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Geheimnisse der Groß Berkeler St.-Johannis-Kirche – zwischen Kunstgeschichte und Jugendkultur

Von historischen und originellen Einblicken

Groß Berkel. „BEWAHRE DEINEN FUS WENN DU ZUM HAUSE GOTTES GEHST“ und die Jahreszahl MDCCLXXVI (1776) steht über dem Südportal der Groß Berkeler St.-Johannis-Kirche in Stein gemeißelt. Tritt man weiter durch eine der beiden Seitentüren des jahrhundertealten Ziesenis-Altars, wartet im Verborgenen eine echte Überraschung. Man kommt der 1647 durch einen Brand zerstörten Vorgängerkirche, die offenbar den Namen St. Laurentius trug, zum Greifen nah. Gleichzeitig drängt sich eine brennende Frage auf: Ist es möglich, dass die berühmte Familie Medici aus Florenz ihre Spuren in der Groß Berkeler Kirche hinterlassen hat?

veröffentlicht am 02.01.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Sabine Brakhan
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Mehr als 300 Jahre lang, vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, beeinflusste sie die Geschicke Europas. Ein sogenanntes Epitaph, eine Grabplatte, die hinter dem Altar unbeachtet von den Kirchenbesuchern ein Mauerblümchendasein fristet, lässt diesen Schluss auf den ersten Blick zu. „EN IAI MEDICI“ lässt sich aus der in Stein gemeißelten Schrift in der ersten Zeile deutlich entziffern. An anderer Stelle ist fingerfertiger Tastsinn erforderlich, denn die ehemals erhabenen Buchstaben sind kaum noch zu erkennen. Hütet die Groß Berkeler Kirchengemeinde mit der Grabplatte im Verborgenen vielleicht das nördlichste Zeugnis des Wirkens der italienischen Dynastie?

Groß Berkels Pastor Simon Pabst und sein Aerzener Amtskollege Thomas Mayer winken schnell ab. „Die lateinische Grabinschrift besagt, dass hier die Knochen eines im Jahr 1596 verstorbenen angesehenen Arztes in einer Gruft bestattet wurden, der in Groß Berkel viele Jahre wirkte“, erläutern die beiden evangelischen Pastoren. Leider wurde die Grabplatte bisher nicht näher erforscht und auch aus den Kirchenbüchern sind keine Erkenntnisse zu ziehen, bedauern Pabst und Mayer. Denn: Am 6. April 1647 fielen nicht nur 43 Häuser und die dazugehörenden Nebengebäude, die Schule, das Pfarrhaus und die Kirche einem verheerenden Brand zum Opfer, auch die Kirchenbücher wurden ein Raub der Flammen.

In der Chronik des Hummeortes findet sich lediglich der Hinweis, dass aus einer noch vorhandenen Kirchensteuerrechnung hervorgeht, dass die erste lutherische Kirche Groß Berkels den Namen St. Laurentius trug. Nach der Bauakte war es eine kleine, enge Steinkirche.

Das adlige Gut in Ohr hatte eine Prieche und ein Erbbegräbnis in der St.-Laurentius-Kirche, sodass wertvolle Epitaphen für das Adelsgeschlecht von Hake sowie weitere für den 1550 in der Kirchengruft bestatteten letzten katholischen Pfarrer Berthold Lauwe und für die Familien von Reden, von Frenke und von Bevern auf dem Chor über dem Altar zu finden waren. Der Bau dieser Kirche wird auf das Jahr 1548 datiert, was ein wiederentdeckter eingemauerter Türbogenstein belegt.

Ein noch älteres Zeugnis der mittelalterlichen, vorreformatorischen Kirchengeschichte Groß Berkels dürfte der Torso eines Kruzifixes darstellen, der 1935 bei Bauarbeiten im Turm gefunden wurde und aus dem 15. Jahrhundert stammen soll. Er hat einen neuen Platz in der Sakristei gefunden. Birgt der Kirchturm noch weitere Geheimnisse? Die große Einstiegsluke an der Südseite, die nicht vom Pferd aus zu erreichen war, die Schießscharten in der zweiten Turmetage, die steinerne Wendeltreppe, die erst bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1909 wieder freigelegt wurde, und die Nische in der dicken Schutzmauer, die auf einen Kamin hindeuten, sind deutliche Zeichen dafür, dass es sich bei dem Groß Berkeler Kirchturm um einen bäuerlichen Schutzturm aus dem 13. oder 14. Jahrhundert handelt.

Welchen Sinn und Zweck die an der südlichen Turmseite eingemauerte Steinkugel erfüllte, lässt sich nicht genau klären. Zum einen dienten eingemauerte Steinkugeln als Abschreckung für den Gegner, indem sie die Festigkeit des Bauwerks nach außen hin demonstrieren sollten. Zum anderen wurden die runden Steingeschosse aber auch nachträglich als Erinnerung an eine Belagerung oder Zeugnis eines feindlichen Übergriffes in Bauwerke eingefügt.

Und sollten vielleicht die Harry-Potter-Film-Produzenten den Wunsch verspüren, eine mögliche Fortsetzung nicht in einem Studio, sondern in einer Originalkulisse drehen zu wollen, das Turmzimmer der Kirche hätte da echtes Potenzial zu bieten. Hinter einem Holzverschlag und unter einer mittlerweile dicken Schicht Staub hat der mit der Elektrifizierung der Orgel ausgediente Blasebalg die Zeit überdauert. An den Wänden befinden sich noch, wie aus einer anderen Welt herausgefallen, die alten Zeichnungen der Christlichen Pfadfinderschaft, die den Raum bis Anfang der 1960er-Jahre als Versammlungsraum nutzte. „Die eine Wandzeichnung hat ihren Ursprung aus der Pfadfinder-/Bündischen Tradition, die andere bildet den Heiligen St. Michael ab“, weiß Pastor Mayer. Und auch als Jugendraum wurde das Turmzimmer in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts genutzt, wie ebenfalls noch vorhandenen „mon cherie“- und „Schinkenhäger“-Anzeigen offenbaren, die teilweise über die Pfadfinderwandzeichnungen geklebt wurden. Zu Zeiten von Pastor Johann Bernhard Bültemeisters (1693 - 1746), der nach 53-jähriger Tätigkeit in Groß Berkel im Alter von 84 Jahren starb und dessen Konterfei in Öl noch heute die Kirche ziert, hätte es sicher solche Bildnisse innerhalb der Kirchenmauern nicht gegeben…

Einblicke gewährt Pastor Thomas Mayer: Sowohl die Pfadfinder als auch die Jugend nutzten den Raum im Kirchturm im letzten Jahrhundert und hinterließen ihre Spuren. sbr



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