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Einer von 39 Namen auf der Auswanderer-Bank: Erich Schütte

Von Aerzen über Cuxhaven in die Welt

veröffentlicht am 11.09.2016 um 14:22 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:17 Uhr

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Autor:

Sabine Brakhan
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Wandersmanns Eiche auf dem Kamm des Aerzener Schierholzberges ist ein Ort, der seit 15 Jahren an die Ausgewanderten aus Aerzen erinnert. Eines der Schilder erinnert an Erich Schütte, geboren 1937, ausgewandert 1958 nach Australien. Viele junge Menschen sind in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ausgewandert, vorwiegend nach Afrika, Kanada oder Australien, das wird an Wandersmanns Eiche deutlich. Was hat die gerade erst volljährig gewordenen Menschen dazu bewegt, Deutschland ausgerechnet mitten in der Aufbruchstimmung der Wirtschaftswunderjahre den Rücken zu kehren? Vor 1975 wurden Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland übrigens erst mit 21 Jahren volljährig. „Ich wollte unbedingt ins Ausland, weil damals im deutschen Handwerk die Arbeitskräfte regelmäßig im Winter entlassen wurden, was nicht unbedingt die allerbeste Voraussetzung war, um es langfristig zu etwas zu bringen. Und dazu kam, dass mir das System in Deutschland missfiel“, erzählt Erich Schütte, der gelernte Maler. Für ihn gab es drei Möglichkeiten, aber eigentlich doch nur eine Option: In Kanada wurden damals Stützpunkte und Flughäfen gebaut. „Aufgrund der extremen Kälte galt das aber als schwieriger Arbeitsplatz“, erinnert sich der Auswanderer. Als Aufseher in den afrikanischen Goldminen wollte der junge Mann ebenso wenig arbeiten, also entschied er sich für die Freiheit des fünften Kontinents. Voraussetzung für die Auswanderung war damals eine abgeschlossene Berufsausbildung und ein ärztliches Attest darüber, dass man gesund war, erinnert sich Erich Schütte. Nach der fünfwöchigen Überfahrt mit dem Auswandererschiff „Castle Felice“ von Cuxhaven nach Fremantle, einer Stadt an der Westküste Australiens, landete der Auswanderer erst einmal im Auffanglager Bonneville nahe Melbourne. Hier wurden die Neubürger nach Berufen sortiert und dorthin vermittelt, wo ihre Arbeitskraft gebraucht wurde. Erich Schütte kam nach Sydney. Als Maler ohne Höhenangst landete er schnell in einem an Drahtseilen hängenden Korb und gestaltete Hochhausfassaden. Dieser enge Zwei-Mann-Arbeitsplatz in schwindelerregender Höhe war nicht nur hervorragend geeignet, um schnelles Geld zu verdienen, er war auch gleichzeitig Schulbank, denn sein Arbeitskollege brachte ihm die englische Sprache bei. „Eine Grundvoraussetzung, um überhaupt Fuß zu fassen“, erklärt Erich Schütte, der sich ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse auf das Abenteuer Australien eingelassen hatte. Mitte der 1960er Jahre machte er sich dann mit einem Malerbetrieb selbstständig, heiratete und gründete eine Familie. In den 1970er Jahren stiegen er und seine Frau Anne in die Araber-Pferdezucht ein. Wurftaubenschießen wurde sein ganz großes Hobby. Eine unfallbedingte Rückenverletzung zwang ihn zur Aufgabe der Pferdezucht, eröffnete aber neue berufliche Perspektiven. Um seiner zielsicheren Leidenschaft weiter nachgehen zu können, entwickelte er patentierte Munition, die weniger Rückschlagkraft hatte und damit seinen lädierten Rücken schonte. Auf seiner Farm baute Erich Schütte ein Labor und eine Testanlage und entwickelte in Zusammenarbeit mit der Firma Scorpio Munition unter anderem für den zweimaligen australischen Sportschützen-Olympiasieger Michael Diamond. Mit 65 Jahren verkaufte Erich Schütte die Farm im Großraum Sydney sowie seine Patente und siedelte nach Tura Beach an die Küste von Neu-Süd-Wales um, um seinen Ruhestand zu genießen. Rückblickend sagt der heute 79-Jährige über sein Leben, dass er das, was er in Australien geschafft hat, in Deutschland nie hätte erreichen können. Aber er ist auch der Meinung, dass er heute diesen Schritt nicht mehr wagen würde, weil sich Australien verändert hat. „Als ich damals in Australien ankam, kam es mir vor, als hätte mich eine Zeitmaschine etwa 50 Jahre zurückkatapultiert“, erinnert er sich. „Es gab keine befestigten Straßen und auf Äste aufgespießte Bierflaschen dienten als Wegweiser in der Wüste. Aber die Freiheit schien damals grenzenlos“, erzählt er und kramt dabei sein „Certificate of Registration“ des „Commonwealth of Australia“ aus dem Jahr 1958 hervor. Die mittlerweile rostigen Heftklammern halten das schwarz-weiße Passbild, das den damals 21-Jährigen zeigt. Erich Schütte ist übrigens immer deutscher Staatsbürger geblieben.

Erich Schütte und sein erster australischer Ausweis. Foto: sbr


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