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Autonomes Fahren: Ortsbürgermeister schlägt Verkehrsminister Gellersen und Umgebung als Modellregion vor

Roboterautos - spielt in Aerzen die Zukunftsmusik?

AERZEN. Zukunftsmusik – ohne Zweifel, räumt Ortsbürgermeister Dr. Thomas Forche mit Blick auf das „Autonome Fahren“ ein. „Doch ich bin überzeugt davon“, sagt er. Und: Mit eben dieser Überzeugung schlägt er Gellersen in einem Brief an Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies als „Modellort für autonome E-Autos“ vor.

veröffentlicht am 28.06.2017 um 15:37 Uhr
aktualisiert am 28.06.2017 um 17:17 Uhr

Immer wieder gibt es aufsehenerregende Projekte: Ein autonom fahrender Elektro-Minibus fährt im Testbetrieb im vergangenen Herbst in Karlsruhe, später auch in Mannheim. Die Frage bleibt: Wann setzen sich die neuen Technologien durch? Foto: dpa
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Der Ortsbürgermeister glaubt, dass die Zeit für vollautomatische mit Hightech ausgestattete Roboterautos, die künftig ohne Fahrer auskommen sollen, kommt. Sofern die Landesregierung demnächst Orte, Gemeinden oder Regionen als „Testraum“ suche, dann sollten Gellersen, Aerzen oder gleich das westliche Weserbergland ins Spiel gebracht werden, lautet Forches Bitte an den Minister.

„Natürlich weiß ich, dass mich einige dafür belächeln werden“, sagt der Ortsbürgermeister auf Nachfrage. Doch beim Thema autonomes Fahren bleibe er am Ball. „Das kommt“ – schneller als manche glaubten, verweist er auf Medienberichte und aktuelle Projekte mit Testregionen. Dadurch „bin ich in meiner Vision bestätigt worden“, dass gerade in kleinen Dörfern wie Gellersen die „Mobilitätsproblematik durch autonome E-Autos mittelfristig drastisch reduziert werden kann“, schreibt Forche dem Minister.

Dass Lies dem Thema grundsätzlich mit treibender Kraft gegenübersteht, weiß Forche aus einem kurzen Gespräch mit ihm vor zwei Jahren in Jühnde. Daran erinnert er auch in dem Brief: „Bereits damals habe ich gesagt, das ich mir meinen Heimatort in einigen Jahren als Modelldorf für autonome E-Autos sehr gut vorstellen kann.“

Umso interessierter verfolgt der Gellerser die Entwicklungen in Niedersachsen, wo im Frühjahr das Ministerium und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig das Projekt „Testfeld Niedersachsen“ gestartet haben. Auf 280 Streckenkilometern im Raum Hannover-Wolfsburg-Braunschweig soll künftig die Technologie selbstfahrender, autonomer Autos – allerdings nach wie vor in Begleitung von Fahrern – erprobt werden. „Das Zeitalter der automatisiert und autonom fahrenden Autos hat längst begonnen“, hieß es im März in der Stellungnahme des Ministers, der darin die Kernelemente der Mobilität von morgen sieht. „Wir im Autoland Niedersachsen haben den Anspruch und den Ehrgeiz, auf diesem Zukunftsfeld vorne dabei zu sein.“

Der Aerzener Ortsbürgermeister ist sich bewusst, in der Region auf viele Vorbehalte mit seiner Idee zu stoßen.

„Viele können sich das einfach noch nicht richtig vorstellen“, sagt er. Von vielen älteren Einwohnern wisse er aber, dass mit der Hoffnung auf mehr Mobilität durchaus der Wunsch verbunden sei, dass ein großes Ziel schneller realisiert werden könnte, als sich das manche vorstellen könnten. Und heute Zehn- oder Elfjährige, für die das Smartphone zum Alltag gehöre, hätten ohnehin einen ganz anderen Zugang zu Zukunftstechnologien, die ihnen – auch mit Blick auf die Mobilität – viel selbstverständlicher erscheinen würden. Zwar gebe es viele Fragen zu klären, verweist Forche neben technischen Punkten vor allem auf rechtliche und ethische Probleme. Doch was heute als Zukunftsmusik gelte, könne schon in wenigen Jahren das Leben prägen. Ob Gellersen, Aerzen oder die gleich die ganze Region des westlichen Weserberglandes, so Forche über seine Eindrücke in ersten Gesprächen: Diese Idee „wird inzwischen sehr begrüßt“.

Information

Zwischen Vision und Realität

  • Der Wettlauf der Regionen um die beste Ausgangsposition hat längst begonnen, um das Thema „Autonomes Fahren“ voranzubringen. Nicht nur Niedersachsen will im Praxisbetrieb ab dem nächsten Jahr neue Technologien erproben lassen. Ein ähnliches Projekt vor allem von Land und Forschungseinrichtungen geht auch in Karlsruhe (Baden-Württemberg) an den Start, um neue Erkenntnisse zu erlangen. Bremen plant nun ebenfalls ein sogenanntes „Testfeld“.
  • Ein Minibus ohne Fahrer hat im Januar bei Touren in Mannheim neue Möglichkeiten im Nahverkehr aufgezeigt. Mit bis zu 20 Stundenkilometern rollte das Fahrzeug mit je sechs Sitz- und Stehplätzen über das Kopfsteinpflaster der Stadt, präsentiert wurde das Modell EZ10 von einer französischen Firma vom Verkehrsverbund Rhein-Neckar. Eine ähnliche Testfahrt fand bereits im vergangenen Herbst in Karlsruhe statt - allerdings in allen Fällen mit einem Techniker im Bus, um notfalls eingreifen zu können, wenn die Technik versagt.
  • „Die Automobilindustrie steht vor großen Veränderungen, die von der Elektromobilität und der Digitalisierung getrieben werden“, lässt sich Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), zitieren. Die Anzahl der Fahrerassistenzsysteme, die den Fahrer unterstützen können, hat in den letzten Jahren weiter zugenommen, so der VDA. „Dadurch ist der Eindruck entstanden, dass autonome Fahrzeuge schon bald technisch machbar sein könnten“, heißt es dazu vom Verband. „Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass diese Entwicklung evolutionär verlaufen wird.“
  • Auch wenn Unternehmen wie Google mit ihren selbstfahrenden Autos einen anderen Eindruck vermitteln: „Auf dem Weg zum digitalen Auto müssen enorme technologische Hürden überwunden werden“, heißt es in der jetzt veröffentlichten Studie der Deutsche Bank Research. Zwar sei das „digitale Auto“ in seiner Idealform „keine utopische Zukunftsvision mehr“, sondern nehme allmählich Gestalt an, dennoch: „Es werden noch mehrere Jahrzehnte vergehen, bis das digitale Auto den Pkw-Bestand weitgehend durchdrungen hat; vor 2040 wird dies wohl nicht der Fall sein.“
Mein Standpunkt
Christian Branahl
Von Christian Branahl

Zugegeben. Die Idee einer Modellregion für autonome E-Autos fordert geradezu zur Skepsis heraus. Aber wahrscheinlich bedarf es Querdenkern wie Thomas Forche, das heute Unvorstellbare ins Gespräch zu bringen – um dann in Zukunft für solche Visionen zur Verfügung zu stehen.

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