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Führerschein-Auffrischungskurs für Senioren kommt gut an

Von alten „Lappen“ und neuen Regeln

AERZEN. „Rund und rot – Verbot!“ Peter Grünberg ist in seinem Element. Der Fahrlehrer hat Spaß daran, seinen Fahrschülern Wissen zu vermitteln. Allerdings haben die Schüler, die ihm an diesem Vormittag gegenübersitzen, allesamt ihren „Lappen“ bereits in der Tasche – und dass schon seit über einem halben Jahrhundert.

veröffentlicht am 25.02.2018 um 18:10 Uhr

Ellen Böger zeigt ihren „Lappen“ anno 1966. Foto: sbr
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Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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Aus dem vorigen Jahrhundert stammt übrigens auch die etwas flapsige Bezeichnung für den Führerschein, die für das Scheckkartenformat der heutigen Fahrerlaubnis so gar nicht mehr zutrifft. Und wie zum Beweis holt Ellen Böger ihren Führerschein aus der Tasche, faltet das graue Dokument auseinander und zum Vorschein kommt ein Papier-Stoff-Gemisch in DIN-A5-Format mit Lichtbild, ausgestellt am 22. April 1966. Die Aerzenerin hatte den Führerschein-Auffrischungskurs in Kooperation mit der Fahrschule Grünberg initiiert, der nun im Rahmen des Veranstaltungsprogramms des örtlichen Seniorenbeirates erstmals stattfand. Das Interesse der Senioren an dem neuen Angebot war groß. „Natürlich hat sich vor allem im Verkehrsaufkommen, aber auch im Regelwerk jede Menge geändert, seit wir die Fahrschulbank gedrückt haben“, räumt Günther Mayer ein, der seine Führerscheinprüfung in den 1950er Jahren bestanden hat. Damals wurde das Wissen noch mit Hilfe eines Verkehrssituationsmodells, auf dem kleine Fahrzeuge hin und her geschoben werden mussten, überprüft, wie der Senior berichtet. Seither sind zahlreiche neue Verkehrsschilder und Regeln dazugekommen und wollen richtig beachtet werden. Im Zuge des zweitägigen Auffrischungskurses konnte der Fahrlehrer seinen Schülern sogar ein Zusatzzeichen präsentieren, dem noch keiner seiner älteren Fahrschüler in der Praxis begegnet war: Das Zusatzzeichen Elektrofahrzeug, das zum Beispiel in größeren Städten die sogenannte Busfahrspur auch für E-Autos freigibt, wie er erklärt.

Um das Fahranfänger-Unfallrisiko zu reduzieren, haben sich Politik und Verbände einiges einfallen lassen. So wurde unter anderem jede Menge Aufklärung betrieben und das begleitende Fahren ab 17 Jahren sowie der Führerschein auf Probe eingeführt. Aber zunehmend rückt auch eine andere Gruppe von Verkehrsteilnehmern als Unfallverursacher in den Fokus: In Deutschland haben etwa zehn Millionen Menschen im Alter von über 65 Jahren einen Führerschein – Tendenz steigend, dafür sorgt die demografische Entwicklung. Nach schweren und zum Teil spektakulären Unfällen, an denen Senioren beteiligt waren, wird immer öfter ein Tauglichkeitstest für ältere Fahrer gefordert. Doch diese Forderung stößt bei Politikern und Verbänden auf Ablehnung. Aber immer mehr ältere Menschen zeigen Eigeninitiative, so wie jüngst in Aerzen, und nehmen freiwillig an theoretischen Fahrschulstunden teil. Und die Aerzener Seniorengruppe ist nicht die einige, die sich mit dem Wunsch, einen Auffrischungskurs anzubieten, an den Fahrlehrer gewandt hat, wie er berichtet.

Während der beiden jeweils 90-minütigen-Theoriedoppelstunden ist keinesfalls nur Schmusekurs im Umgang mit den Teilnehmern angesagt. „Wenn es nach einem Fahrspurwechsel plötzlich hinter einem hupt, darf die Ausrede „der kam zu schnell“ nicht gelten, wenn Fakt ist: Den habe ich gar nicht gesehen“, macht der Fahrlehrer den Senioren eindringlich deutlich. Auch für ältere Verkehrsteilnehmer gilt: Langjährige Erfahrung bedeutet nicht gleichzeitig, dass man gut und sicher fahren kann, auch wenn der Bereich, in dem sich der Verkehrsteilnehmer bewegt, bekannt ist.

Peter Grünberg warnt vor Selbstüberschätzung und mahnt die Akzeptanz von Regeln im Straßenverkehr an. „Und wenn sich Zipperlein einstellen, dann muss ich mich darum kümmern und einen Sehtest oder einen Gesundheitscheck machen lassen“, gibt er den Teilnehmern als guten Rat mit auf den Weg. Und auch den frühzeitigen Weg zur Fahrschule sollten Senioren nicht scheuen: „Man kann über alles reden, solange beim Straßenverkehrsamt nicht zuviel aufgelaufen und der Führerschein weg ist!“, so der Fahrlehrer.

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