute verdient er sein Geld damit.

Zuhören können, Ruhe und Souveränität ausstrahlen, verständig und geduldig sein – darauf komme es an, sagt Mueller. Das ist eine seiner Stärken. Seminare in Rhetorik, Psychologie und Seelsorge, Mitgliedschaft in der Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier und die Veranlagung, Emphatie in Worte zu fassen, sind seine Empfehlung in Zeiten von „Abholen und anonymer Urnenbeisetzung“, sagt er.

Gestorben werde immer, daraus allerdings abzuleiten, Trauerredner wäre ein krisensicherer Job, sei ein Irrtum. Der Anteil stiller Urnenbeisetzungen steige stetig. Der Konkurrenzkampf sei groß. Es gebe keine spezielle Ausbildung zum Trauerredner. Die meisten Trauerredner sind, wie Mueller auch, Quereinsteiger. Er hält Reden für Verstorbene ohne konfessionelle Bindung oder auch dann, wenn die Angehörigen eine konfessionelle Ausrichtung des Abschieds nicht wünschen. Auch Gläubige, denen eine kirchliche Trauerfeier im Rahmen eines Gottesdienstes nicht persönlich genug ist, beauftragen ihn.

Feste Arbeitszeiten gebe es bei ihm nicht, meint Bernd Mueller. Tagsüber finden in den Kapellen auf Friedhöfen, in Krematorien oder im Ruhwald die Trauerfeiern statt, nachmittags und abends spricht er mit Hinterbliebenen. Dabei schaue er nicht auf die Uhr und weiß an jedem Monatsende, dass er als gewissenhafter Trauerredner nicht reich werden könne.

Und wenn’s bei ihm selbst irgendwann so weit sein wird, sagt Mueller lächelnd, „dann werde ich meine Trauerrede vorher schon geschrieben haben“.

Das Weihnachtsoratorium werde dabei ganz sicher zu hören sein, das „Halleluja“ von Händel auch, und „Großer Gott wir loben dich“ dürfe ebenfalls nicht fehlen. „Es muss richtig krachen“, sagt Bernd Mueller. „Warum nicht mit Jimmy Hendrix?“ Schließlich dröhnt der schon jetzt jeden Tag in seinem Büro.

Bernd Mueller spendet als Trauerredner den Hinterbliebenen Trost. Trauerfeiern im Ruhwald von Flakenholz sind für den Grohnder etwas Besonderes.

Foto: ist

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