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Nach zweifelnden Worten von Politikern zum Zweckverband: Hotelbetreiber sprechen von Wirtschaftsförderung

Tourismus – welchen Weg geht Aerzen?

AERZEN. Wie viel Geld darf es sich eine Kommune kosten lassen, den Tourismus zu fördern? In Zeiten knapper Kassen kommen auch diese Zuschüsse auf den Prüfstand.Zuletzt stellten besonders Politiker in Aerzen das Touristikzentrum von sechs Kommunen infrage. Hotelbetreiber hingegen sprechen von Wirtschaftsförderung.

veröffentlicht am 19.02.2018 um 15:54 Uhr

Das jüngste Projekt: Die neue Beschilderung der Hotelroute im Flecken Aerzen. Foto: sbr
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Heinrich Garvens hält die politische Debatte für kurzsichtig, bei der Tourismusförderung den Rotstift anzusetzen. Aufmerksam verfolgte der Aerzener Hotelier die Äußerungen von Ratspolitikern, ob es der Gemeinde jährlich 10 000 Euro wert sein sollte, den Zweckverband „Touristikzentrum Westliches Weserbergland“ zu fördern. „Das ist doch Wirtschaftsförderung“, hält der Besitzer des Hotelrestaurants Waldquelle die Summe für gut angelegtes Geld. Besonders für die kleineren Betriebe sei es wichtig, durch die Kooperation nicht nur überregional vermarktet zu werden, sondern mit dem Team des Touristikzentrums kompetente Ansprechpartner zu haben. „Ein messbarer und greifbarer Erfolg“ auch für Aerzen, meint Garvens über die Arbeit des Zweckverbands mit inzwischen sechs Kommunen.

Ohne die Unterstützung der Experten wäre es ihm kaum möglich gewesen, seine drei Baumhaushotels zu realisieren. Eine ganz neue Klientel von Touristen sei dadurch erschlossen worden, sagt Garvens, der das ungewöhnliche Übernachtungsangebot in den Baumwipfeln mit Drei-Sterne-Komfort am Waldrand nicht nur über den Zweckverband, sondern auch bei Internetportalen wie Jochen Schweizer als Spezialist für Abenteuer- und Erlebnisreisen und anderen vermarktet. Ob aus Hamburg oder München – plötzlich entdeckten Touristen ihr Interesse für Aerzen, die sonst wohl kaum auf die Region aufmerksam geworden wären, meint Garvens.

Zwar wirbt das Schlosshotel Münchhausen mit seinen fünf Sternen ebenfalls auf ganz anderen Kanälen um seine Gäste, dennoch bleibt das Touristikzentrum für den Betrieb wichtig. „Es vertritt unserer Region sehr gut“, sagt Anika Pohlmann als Vertriebsleiterin vom Schlosshotel.

Die Naturliebhaber sind es, die das Touristikzentrum für Aerzen besonders im Blick hat, aber auch die Gäste, die sich für Kultur interessieren. Foto: Touristikzentrum
  • Die Naturliebhaber sind es, die das Touristikzentrum für Aerzen besonders im Blick hat, aber auch die Gäste, die sich für Kultur interessieren. Foto: Touristikzentrum

Zugegeben: Den Aerzenern dürfte ihr Wohnort nicht unbedingt als Urlaubsziel in den Sinn kommen. Trotzdem zählen die acht Hotels im Gemeindegebiet mit mindestens zehn Betten im Jahr 2016 insgesamt 29 318 Übernachtungen – der beste Wert überhaupt. Kleine Pensionen, Ferienwohnungen oder Privatzimmer listet das Landesamt für Statistik dabei nicht einmal mit auf. Für 2017 liegen die Gesamtzahlen noch nicht vor, doch deuten die Statistiken bis November darauf hin, an den Rekord heranzureichen.

Rund 100 Euro bringt ein Übernachtungsgast täglich in die Region, auf 20 Euro kommt ein Tagesgast, deren Potenzial noch höher ist, wie Tourismusexperten vorrechnen. „Ein erheblicher Wirtschaftsfaktor“, meint Matthias Gräbner, Geschäftsführer des Zweckverbandes – und besonders für ländliche Regionen nicht unerheblich. Den Vertretern der sechs beteiligten Kommunen Rinteln, Hessisch Oldendorf, Auetal, Aerzen, Emmerthal und Porta Westfalica hatte er jüngst die aktuellen Entwicklungen und Planungen vorgestellt – und großes Echo gefunden. Der „Reiseplaner 2018“ wirbt auf 108 Seiten für 121 Betriebe und unterschiedliche Arrangements, die Touristen in der Region buchen können. Hinzu kommen Angebote, die entwickelt und dann vermarktet werden können wie Wanderwege (zum Beispiel der Hansaweg, der Aerzen kreuzt) oder neue Qualitätsstandards für Hotels und Ferienwohnungen, die bei Gästen bei der Auswahl immer stärker gefragt sind. „Es ergibt keinen Sinn für die Kommunen, allein etwas zu machen“, sagt der Geschäftsführer. Kompetenzen, Ressourcen und Know-how gelte es zu bündeln. Allein der Druck des Reisejournals als werbeträchtiges Hochglanzmagazin beispielsweise bei Messen koste rund 10 000 Euro, rechnet Gräbner vor. Nun will er noch einmal am nächsten Donnerstag bei den Aerzener Politikern im Ausschuss für Finanzen und Wirtschaft Überzeugungsarbeit leisten.

Wie viele Arbeitsplätze am Wirtschaftszweig Tourismus hängen, lässt sich besonders beim Schlosshotel Münchhausen als größtem Betrieb der Branche in Aerzen erkennen. Anita Pohlmann nennt 83 Beschäftigte inklusive Auszubildenden, Teilzeitkräften und Minijobs. Vom Hotel profitierten Handwerker der Region ebenso wie Dienstleister von der Floristik über die Reinigung bis zur Lieferung an die Küche, listet sie auf.

Im Wettbewerb um die Touristen gilt eine professionelle Vermarktung als wichtig. Das besondere Ambiente des Schlosses mit dem Fünf-Sterne-Angebot gibt für viele Besucher eher den Ausschlag als die Region rund um Aerzen. Ein Großteil der Gäste komme nicht wegen der Namen wie Hameln oder Weserbergland in die Region, weiß Pohlmann. Bei Firmenkunden sei es sogar von Nachteil, dass die Autobahnanbindung fehle. Und: Entscheidern im Businessbereich bei Messen sei die Region manchmal unbekannt. Die Vertriebsleiterin nennt als Beispiel den Fall, dass jemand den Namensgeber des Schlosshotels für eine Stadt gehalten habe. „Wo liegt eigentlich Münchhausen?“, habe er wissen wollen.

Zwar nutzt das Luxushotel verschiedene Wege, um Gäste nach Aerzen zu locken, dennoch: Seit einigen Jahren gehört es zu einem der wenigen Betriebe, die im Reisejournal des Touristikzentrums mit einer ganzseitigen Anzeige für sich werben. Das Gesamtkonzept gehe auf, sagt Pohlmann über ein Bündel von Vertriebswegen. Der Großteil der – wieder steigenden – Übernachtungszahlen („Unsere Strategie ist erfolgreich“) sei auf das Schlosshotel selbst zurückzuführen, doch sei der Werbeeffekt durch das Touristikzentrum bei Messen nicht zu unterschätzen. Hinzu komme, dass der Zweckverband Freizeitangebote, Rad- und Wanderwege, Ausflugsziele und Veranstaltungen in der Region zusammenführe, sie kompakt für die Besucher aufbereite. Pohlmann sieht darin ein weiteres wichtiges Angebot des Zweckverbandes: „So etwas können wir unseren Gästen natürlich gut kommunizieren.“

Überzeugt zeigt sich seit Beginn der Tourismus-Kooperation Bürgermeister Bernhard Wagner. „Nur so können wir überregional wahrgenommen werden“, sagt er – und Beherbergungsbetriebe und Gastronomen würden dadurch profitieren. Außerdem ließen die Gäste ihr Geld in Aerzens Bädern, sie kauften in den Geschäften ein oder gingen in die Eisdiele, nennt Wagner als Beispiele, ebenso andere Betriebe, die mit den Hotels zusammenarbeiten würden. „Auch wenn es nicht genau messbar ist“, so glaubt der Bürgermeister: „Das Geld, das wir in den Tourismus investieren, fließt wieder in die kommunalen Kassen zurück.“

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