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Lemi-Markt verkauft Lebensmittel aus Osteuropa – und füllt damit eine Marktlücke

Kassenschlager aus dem Osten

GROSS BERKEL. Süßigkeiten lassen Kinderaugen leuchten – die von Erwachsenen aber manchmal auch, besonders wenn es altbekannte aus der eigenen Kindheit sind. „Das ist so eine Nostalgie“, sagt Jürgen Cebotarev, vom Lemi-Markt in Groß Berkel. Sein Geschäft bietet vorwiegend russische und osteuropäische Lebensmittel an, unter anderem typische Bonbons, Wurstwaren und Teigtaschen nach russischem Rezept, polnisches Gemüse, Spezialitäten aus dem Kaukasus, Kasachstan und vielen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion – das Angebot ist reichhaltig.

veröffentlicht am 22.10.2017 um 11:00 Uhr

In Russland und Kasachstan kenne jeder diese Bonbons, meint Jürgen Cebotarev. Sie seien häufig das erste, was die Leute in seinem Geschäft kaufen, denn Kindheitserinnerungen hingen daran. Foto: jsp
Jens Spickermann

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Im Dezember 2016 hat er das Geschäft zusammen mit seiner Frau eröffnet. Es laufe ganz gut, meint er – zum Ende des Monats wolle er den Lemi-Markt nun umstrukturieren, um den Kunden einen „Erlebniseinkauf“ zu bieten, so Cebotarev.

Doch warum kaufen die Kunden Produkte aus den ehemaligen Ostblockstaaten? „Normale“ Supermärkte bieten schließlich auch eine große Produktpalette. Cebotarev bietet sogar Obst und Gemüse aus osteuropäischen Ländern an – Produkte die auch in Deutschland oder Holland produziert werden.

„Polen und Russen kennen den Geschmack“, meint der Handelsfachwirt, der selbst mit elf Jahren als Spätaussiedler aus Kasachstan nach Deutschland kam. Die Äpfel und Tomaten aus dem Osten würden stärker duften und besser schmecken, findet er. Auch die kleinen russischen Gurken kämen gut an. In Deutschland gebe es die Sorte meistens nur eingelegt. Die abgepackten russischen Produkte seien auch nach anderen Rezepturen produziert – der russische Sauerrahm habe zum Beispiel eine ganz andere Konsistenz als die deutschen Produkte.

Eingelegtes Gemüse gibt es in der osteuropäischen Küche in vielen VariantenV. Foto: dana
  • Eingelegtes Gemüse gibt es in der osteuropäischen Küche in vielen VariantenV. Foto: dana

Als erstes würden neue Kunden meistens die Bonbons kaufen, erzählt Cebotarev. Er hat davon mehrere Regalmeter im Angebot – allesamt von einem einzigen Hersteller, der in Kasachstan sehr bekannt sei. Doch auch die Fleischwaren seien ein Renner.

„Deutsche Wurst ist für mich ohne richtigen Geschmack“, sagt Kundin Agata Krzyzanowski. Sie kommt aus Polen und vermisst vor allem die Wurst, den Schinken und den Frischkäse aus ihrem Heimatland. „Das schmeckt dort anders“, sagt sie.

Mein Ziel ist es, die Leute an diesen Geschmack heranzuführen.

Jürgen Cebotarev, Lemi-Markt

Die Fleischprodukte, die in dem Geschäft angeboten werden, wurden allerdings nicht aus Osteuropa importiert, sondern von einer (russland-) deutschen Firma nach russischem Rezept hergestellt. „Wir beliefern ausschließlich spezifisch osteuropäische Märkte“, sagt Andreas Kempel, kaufmännischer Leiter der Firma Lackmann Fleisch- und Feinkostfabrik GmbH, von der der Lemi-Markt einen großen Teil seiner Produkte bezieht. In den Fleischprodukten sei mehr Knoblauch drin und sie seien würziger, so Kempel. Außerdem produziert die Firma auch Pferdewurst – ein in Deutschland schwer aufzutreibendes Produkt. Neben der Eigenproduktion betreibt Lackmann ein Import-Geschäft mit Lebensmitteln aus Osteuropa. 1998 wurde die Firma gegründet. „Wir haben uns gefragt, was fehlt denn auf dem Markt – was will ein Russlanddeutscher hier kaufen“, erzählt Kempel. Gefragt seien neben Fleisch- und Wurstwaren auch importierte Konditorwaren – unter anderem die Bonbons, die Cebotarev im Lemi-Markt anbietet.

Die Kundschaft, die Lebensmittel aus Osteuropa nachfragt, komme meist selbst von dort, heißt es. Vor allem in den 90er Jahren sind viele Spätaussiedler nach Deutschland gekommen. Man könne von 3,5 bis 4,5 Millionen Menschen in Deutschland ausgehen, die einen solchen Hintergrund haben, sagt Kempel. Wie viele es genau sind, ist schwer festzustellen, denn die meisten sind deutsche Staatsbürger und werden bei dem Meldeämtern als solche geführt. Leute mit einer polnischen, russischen, kosovarischen, ukrainischen oder weissrussischen Staatsangehörigkeit gebe es in der Gemeinde Aerzen dagegen nur 74, teilt das Aerzener Meldeamt mit.

Seine Kundschaft komme nicht nur aus Hameln oder Aerzen, erzählt Cebotarev. Am Wochenende sei der Parkplatz voll mit Autos aus anderen Landkreisen. Inzwischen seien es auch vermehrt Leute ohne osteuropäischen Hintergrund, die bei ihm einkaufen. Er freut sich darüber und hat leicht missionarische Ambitionen: „Mein Ziel ist es, die Leute an diesen Geschmack heranzuführen“, sagt er.

Der Geschmack aus der Heimat scheint also gefragt zu sein, selbst nach vielen Jahren Aufenthalt in Deutschland.

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