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Über 100 Jahre altes Behältnis der St. Marien-Kirche wurde geöffnet

Kugeln zerbeulten die Zeitkapsel

ESPERDE. Ein Trommelwirbel wird für gewöhnlich eingesetzt, um eine steigende Spannung zusätzlich akustisch zu unterlegen. Bei der Öffnung der Zeitkapsel aus der Turmkugel der Bekrönung der Esperder St. Marien-Kirche allerdings herrschte gespanntes Schweigen. Nicht nur Muskelkraft war gefragt, um das von mehreren Geschosskugeln durchlöcherte und verbogene Behältnis aus Zinkblech zu öffnen, sondern vor allem Fingerspitzengefühl.

veröffentlicht am 12.03.2019 um 16:06 Uhr
aktualisiert am 12.03.2019 um 19:50 Uhr

Neben anderen Tageszeitungen befand sich auch eine Deister- und Weserzeitung vom 6. November 1904 in der Zeitkapsel. Foto: sbr
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Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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Am Ende kam sogar ein scharfer Gegenstand zum Einsatz, um die beiden ineinandergeschobenen Metallteile voneinander zu lösen und den Inhalt nicht noch mehr zu beschädigen, als er ohnehin schon war.

Zum Vorschein kamen dann Fragmente verschiedener alter Zeitungen, unter anderem der Deister- und Weserzeitung vom Sonntag, 6. November 1904, samt des Hannoverschen Landmanns, einer Beilage der damaligen Dewezet. Das gerollte Papier war allerdings in keinem guten Zustand, musste der in der Sakristei versammelte Esperder Kirchenvorstand samt Pastor Volker Jahnke bereits auf den ersten Blick feststellen. Während die durch den Beschuss und die Witterung stark beschädigten Zeitungsseiten vorsichtig ausgerollt wurden, kamen dabei auch mehrere handgeschriebene Seiten zum Vorschein. „Esperde, Sonntag 6. November 1904“ war auch hier als Überschrift zu lesen. Unterzeichnet wurde das handschriftliche Dokument unter anderem von Pastor Schmidt und Wilhelm Schütte. Ebenfalls zu erkennen sind die Namen F. Beye und Winter. Recherchen zu den Namen in der Chronik von Esperde und im zuständigen Pfarrbüro in Börry haben ergeben, dass Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Schmidt die Kirchengemeinde Niederbörry-Esperde am 14. Juni 1904 als Pastor übernommen hat. Friedrich Beye war Anfang des letzten Jahrhunderts Kirchenvorsteher und darüber hinaus stellvertretender Ortsbrandmeister in Esperde. Der örtliche Kriegerverein listet zur selben Zeit neben Beye auch den Namen Heinrich Winter als Mitglied. Wilhelm Schütte wird kurz nach der Jahrhundertwende als Inhaber eines landwirtschaftlichen Hofes in Esperde geführt.

Kurrentschrift oder Sütterlin? – die Kirchenvorstandsmitglieder schauten sich ein wenig ratlos an. Im Lesen der alten deutschen Schrift sind sie alle nicht geübt. Erschwerend kommt hinzu, dass die komplette Mitte der jeweiligen Seiten durch den Beschuss und die Witterung zerstört wurden. „Was die Menschen damals für so wichtig erachteten, dass sie es nachfolgenden Generationen in einer Zeitkapsel mitteilen wollten, bleibt wohl leider für immer ein Geheimnis“, bedauert Kirchenvorstandsmitglied Sabine Zeller.

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Die Entzifferung der handschriftlichen Aufzeichnungen wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Foto: sbr

Dennoch will sich der Esperder Hermann Steffen, der sich sehr für das örtliche Kirchengemeindeleben engagiert, an die Entschlüsselung des Dokumentfragments heranwagen. Unterstützung bekommt er dabei von Kreisarchivarin Karin Schaper. Die Aufarbeitung wird indes noch einige Zeit in Anspruch nehmen, so seine Vermutung.

Schon jetzt konnte in den fragilen Zeitungsseiten geblättert werden. Eine Rubrik Aerzen/Emmerthal gab es vor 115 Jahren noch nicht. Die Dewezet berichtete allerdings unter anderem von einem Verbrechen, das seinerzeit die Region erschütterte: „Grohnde, 4. November. Rasch tritt der Tod den Menschen an! Der im Kreise allgemein bekannte, in Grohnde wohnhafte Holzhändler Fr. Engelke, welcher sich heute Nachmittag geschäftlich in Bodenwerder aufhielt, wurde dort derart von Schlägen getroffen, dass der Tod alsbald eintrat.“

Ebenfalls nicht uninteressant für die Menschen im Ilsetal: „Hameln, 5. November: In Sachen der Errichtung einer direkten rechtsufrigen Bahn von Holzminden über Bodenwerder und Börry resp. Bisperode nach Hameln sind von hier aus die nötigen Schritte getan, um noch im Laufe dieses Monats eine große Versammlung nach Holzminden zu berufen. Die sämtlichen beteiligten Gemeinden sollen aufgefordert werden, dazu Vertreter zu entsenden; auch sollen die in Frage kommenden Landtagsabgeordneten von Preußen und Braunschweig gebeten werden, daran teilzunehmen, damit sie gelegentlich der Beratung des Eisenbahnetats im Landtag noch in dieser Session die Wünsche der Interessenten dem Herrn Minister unterbreiten und diesen veranlassen können, dass mit den Vorarbeiten für diese Bahn schleunigst begonnen wird.“



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