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Wie Nico Lattermann als Auftragsarbeit Graffiti zur Kunst sprüht

Mit Gasmaske und Spraydose

DEHMKERBROCK. Am helllichten Tage steht er mit Gasmaske geschützt und Spraydose bewaffnet auf einer Leiter an der Übergabestation und sprüht, was das Zeug hält: Nico Lattermann. Doch der Graffiti-Sprayer ist keineswegs illegal unterwegs – er handelt im Auftrag.

veröffentlicht am 16.08.2018 um 15:46 Uhr

Ein „neues Feuerwehrfahrzeug“ für Dehmkerbrock: Zwei Seiten der Übergabestation sind mittlerweile fast fertiggestaltet. Foto: sbr
59.225-02

Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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Erst neulich kam aus Eisenach die Meldung über drei vermeintlich illegale Sprayer, die von der Polizei auf frischer Tat erwischt worden waren. Nachdem eine Zeugin die Beamten gerufen hatte, als ihr aufgefallen war, dass das Trio eine frisch gestrichene Wand einer Bahnunterführung mit Farbe besprühte, stellte sich bei der anschließenden Kontrolle vor Ort jedoch schnell heraus, dass es sich bei dem Trio um Graffiti-Künstler handelte, die im Auftrag der Stadt arbeiteten. Daraufhin konnten sie ihre Arbeit schließlich in Ruhe fortsetzen.

Auch in Dehmkerbrock fiel auf, dass sich jemand bereits das zweite Wochenende in Folge mit Spraydosen und Gasmaske an der neuen Übergabestation in der Nähe zum Dorfgemeinschaftshaus zu schaffen machte. Allerdings kassierte Nico Lattermann alias „Shaz31“ von den vorbeikommenden Passanten nur neugierige Blicke und anerkennendes Lob für seine Arbeit und keine Anzeige wegen Sachbeschädigung. Im Gegensatz zu seinen Eisenacher Kollegen hatte er aber auch plakativ vorgesorgt: Auf einer der vier Seite des grünen Betonhäuschens steht vorübergehend zu lesen: „Auftragsgraffiti? Shaz31@gmx!!!“ „Werbung in eigener Sache“, grinst Nico Lattermann, während er aus dem Kofferraum seines Autos aus verschiedenen Kartons die passenden Farbspraydosen hervorkramt. Anschließend öffnet er eine große Sortierkiste und zum Vorschein kommen unzählige verschiedenfarbige Spraydosenaufsätze, deren Öffnungen unterschiedlich groß sind. „Ein Maler benutzt doch auch Pinsel in verschiedenen Stärken“, erklärt der Hamelner. Als anfangs in der Szene noch ausschließlich illegal mit Autolacken gesprayt wurde und sich noch kein Markt um die Farbspraydosen etabliert hatte, besorgten sich die Graffitisprayer die Aufsätze von Deo- und Haarspraydosen aus Drogeriemärkten, bei denen anschließend die Öffnungen dann unterschiedlich groß gestaltet wurden, weiß er aus 20-jähriger Graffitisprayererfahrung zu berichten. Mittlerweile hat sich eine ganze Branche auf Graffiti-Bedarf spezialisiert und dort gibt es einfach alles. Bevor der Hamelner mit seiner Arbeit beginnt, dreht er den Schirm seiner Mütze nach hinten, streift Einmalhandschuhe über und setzt die Atemschutzmaske auf. Dann ist aus Nico Lattermann „Shaz31“ geworden. Er erklimmt sein Arbeitsgerüst und die Front des Feuerwehreinsatzfahrzeuges nimmt Sprühstrich für Sprühstrich deutlichere Formen und Konturen an. Lediglich eine sehr grob aufgetragene Skizzierung seines „Pieces“ erleichtert dem Graffiti-Künstler die Arbeit. Alles andere sprüht er Freihand. Beim Zuschauen fällt auf, dass große Flächen zwar zügig Form und Farbe annehmen, aber viel Zeit in die exakte Ausarbeitung der Details fließt. Hier ein Extrastrich für das Riffelbleck, dort etwas Farbe, um den Effekt des Blaulichts hervorzuheben. Mit der illegalen großflächigen Graffitischmiererei an Zügen oder Hauswänden hat die Arbeit von „Shaz31“ nichts gemeinsam. In Dehmkerbrock wird Graffiti zur Kunst und macht aus einem nicht wirklich in die Landschaft passenden Zweckbau einen Hingucker. Um die Akzeptanz seiner Auftragsarbeit in der Öffentlichkeit noch zu erhöhen, wird Nico Lattermann die letzte der vier Außenwände gemeinsam mit den örtlichen Jugendlichen in einem Workshop gestalten. Bis es soweit ist, verwandeln noch unzählige von „Shaz31“ gezielt gesetzte Sprühstiche die Tristesse des dunkelgrünen Betonklotzes in eine weitere Feuerwehr-Szene sowie eine Szene des Theatervereins.

Nico Lattermann bei der Arbeit. Foto: sbr
  • Nico Lattermann bei der Arbeit. Foto: sbr
Vorsichtsmaßnahme und Werbung in eigener Sache. Foto: sbr
  • Vorsichtsmaßnahme und Werbung in eigener Sache. Foto: sbr
Sprühdosenaufsätze gibt es in verschiedenen Größen – genau wie Pinsel in verschiedenen Stärken. foto: sbr
  • Sprühdosenaufsätze gibt es in verschiedenen Größen – genau wie Pinsel in verschiedenen Stärken. foto: sbr


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