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„Kein hinreichender Tatverdacht“

Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen Emmerthaler Circus Fliegenpilz ein

EMMERTHAL. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat die Ermittlungen gegen Circus Fliegenpilz mit Sitz in Emmerthal eingestellt. Das bestätigte auf Nachfrage Staatsanwältin Kathrin Söfker. „Es gibt keinen hinreichenden Tatverdacht“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft zu dem Verfahren.

veröffentlicht am 22.05.2017 um 16:15 Uhr

Der Zirkus Fliegenpilz in seinem Quartier in Esperde. Ein Comeback war im vergangenen Jahr erneut gescheitert. Foto: dana
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Das Verfahren war eingeleitet worden, nachdem der Zauberkünstler Sandor Becsi Strafanzeigen gegen Bodo Hölscher als Zirkusdirektor und Beatrix Hölscher-Stockmann gestellt hatte. Darüber war der Magier mit dem Künstlernamen Sandro Rivoli bereits im März informiert worden. Inzwischen sei darüber hinaus das von Amts wegen eingeleitete Verfahren wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung eingestellt worden, erklärte jetzt die Staatsanwältin.

Becsi, der im vergangenen Jahr den erfolglosen Comeback-Versuch von Circus Fliegenpilz begleitet und Hölscher anschließend betrügerische Absicht vorgeworfen hatte, reagierte enttäuscht. Er könne nicht nachvollziehen, warum weder Staatsanwaltschaft noch die Kriminalpolizei ihn als Zeugen vernommen hätten, kritisiert er. Becsi seinerseits verweist auf Zeugen und Opfer aus den Jahren 1991 bis 2015, die sich bei ihm gemeldet hätten. Es sei nicht zum ersten Mal passierte, dass der Circus Fliegenpilz seine Mitarbeiter „oftmals mittellos auf der Straße zurückgelassen“ habe, während der Zirkus „bei Nacht und Nebel verschwand“, meint der Zauberkünstler.

Fliegenpilz-Chef Hölscher hingegen spricht von „betrügerischen Machenschaften und vorgetäuschten Tatsachenverdrehungen“, die der Artist Sandro Rivoli verbreitet habe, denen aber die Staatsanwaltschaft nicht gefolgt sei. Auch andere bekannte Persönlichkeiten der Circus-Branche habe er auf seiner Facebook-Seite mit unberechtigten Vorwürfen und Verleumdungen überzogen. Hölscher wirft ihm im Gegenzug Gesetzesverstöße vor, wegen der in Becsis Heimatland Österreich gegen den Magier ermittelt werde.

Gleichzeitig teilt der Circus-Chef mit, dass bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Rivoli erstattet wurde wegen Unterschlagung und Diebstahl des Baubuches, welches zum Zirkuszelt gehöre. Das Arbeitsgericht in Hameln habe bereits im Januar ausdrücklich verfügt, dass dieses Betriebsbuch unverzüglich zurückzugeben sei. „Trotz anwaltlicher Aufforderung ist Rivoli der Anordnung bis heute nicht nachgekommen“, so Hölscher, der übrigens schon wieder nach vorne schaut. Zwischenzeitlich hätten sich zwei Sponsoren und Investoren gemeldet, die dem Zirkus helfen möchten, wie der Direktor berichtet – „damit Fliegenpilz wieder auf Tournee gehen kann“.

Hier ist Recht gesprochen worden, was aber mit Gerechtigkeit nichts zu tun hat.

Michaela Bahlmann, Anwältin des Artisten

Der einst renommierte Zirkus, der als eine Adresse den Emmerthaler Ortsteil Esperde angibt und dort einen Teil seines Fuhrparks untergebracht hat, wollte im Frühjahr 2016 einen Neustart versuchen. Dabei versprach Hölscher sein früheres Erfolgsprogramm „Circus unter Wasser“, das bereits zur Premiere in Hameln nicht funktionierte. Bereits am zweiten Gastspielort in Paderborn war Schluss – zuvor hatte es Querelen zwischen Hölscher und den Zirkusbeschäftigten um den Lohn gegeben.

Der Fall fand bundesweit Beachtung, da der Magier Rivoli, der sich von Hölscher getäuscht sah, überregional die Geschehnisse unter der Zirkuskuppel bekanntmachte, auch wenn er selbst dadurch heftig Gegenwind aus der Branche erleben musste.

Laut Staatsanwaltschaft haben sich Hinweise auf vorsätzlich betrügerisches Handeln nicht ergeben. „Insgesamt ist hier der Eindruck entstanden, dass insbesondere der Beschuldigte Bodo Hölscher zwar mit der Absicht angetreten ist, den Zirkus Fliegenpilz wieder zu beleben, dann jedoch mit der Leitung des Zirkus – auch aufgrund von Liquiditätsproblemen – schlicht überfordert war“, heißt es aus Hannover. Die Vorwürfe, 13 rumänische Hilfsarbeiter ausgebeutet zu haben, hätten durch die Ermittlungen nicht verifiziert werden können, da sie Deutschland bereits verlassen und für Vernehmungen nicht zur Verfügung gestanden hätten. Dass ihnen die Reisepässe weggenommen worden seien, erfülle keinen Straftatbestand. Auch ein vorsätzlicher Sozialbetrug, weil teilweise Beschäftigte nicht bei der Sozialversicherung angemeldet worden seien, hätte „nicht sicher nachgewiesen werden“ können, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Noch offen bleibt das arbeitsrechtliche Verfahren. Gegen das Urteil vor dem Arbeitsgericht Hameln, das die Klage von Becsi gegen Hölscher im Januar abgewiesen hatte, legte der Magier in diesem Monat Berufung ein. In dem Verfahren geht es im Wesentlichen um die Zahlungsansprüche gegenüber Bodo Hölscher und Beatrix Hölscher-Stockmann, wobei vor allem die Streitfrage im Mittelpunkt steht, mit wem der Anstellungsvertrag geschlossen worden war. „Zu Unrecht“ habe das erstinstanzliche Gericht die Klage abgewiesen, heißt es in der Begründung der Berufung, die jetzt dem Landesarbeitsgericht in Hannover zugestellt wurde.

Das Arbeitsgericht Hameln sei seiner Argumentation gefolgt, sagt hingegen der Düsseldorfer Rechtsanwalt Siegfried Bratke, der Hölschers vertritt. „Der macht die Welle“, wirft er dem Zauberkünstler vor, dem die Gepflogenheiten in der Branche hätten bekannt sein müssen. Es sei deutlich gewesen, dass es um den Versuch eines Comebacks gegangen sei, bei dem das finanzielle Risiko so gering wie möglich hätte gehalten werden sollen, beispielsweise durch eine haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft. „Dann hätte er den Vertrag nicht unterzeichnen dürfen“, meint Bratke an die Adresse des Klägers. Den Artisten wirft der Rechtsanwalt, nach eigenen Worten seit den neunziger Jahren mit der Zirkusfamilie bekannt, im Gegenzug vor, sich „nicht vertragskonform verhalten“ zu haben. Sie hätten schon früher als vereinbart die Gage eingefordert – und damit dazu beigetragen, dass die Tournee hätte beendet werden müssen.

Ganz anders argumentiert Michaela Bahlmann, die den Zauberkünstler vertritt. „Im Arbeitsgerichtsverfahren ging es um Gerechtigkeit für einen Mann, der gearbeitet hat, sich engagiert für das Zirkusprojekt eingesetzt hat und bis heute keinen Lohn bekommen hat“, erklärt die Hamelner Fachanwältin für Arbeitsrecht. Die Schwierigkeit dabei sei, dass zwei Welten aufeinanderprallen würden: „Die der Zirkusartisten, die von Vertrauen leben, für die es darauf ankommt, wer hinter einer Tournee steht. Dort zählt der Name, die Zusage, der Ruf.“ Sie gingen mit vollem Engagement an die Sache und würden alles für „ihren“ Zirkus geben.

Dieser gute Glauben könne natürlich ausgenutzt werden. Auf der anderen Seite würden formelle Spitzfindigkeiten und auslegungsbedürftige Verträge stehen, wie die Anwältin erläutert. „Mein Mandant musste sich vom Gericht belehren lassen, dass er den handelnden Personen nicht hätte vertrauen dürfen“, meint Bahlmann. „Hier ist Recht gesprochen worden, was aber mit Gerechtigkeit nichts zu tun hat. Das ist in diesem Fall besonders bitter.“

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