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Tankwart-Legende Armgardt hört nach fast 50 Jahren auf

„Onkel Horst“ hängt die Zapfpistole an den Nagel

Aerzen. „Einmal volltanken?“ – Horst Armgardt hat nicht mitgezählt, wie oft er in seinem Berufsleben mit der Zapfpistole in der Hand diese Frage, gepaart mit einem freundlichen Lächeln, seiner motorisierten Kundschaft gestellt hat. Und während der Kraftstoff in den Einfüllstutzen floss, säuberte der Tankwart eben mal schnell unaufgefordert die Frontscheibe, prüfte auf Nachfrage den Öl- und Wasserstand des Fahrzeugs und kontrollierte auch noch den Reifendruck, wenn ihm oder dem Kunden das nötig erschien. Und man mag es heute kaum glauben: Auch Zeit für ein paar freundliche Worte fand er immer.

veröffentlicht am 30.10.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 06:21 Uhr

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Autor:

von Sabine Brakhan
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Was die Generation 40 plus zumindest von der Rückbank des Familien-Käfers aus noch persönlich miterlebt hat, scheint für die Jüngeren wie die Schilderung aus einer anderen Welt. Längst hat die Selbstbedienung an der Zapfsäule die Herren mit Overall, Oberhemd und Krawatte, wie im Heinz-Rühmann-Klassiker „Die drei von der Tankstelle“, abgelöst. Zwar hat Armgardt während seiner fast 50-jährigen Arbeit für die Familie Pradler auf der Tankstelle nie singend getanzt wie Willy, Kurt und Hans in der deutschen Filmoperette aus dem Jahr 1930, aber der im berühmten Filmschlager „Ein Freund, ein guter Freund“ besungene Helfer ist er bis heute für seine Kundschaft geblieben – dem Wandel auf dem Tankstellenmarkt zum Trotz.

Zwar haben sich die Kunden im Laufe der jüngsten Jahrzehnte emanzipiert, betanken ihre Fahrzeuge selbst und haben somit den Tankwart auf den ersten Blick zum Kassierer degradiert. Eine fröhlich gepfiffene Melodie kommt Armgardt aber auch dann noch über die Lippen, wenn es an den Zapfsäulen hektisch zugeht oder er neben dem Betrieb einmal Zeit findet, um mit dem Besen für Ordnung rund um die Tankstelle zu sorgen. Das nette Gespräch mit der Kundschaft hat nach wie vor Platz im Arbeitsalltag des Aerzener Tankwartes. Wenn es das Tagesgeschäft zulässt, prüft der 65-Jährige auch heute noch auf Bitte den Reifendruck und den nahezu ausgestorbenen Service des Betankens bietet er wie selbstverständlich für einige ältere Stammkunden und natürlich auch Menschen mit körperlichen Behinderungen an.

Vor fast 50 Jahren, am 1. April 1965, begann Armgardt seine Lehre zum Kfz-Mechaniker beim Vater der beiden Autohaus-Inhaber Dieter und Horst Pradler. Nach der Lehre arbeitete er 20 Jahre lang als Kfz-Mechaniker im Betrieb, regelmäßige Einsätze auf der Tankstelle inklusive. Seit 1988 ist Armgardt nur als Tankwart für die Familie Pradler tätig.

„Manche Kunden können bei so viel persönlichem Engagement für die Tankstelle und die Kundschaft gar nicht glauben, dass er nicht Besitzer, sondern Angestellter ist“, sagt Dieter Pradler. Neben dem Generationswechsel im Familienbetrieb hat Armgardt auch einige „Farbwechsel“ an den Zapfsäulen miterlebt.

Armgardt musste schon mal 50 Liter Kraftstoff

mit der Hand pumpen.

„Bei Aral dominierte Blau, dann kam Dea-Rot, anschließend Agip-Gelb, und heute ist die Tankstelle entsprechend den Hem-Farben in Weiß und Grün gestaltet“, erklärt Armgardt. Und mit den Kraftstoffanbietern wechselte auch die Berufskleidung. War zu Aral-Zeiten eine typische Blaumann-Kombination mit Latzhose inklusive Putzlappen in der Hosentasche angesagt, so präsentiert sich der Tankwart von heute in einer schlichten schwarzen Pullover-Hose-Kombination.

Mit der Mode haben sich auch die Aufgaben des Tankwarts in den Jahrzehnten gewandelt. „Wenn in den ersten Jahren der Keilriemen an einer der beiden Zapfsäulen gerissen war, mussten wir eben mal 50 Liter Kraftstoff mit der Hand pumpen“, erinnert sich Armgardt. Der besondere Service der Handwäsche wurde noch bis Ende der 1990er Jahre angeboten und erst mit dem letzten großen Umbau der Tankstelle, der dem Tankwart 1997 eine Zwangspause von drei Monaten bescherte, aufgegeben. Auch Reparaturen wie der Austausch von Lampen oder Scheibenwischern wurden vom Tankstellenpersonal früher nebenbei erledigt. Hatte die Tankstelle anfangs lediglich Abschleppseile und Warndreiecke neben dem Kraftstoff im Angebot, so ist das Sortiment heute so groß wie das eines kleinen Supermarktes. Aus dem Tankwart im klassischen Sinne mit Kfz-Sachverstand wurde ein Verkäufer und Kassierer, der Brötchen und Kuchen aufbackt, Kaffee kocht, den Warenbestand im Auge behält und nebenbei auch noch für volle Regale sorgt. Kurzum: Auf der Tankstelle ist nach wie vor ein Mann der Tat gefragt, daran hat sich nichts geändert. Einmal allerdings, so berichtet Armgardt, musste er im turbulenten Ostergeschäft dann doch tatenlos zusehen, wie sich ein unehrlicher Kunde ohne zu bezahlen unerkannt aus dem Staub machte. Den miesen Trick eines Wechselbetrügers hingegen hatte der aufmerksame Tankwart schnell durchschaut und so einen finanziellen Schaden abwenden können. Und als ein ganz großes Glück bezeichnet es der 65-Jährige, dass er in seiner langen Berufstätigkeit lediglich mit Zapfpistolen und nie mit anderen Kalibern zu tun hatte.

Wenn der 65-Jährige Ende dieses Monats in Rente geht, endet auch eine Ära auf der Aerzener Tankstelle. Das möchte er in seiner bescheidenen Art aber nicht hören. „Ich wechsele nur die Seiten und komme dann zum Kaffeetrinken auf die Tankstelle“, sagt Armgardt.

Die Stamm-Kaffeetrinker am Stehtisch atmen erleichtert auf. Das Gespräch mit „Onkel Horst“ ist gesichert.

von sabine brakhan

Morgen geht Tankwart Horst Armgardt in Rente, wird er seine Kundschaft zum letzten Mal fragen: „Einmal volltanken?“ In Zukunft heißt es dann Selbstbedienung an den Zapfsäulen.sbr

Das historische Foto zeigt die Tankstelle der Familie Pradler in den 1960er Jahren. Schon damals arbeitete Armgardt für die Familie und war regelmäßig auf der Tankstelle.sbr



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