weather-image
Neudorff-Gläser in Königsberg im Zuge des Stadionbaus der Arena Baltika ausgegraben

Spätheimkehrer aus dem Osten

EMMERTHAL. Die Szene könnte aus einem Fernseh-Krimi stammen: In einem Starbucks-Cafe irgendwo in Berlin haben zwei Männer ein Treffen vereinbart, um ein zuvor im Internet angebahntes Geschäft abzuwickeln. Die Ware: mehrere über 100 Jahre alte, verschieden große und zum Teil noch mit dem Original-Korken verschlossene Glasflaschen.

veröffentlicht am 11.10.2017 um 17:05 Uhr
aktualisiert am 11.10.2017 um 19:00 Uhr

Jürgen und Hans-Martin Lohmann sichten die alten Neudorff-Flaschen. Foto: sbr
59.225-02

Autor

Sabine Brakhan Reporterin
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Gleich ein ganzes Dutzend dieser alten Glasgefäße wechselt an diesem Morgen in Berlin gegen Bares den Besitzer. Die zerbrechliche Fracht hatte da vermutlich bereits eine Reise von über 500 Kilometern zum Berliner Verkäufer hinter sich, 300 weitere Kilometer Bahnfahrt sollten an diesem Tag noch hinzukommen. Dann endlich waren sie angekommen.

Als Spätheimkehrer aus den ehemals deutschen Ostgebieten könnte man die alten Glasflaschen auch bezeichnen. Die beiden Emmerthaler Jürgen und Hans-Martin Lohmann halten die Flaschen ans Licht. Deutlich ist auch nach über 100 Jahren der eingeprägte Schriftzug noch zu lesen: Die ältesten Stücke tragen die Aufschrift „W. Neudorff Königsberg“, die etwas jüngeren „W. Neudorff & Co. Elberfeld früher Königsberg“.

Die beiden Geschäftsführenden Gesellschafter halten ein frühes Stück Neudorff-Firmengeschichte in Händen. Die chemische Fabrik W. Neudorff GmbH KG wurde 1854 in Königsberg (heute: Kaliningrad), im damaligen Preußen, gegründet. Sie war eine der ersten deutschen Firmen, die Pflanzenschutzmittel und Tierpflegeprodukte herstellte. Firmengründer Wilhelm Neudorff, ein Färber mit besonderem Interesse an der Chemie, entwickelte ein Sortiment verschiedenster Badezusätze, Tinkturen, Salben und Kosmetika, wie aus der Firmenchronik zu erfahren ist. Wilhelm Neudorff war auch ein früher Pionier in Sachen natürlichen Pflanzenschutzmitteln. „Das persische Insektenpulver „Spruzit“ aus Pyrethrum, einem natürlichen Chrysanthemen-Extrakt, hatte er bereits 1861 als Schädlingsbekämpfungsmittel im Sortiment. Natur-Pyrethrum ist auch heute noch ein wichtiger Bestandteil vieler Neudorff-Produkte“, weiß Hans-Martin Lohmann zu berichten.

Alte Neudorff-Flaschen – schon mit dem Aufdruck Elberfeld – früher Königsberg. Foto: sbr
  • Alte Neudorff-Flaschen – schon mit dem Aufdruck Elberfeld – früher Königsberg. Foto: sbr

Aus dieser frühen Zeit des Unternehmens dürfte die älteste Flasche stammen. Während dieses Exemplar nur den Namens-Schriftzug aufweist, wurden spätere Chargen zusätzlich mit einer Art Logo oder Emblem versehen. Schon bald nach dem Tod von Wilhelm Neudorff am 10. Dezember 1892 wurde die Firma verkauft und die Produktion, die zuvor in der Königsberger Altstadt angesiedelt war, 1903 nach Wuppertal-Elberfeld umgesiedelt. Da sich die Produkte schon damals offenbar einem guten Ruf erfreuten, firmierte der neue Inhaber weiter unter dem Namen W. Neudorff und dem zusätzlichen Hinweis „früher Königsberg“, wie die Flaschen neueren Datums belegen.

1959 übernahm dann Rudolf Lohmann, der Vater der beiden heutigen Geschäftsführenden Gesellschafter, das Unternehmen und verlegte den Firmensitz nach Emmerthal. Wie die Firma W. Neudorff von Königsberg über Elberfeld nach Emmerthal kam, wäre damit geklärt. Aber wo haben die alten Flaschen die ganze Zeit gesteckt? Das erste Exemplare tauchte im wahrsten Sinne des Wortes auf, als im heutigen Kaliningrad Arbeiter Ende der 1980er Jahre beim Reinigen der Teiche im Südpark Haushaltsgegenstände aus deutscher Zeit entdeckten. Im Zuge der Aufräumarbeiten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte man einen Teil der Trümmer von Königsberg hier versenkt. Heute sind die einst mit dem Trümmerschutt in der Versenkung verschwundenen Exponate der deutschen Geschichte der mittlerweile russischen Enklave gehoben sowie restauriert und werden im kulturhistorischen Museum im Friedländer Tor in Kaliningrad gezeigt – unter anderem auch Flaschen der Firma W. Neudorff.

Doch das Museum war offensichtlich nicht an der gesamten Fülle von gläsernen Fundstücken, die nach und nach über die Jahre von Hobby-Archäologen aus dem ausgebaggerten Trümmerschutt geborgen wurden, interessiert. Als im Zuge des Stadionbaus der Arena Baltika, einem der Austragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr, Gründungsarbeiten durchgeführt wurden, fanden sich nämlich auch in diesem Aushub jede Menge Relikte der deutschen Vergangenheit Königsbergs. Auch hier auf der im Stadtzentrum gelegenen Pregel-Insel hatte man nach dem Krieg den Trümmerschutt dazu genutzt, um ein Sumpfgebiet aufzuschütten.

Als die Nachfrage nach alten wiedergefundenen Flaschen am Antiquitätenmarkt vor Ort ausgeschöpft war, bot ein Antiquitätenhändler mit russischen Wurzeln den Lohmann-Brüdern eine erste alte Neudorff-Flasche zum Kauf an. Offenbar hatte er die Firmengeschichte recherchiert und so die Verbindung nach Emmerthal hergestellt. Als das erste, bereits heiß ersehnte Päckchen in Emmerthal eintraf, staunten die Lohmann-Brüder nicht schlecht: Die alte Glasflasche hatte den rund 70-jährigen Tauchgang gut überstanden. Dem ersten Exemplar folgten weitere unterschiedlich große Flaschen sowohl aus Weiß- als auch aus Grünglas.

Ein weiterer Verkäufer meldete sich, der ganz offenbar erfahren hatte, dass es jemanden gibt, der Interesse an den eher unscheinbaren gläsernen Behältnissen hat, zu denen nur die Wenigsten eine so enge Beziehung haben dürfen, wie die beiden Emmerthaler. Zur Verwunderung der Lohmann-Brüder bot er gleich ein ganzes Konvolut zum Kauf an. Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste und kann auch beim Handel mit alten Glasflaschen sicher nicht schaden, dachten sich die beiden.

Und tatsächlich: In dem angebotenen Flaschen-Konvolut aus Berlin befanden sich einige Exemplare, für deren tatsächliches Alter die Emmerthaler ihre Hände lieber nicht ins Feuer halten möchten, wie sie sagen. Aber ein Exemplar sticht aus der Masse heraus. „Sie dürfte eine der ältesten Glas-Verpackungen eines Neudorff-Produktes darstellen“, sind sich die Brüder einig.

Mittlerweile sind die Tiefbauarbeiten rund um die neue Arena Baltika abgeschlossen und damit schloss sich auch dieses Fenster zur deutschen Vergangenheit Königsbergs und damit auch zur Königsberger Zeit der Firma Neudorff.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare