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Zwischen Marketing und Manipualtion: Kabarettist Philipp Weber zieht sein Publikum in den Bann

Mit Lob für „tapfere Kulturmenschen“

AERZEN. Hat Philipp Weber den Willen der Zuschauer manipuliert, damit sie alle am Freitag in die Domänenburg kommen? Möglich, denn der werbewirksame Titel seines neuen Programms „Weber No. 5“ erinnert an ein bekanntes Parfum. Doch als Weber seinen Kabarettabend rund um Marketing und Manipulation startet, zieht er das Publikum in seinen Bann, auch ohne süße Düfte.

veröffentlicht am 17.09.2017 um 17:39 Uhr

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Autor:

Gabi Laube
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Ein paar Eintrittskarten liegen noch an der Abendkasse, als der preisgekrönte Franke auf die Bühne springt und losquasselt. Gestikulierend begrüßt er das Publikum mit der Frage nach dem Aerzener Werbeslogan. Weil dieser fehlt, reimt er sogleich einen Vorschlag: „Verlass ich Aerzen, hab ich Schmerzen“ und verzieht das Gesicht. Die Zuschauer schmunzeln, es ist sein dritter Besuch hier. „Suhl trifft“ würdigt passend die ostdeutsche Waffenschmiede, „Stuttgart kifft“ dagegen ist frei erfunden, aber ein gutes Beispiel für absurde Werbung. Weber outet sich als Künstler, der ein PR-Desaster erleiden musste und gute Marketing-Ideen sucht, wieder beliebt zu werden, gleichzeitig aber mit sich hadert, ob sich Werbung mit seiner Kunst verträgt. So fehle ihm nur der Bart, dann wäre er die Conchita Wurst des deutschen Kabaretts, stellt der langhaarige Komiker fest. Ein Bild, das jene, die das Werbevideo zu „Weber No.5“, in dem der Wortakrobat als Primaballerina verkleidet übers Parkett tänzelt, kennen, umso besser vor Augen haben.

Den Draht zum Publikum findet der wortgewandte Humorist schnell, die erste Reihe steht in seinem Rampenlicht: Der Mann mit den verschränkten Armen („Du bist nicht freiwillig hier“), der Bärtige, die wortkarge Dame und die Pressevertreterin („Schreibst nicht mit, ich unterhalte mich hier mit meinen Freunden“) werden Teil seiner lustigen Performance. Dabei sei er ja ein nervöser Grundtyp, meint der quirlige Süddeutsche, doch auf der Bühne würde er sich zusammenreißen.

Gelächter und Beifall, davon bekommt Weber reichlich in dieser rasanten Vorstellung, die mit Themen wie Politik, Glaubensfragen, Genderwerbung, pränatales Marketing, Dieselskandal und Pharmawahnsinn volle Aufmerksamkeit erfordert. Auf seine amüsante Art klärt der studierte Biochemiker mit Kenntnissen in Germanistik, Geschichte, Medizin und Psychologie über bekannte Manipulationen, die unser aller Leben bestimmen, auf. Wenn aber Werbung über Gefühle Menschen manipuliert, dann stimmt die obige These, denn Lachen ist pure Emotion und Webers zündender Witz bestes Marketing. „Ich bin der Hannibal Lektor der Gemüseschnippler“, spöttelt der leidenschaftliche Küchengerätesammler über Dinge, die wir kaufen, aber eigentlich gar nicht brauchen. So stapeln sich bei ihm auch diverse Milchschäumer („Laktoseteilchenbeschleuniger“).

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Zum Abschied gibt sich der Wortakrobat ernst: Ein Lob an die Gemeinde, die solche Kleinkunstveranstaltungen heutzutage noch ermöglicht, und ein Lob an das Publikum, die „kleine tapferen Kulturmenschen, die wie Sie am Freitagabend den Arsch von der Fernsehcouch bekommen“ um ins Kabarett zu gehen und konzentriert einem zweistündigen, amüsanten Lehrwerk über Marketing und Manipulation zu lauschen. Denn das Wichtigste im Leben, das kann man sich nicht kaufen, das bekommt man geschenkt – Zeit. Was jenseits abstruser Millionenausgaben für Veranstaltungshäuser wie der Elbphilharmonie den Künstler erstaunt, der für das pfeifende, johlende und klatschende Publikum selbstredend eine Zugabe eingeplant hat.

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