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Warum Sprichwörter nicht immer Recht haben, oder: Wie die jahrhundertealten Olivenbäume nach Groß Berkel kamen

Mediterrane Gehölze ziehen neugierige Blicke auf sich

Groß Berkel (sbr). Einen alten Baum verpflanz man nicht, besagt ein altes Sprichwort. Doch der Hamelner Stephan Carevicz hat sich bereits vor einigen Jahren in Spanien einer Kooperative angeschlossen, die die Lizenz besitzt, viele hundert Jahre alte Olivenbäume mit einem speziellen Verfahren auszugraben und zu exportieren.

veröffentlicht am 13.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 21:41 Uhr

Die Olivenbäume tragen auch Früchte.
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Der etwa eintausend Jahre alte Olivenbaum, der momentan noch alle Blicke der Besucher des kleinen Olivenbaumparks in Aerzens Ortsteil Groß Berkel auf sich zieht, hat in seinem langen Leben schon viel gesehen und erlebt. Er hat eine Reise von rund 2800 Kilometern hinter und eine Zukunft im Garten einer berühmten fußballbegeisterten Familie im baden-württembergischen Hoffenheim vor sich. Und vielleicht hat bereits der nicht weniger berühmte spanische Nationalheld El Cid auf seinen Eroberungszügen im Schatten seiner Äste eine Rast eingelegt. Auf die Transfersumme hätte das bestimmt einen nicht ganz unerheblichen Einfluss.

Doch nicht nur dieser besondere Baum, auch seine zum Teil nur unwesentlich jüngeren, ebenso knorrigen Kameraden, die ordentlich aufgereiht den Weg durch die für unsere Breitengrade ungewöhnliche Plantage säumen, rufen bei vielen zufällig vorbeikommenden Passanten Verwunderung hervor. Denn nicht nur Oliven gedeihen neuerdings hier im Hummetal, auch Feigen haben eine stattliche Größe erreicht und ihre Lilafärbung und ihr Duft verraten, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um sie zu ernten.

Das verlockende Obst hat bereits den Gecko, der einen der Olivenbäume von der Iberischen Halbinsel nach Deutschland begleitet und hier mittlerweile dank Klimawandel und hochsommerlichen Temperaturen eine zweite Heimat gefunden hat, auf den Geschmack gebracht“, erklärt Stephan Carevicz, der in Hameln aufwuchs und 25 Jahre lang als Rundfunkmoderator bei der Deutschen Welle in Spanien gearbeitet hat. Neuerdings findet er zwischen seinen Olivenbäumen immer wieder angefressene Feigen, die der Gecko aufgrund des Überangebotes an Nahrung unbeachtet liegen gelassen hat. Neben dem vom Gecko bewohnten Feigenbaum hat der 73-Jährige erst vor kurzem Mandeln geerntet, und auch der Granatapfelbaum vis-a-vis ist dabei, sich wieder prächtig von der nicht ganz vorschriftsmäßigen Pflege der Vorbesitzer zu erholen.

Nur mit dem Gabelstapler können Stephan Carevicz und sein Mitarb
  • Nur mit dem Gabelstapler können Stephan Carevicz und sein Mitarbeiter Aliasghar Rashid die knorrigen Schwergewichte innerhalb des Groß Berkeler Olivenbaumparks bewegen. Fotos: sbr
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Auf die richtige

Pflege kommt es an

„Es kommt vor, dass mich Besitzer von mediterranen Gehölzen anrufen und erklären, ihre Bäume hätten den Winter nicht überstanden und seien eingegangen. Dann schaue ich mir die Kübelpflanzen in den Winterquartieren an und muss feststellen, dass die Besitzer die Bäume oft in einer Ecke ohne Licht und Wasser einfach vergessen haben. Ich nehme sie dann mit in meinen Olivenbaumpark, pflanze sie in ein passendes Gefäß, schneide sie zurück und achte auf eine ausreichende Bewässerung. Schon nach wenigen Monaten erholen sich die meisten Pflanzen und treibt von unten neu aus“, so der Experte für mediterrane Gehölze. Damit hat er gleichzeitig einen Teil des Geheimnisses verraten, warum das Umpflanzen der Olivenbäume trotz ihres zum Teil schon biblischen Alters gelingt.

„In Spanien werden alte Bäume, die nicht mehr genug Ertrag bringen, nicht wie noch vor wenigen Jahren zu Brennholz verarbeitet. Sie dürfen nur von lizenzierten Olivenbaumrodern – unsere Kooperative ist eine von fünf Lizenznehmern in ganz Spanien – mit Hilfe eines Krans und einer speziellen Rodemaschine von ihrem abgestammten Platz in den andalusischen Olivenplantagen verpflanzt werden“, beschreibt Stephan Carevicz die mühevolle Arbeit in den spanischen Olivenhainen. Immerhin wiegt so ein alter Olivenbaum samt Wurzelballen stolze zwei Tonnen.

„Bereits während des Rodungsprozesses wird von den Fachleuten die lange Hauptwurzel gekappt. Dann wird der Olivenbaum aus den in den Bergen Granadas am Rande der Sierra Nevada gelegenen Olivenhainen in unsere Olivenbaumplantage nach Sierra Morena in der Nähe von Cordoba gebracht. An dieser von einer Kooperative geführten Plantage habe ich mich nach meiner Arbeit beim Radio anteilig beteiligt“, erklärt der Olivenbaumexperte weiter. „Damit sich die alten, gerodeten Olivenbäume vier Jahreszeiten lang in der Plantage regenerieren können, müssen ihre Äste gekappt werden. Nur so können die Bäume genügend neue Wurzeln bilden, um anschließend neu auszutreiben. Erst dann steht den immergrünen Olivenbäumen ein Transport nach Deutschland, Österreich oder den Beneluxstaaten bevor“, erläutert Stephan Carevicz die einjährige Regenerationsphase der alten Bäume.

Zum Schutz der kleineren, neu gebildeten Wurzeln werden die Ballen in einen großen Pflanzkübel oder einen mit Spezialfolie ausgeschlagenen Korb aus Drahtgeflecht gesetzt. In diesem Reisebehältnis können sie den einwöchigen Tiefladertransport quer durch Europa ohne Schaden überstehen. In Groß Berkel angekommen, kommt Aliasghar Rashid mit dem Gabelstapler zum Einsatz. Der gebürtige Pakistani mit deutschem Pass verteilt nicht nur die knorrigen Schwergewichte im Park, er verfügt auch über den berühmten grünen Daumen bei der Pflege der mehrere hundert Jahre alten Bäume.

Frost kann den Bäumen kaum schaden

Erst wenn sie nach weiteren drei Monaten keinen Käufer gefunden haben, müssen die Olivenbäume ausgepflanzt werden. Nur mit Hilfe eines extra angeforderten Schwerlastkrans kann dann der tonnenschwere Koloss in die Pflanzgrube innerhalb des Olivenbaumparks gehievt werden. „Oliven können hier in unserer Gegend ohne weiteres gedeihen, denn sie sind in der Lage, Frost bis minus 20 Grad Celsius unbeschadet zu überstehen. Eine Lage Mulch über die Wurzeln und bei starkem Frost ein Jutesack um den Stamm gewickelt, dann kann der niedersächsische Winter dem mediterranen Gehölz nichts anhaben. Schließlich gibt es auch in Spanien frostige Temperaturen“, so die Expertenmeinung.

Ein leckeres Rezept, wie man die bereits nach einem Jahr im heimischen Garten geernteten Oliven der glatten Fruchtsorte „Arbequina“ oder der raueren „Picual“ zubereiten kann, kennt Stephan Carevicz – im Gegensatz zu zahlreichen Pflegetipps für die Bäume – leider nicht, empfiehlt aber angesichts eines mehrfachen und aufwendigen Kochprozesses in Salzwasser die schmackhafte Variante aus dem Glas.

Ungewöhnliche Gehölze: Einen Olivenbaumhain erwartet man eher in südlichen Gefilden als in Groß Berkel.

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