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Verfahren ums Verfahren: Wie sich ein Temposünder und die Bußgeldstelle mit Wortwitz einigen

Spaßbremse? Behörde nimmt es mit Humor

Aerzen (cb). Die Geldbuße war schon happig, doch auf Ausreden wollte sich Gerd-Peter Kluwe nicht einlassen. Einsichtig und reuig zugleich zeigte sich der Grupenhäger, der mit seinem Auto das Tempo deutlich überschritten hatte. Das Bußgeld überwies der 66-Jährige umgehend an den Landkreis. Doch: Dann juckte es ihn in den Fingern. Der Temposünder schrieb der Behörde einen Brief, in dem er augenzwinkernd deutlich machte, wieso er nicht zusätzlich auch die Kosten von 20 Euro für das Verfahren übernehmen wolle. Denn, so argumentierte der pensionierte Lehrer schlitzohrig als Ortskundiger zu der doppeldeutigen Bedeutung des Begriffs: Verfahren habe er sich schließlich nicht. Während seine Frau sich sorgte, mit diesem Brief noch ein höheres Strafmaß zu provozieren, war das Antwortschreiben des Landkreises dann überraschend. Nämlich „überraschend humorvoll“, wie Gerd-Peter Kluwe meint. Von wegen bürokratischer Behörde, gegen die Einwohner viele Vorurteile hegen, wenn es sich um Schriftwechsel handelt, die ob rechtlicher Inhalte und verwaltungstechnischer Floskeln kaum verständlich sind – und sich die Vorurteile über das Beamtendeutsch dann erst recht bestätigen. Der Sachbearbeiter in der Hamelner Verwaltung erwies sich aber nicht als Spaßbremse, sondern traf in seinem Behördenschreiben den freundlich-flapsigen Ton des Grupenhägers, um Kluwe witzig-charmant zu erklären, dass er die kompletten Kosten zu überweisen habe.

veröffentlicht am 05.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 01:21 Uhr

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Was der Sachbearbeiter sicher nicht wissen konnte: Der ehemalige Lehrer ist ein Schulfreund von Winfried Bornemann, der vor allem in den achtziger Jahren durch absurde Korrespondenzen mit Behörden oder Unternehmen bekannt wurde. Die daraus entstandenen Bücher, in denen die Quatschbriefe und vor allem die oft ernstgemeinten Antworten dokumentiert waren, standen sogar in den Bestsellerlisten, populär geworden unter dem Titel „Bornemanns Briefmacken“. Kluwe war Verfasser einiger Schreiben.

Und so fielen ihm die Formulierungen nicht schwer, nachdem er im Sommer geblitzt worden war. 20 Euro fürs Verfahren, wie es im Bußgeldbescheid heißt – „das verstehe ich nun überhaupt nicht. Ich habe mich doch gar nicht verfahren“, schrieb er an den Sachbearbeiter. „Ich war auf dem direkten Weg von Grupenhagen über Groß Berkel nach Hameln unterwegs und habe mich bestimmt nicht verfahren.“ Mit der Floskel „nichts für ungut“ endete sein Schreiben ohne Unterschrift. „Nach Diktat verreist“ verwendete der 66-Jährige nämlich als Zusatz, mit dem mancher seine wichtige Selbsteinschätzung oder auch -überschätzung nach außen deutlich machen will.

Nichts für ungut, das dachte sich offenbar ebenso der Sachbearbeiter, um in die gleiche Kerbe wie der Absender zu schlagen. „Natürlich liegt es mir fern, an Ihrem Orientierungssinn oder Ihrer Ortskenntnis zu zweifeln“, gab der Mitarbeiter der Landkreis-Verwaltung dem Temposünder in dem Brief zu verstehen. „In einer Zeit, in der die junge Generation den Weg nach Hause kaum ohne Navigations-App auf dem Smartphone findet, sind die von Ihnen geschilderten Fähigkeiten nicht hoch genug anzuerkennen.“ Und der Sachbearbeiter setzt noch einen an die Adresse des Grupenhägers drauf: „Mit Ihnen an Bord der Santa Maria hätte Kolumbus den Seeweg nach Indien gefunden und der Ruhm der Entdeckung Amerikas wäre den Seefahrern zuteil geworden, die vor ihm dort landeten.“ Trotz dieses respektvollen Lobes erklärt der Mitarbeiter der Bußgeldstelle aber in ebenso launigen Worten, wieso Kluwe nicht um den zweiten Teil der Strafe herumkommt, die als Verwaltungsgebühren gesetzlich festgelegt sind. „Mit Verfahren war in ihrem Bußgeldbescheid nicht die Anwendung einer Alternativroute zum kürzesten Weg zum Ziel gemeint, sondern der Verwaltungsvorgang, den Sie mit Ihrer etwas großzügigen Auslegung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit in Gang gesetzt haben.“

Ums Bezahlen ging es Gerd-Peter Kluwe auch nicht, der Schabernack mit Behörden stand im Mittelpunkt. Wobei: Das Geschäft der Spaßschreiber sei ohnehin schwieriger geworden. In Zeiten von Scherzanrufen von privaten Rundfunksendern, Internet und nachlassender Briefkultur angesichts schnell verfasster E-Mails sei diese Form von Schriftwechseln etwas in Vergessenheit geraten. Umso mehr freut er sich daran, dass selbst in der Bußgeldstelle jemand sitzt, der seinen Humor teilt. Die Verfahrenskosten überwies er schließlich prompt. Kluwe: „Es kam mir ja nur auf den Spaß an.“



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