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Ihr Vater kam 1942 als 14-Jähriger nach Grupenhagen / Sehnlichster Wunsch ging in Erfüllung

Kanadierin auf Spurensuche

GRUPENHAGEN. Die beiden Kanadier Daria (63) und Pieter Valkenburg (73) waren nicht zum ersten Mal in Grupenhagen. Allerdings fehlte ihnen bei ihrem ersten Besuch des Aerzener Ortsteils der Kontakt zu einem ortskundigen Ansprechpartner und so verlief ihre Spurensuche damals relativ erfolglos. Diesmal hatten sie ihre Deutschlandvisite besser vorbereitet.

veröffentlicht am 10.10.2017 um 19:30 Uhr

Daria und Pieter Valkenburg sowie Karl Pape staunen über die zahlreichen Dokumente und Informationen, die Bernhard Gelderblom über Wasyl Makota aus verschiedenen Quellen zusammengetragen hat. Foto: sbr
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Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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Über einen Freund in Berlin nahmen sie Kontakt mit Karl Pape auf. Der Grupenhäger kennt die Heimatgeschichte wie kein anderer. Er war auf Anfrage sofort bereit, Daria Valkenburg bei der Recherche ihrer Familiengeschichte behilflich zu sein. „Diese Unterstützung ist nicht selbstverständlich“, berichtet die Kanadierin aus Erfahrung. Bei ihrer telefonischen Recherche ist es bereits vorgekommen, dass einfach aufgelegt wurde, wenn nur das Wort „Zwangsarbeiter“ fällt, erzählt sie weiter.

Der Vater der Ahnenforscherin, Wasyl Makota, stammte aus der Ukraine und kam als knapp 14-Jähriger zum Arbeitsdienst auf einen Bauernhof in Grupenhagen. „Der damaligen Not in der Ukraine geschuldet, ließ sich mein Vater Anfang 1942 zur Landarbeit in Deutschland anwerben. Am 19. Januar 1942 verließ er gemeinsam mit seinem kaum älteren Cousin seine Heimat“, berichtet die Tochter. Wasyl Makota, geboren am 28. Januar 1928, war damals erst 13 Jahre alt – nach heutigen Maßstäben noch ein Kind. Nach einer Woche Transport in einem Viehwagon bei Außentemperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius kamen die beiden jungen Ukrainer in Hameln an, wurden aber anschließend voneinander getrennt. „Mein Vater kam krank und ausgehungert nach Grupenhagen auf den Hof einer Familie Reese. Für den Rest seines Lebens erinnerte er sich daran, dass die Bauersfrau ihn dort in ein Federbett steckte – ein zuvor nicht gekannter Luxus. Außerdem gab sie ihm zu Essen und umsorgte ihn, bis er so weit zu Kräften gekommen war, dass er im Haus helfen konnte“, weiß Daria Valkenburg dankbar aus den Erzählungen ihres Vaters zu berichten. Aus seinen Aufzeichnungen zitiert sie weiter: „Ziemlich rasch lernte ich Deutsch. Die Bauersfamilie behandelte mich gut. Im Juni 1942 wurde ihr Sohn zum Militär eingezogen. Sie ließen mich wissen, dass ich eine bessere Chance im Leben haben soll und sie sich deshalb nach einem anderen, älteren Helfer umgesehen hätten.“

Ziemlich rasch lernte ich Deutsch. Die Bauersfamilie behandelte mich gut.

Wasyl Makota, kam 1942 aus der Ukraine nach Grupenhagen

Das Hamelner Arbeitsamt vermittelte Wasyl Makota daraufhin an eine Bäckerei in Bad Pyrmont. Mit dem Hinweis „Brot können Sie essen, Nägel hingegen nicht“ hatte der Sachbearbeiter dem jungen Ukrainer von seinem Traumjob in einer Fabrik abgeraten. In der Kurstadt absolvierte er dann erfolgreich eine Bäckerlehre. „Zum zweiten Mal in Folge hatte sein Schicksal nach dem Verlassen seiner Heimat eine gute Wendung genommen“, sagt Daria Valkenburg, die in zahlreichen Gesprächen mit ihrem Vater und aus dessen Notizen bereits eine Vielzahl von Informationen erhalten hat. An einem Punkt ihrer Recherche ist sie bisher aber nicht weitergekommen. „Über die Familie Reese, die meinem Vater das Leben gerettet hat, weiß ich lediglich, dass der Mann ein Bein verloren hatte und der Sohn im Sommer 1942 einberufen wurde“, erklärt sie. Ein Bild, das das hilfsbereite und fürsorgliche Paar aus Grupenhagen zeigt, fand sie in den umfangreichen Unterlagen ihres Vaters nicht. Karl Pape hat für die Kanadierin eine gute Nachricht. Er konnte nach langer Suche im Besitz der Reeseschen Erben ein Foto ausfindig machen, dass das Ehepaar zeigt. Die Erben waren darüber hinaus auch sofort gern bereit, Daria Valkenburg die Fotografie zu überlassen. Die Freude der Kanadierin war riesig. Ihr sehnlichster Wunsch war mit dem Blick auf das alte Schwarzweiß-Foto in Erfüllung gegangen. Allerdings musste Karl Pape der Kanadierin auch berichten, dass das Schicksal das hilfsbereite Paar nicht verschonte: Ihr einziger Sohn fiel im Zweiten Weltkrieg. „Das ist sehr traurig, zumal sie meinem Vater mit ihrer Fürsorge das Leben gerettet haben“, erklärt sie sichtlich berührt.

Daria Valkenburg hält tief bewegt zum ersten Mal ein Foto des Ehepaars Reese in Händen, die ihrem Vater das Leben retteten. Karl Pape steht ihr Rede und Antwort. Foto: sbr
  • Daria Valkenburg hält tief bewegt zum ersten Mal ein Foto des Ehepaars Reese in Händen, die ihrem Vater das Leben retteten. Karl Pape steht ihr Rede und Antwort. Foto: sbr

Karl Pape kannte die Eheleute Reese noch persönlich und konnte Daria Valkenburg daher all ihre Fragen zu den Lebensrettern ihres Vaters beantworten. Wasyl Makota begab sich, nachdem der Zweite Weltkrieg beendet war, von Bad Pyrmont ins Lager für ukrainische „Displaced Persons“ nach Burgdorf. Bevor er 1952 ein Auswandererschiff nach Kanada betrat, war er 1948 von Burgdorf aus nach England ausgewandert. Geführt von Karl Pape machte sich die kleine Gruppe, der sich auch der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom angeschlossen hatte, auf den Weg durchs Dorf zum mittlerweile nicht mehr bewirtschafteten und bewohnten ehemaligen Reeseschen Hof in Grupenhagen. Der Historiker hat sich ausführlich mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter im heimischen Bereich beschäftigt und konnte Daria Valkenburg mit weiteren Unterlagen aus seinem Archiv bei der Vervollständigung ihres Familiengeschichte-Puzzles helfen. Ein besonderes Highlight war dabei ein Passfoto von Wasyl Makota, das aus den damaligen Anmeldeunterlagen des Ukrainers stammt. Dieses hatte Bernhard Gelderblom im Kreisarchiv Hameln-Pyrmont gefunden. Es zeigt Daria Valkenburgs Vater während seiner Zeit in Grupenhagen. Der Kanadierin war es bisher gänzlich unbekannt. „Ganz lieben Dank für diesen emotionalen und tollen Vormittag. Hier auf dem Hof fühle ich mich jetzt angekommen. Mein Vater hätte das alles sicher auch gern noch einmal wiedergesehen, aber leider ist er bereits 2012 verstorben“, zeigt sich die 63-Jährige sichtlich gerührt angesichts der tatkräftigen Mithilfe von Karl Pape und Bernhard Gelderblom bei der Suche nach den Spuren ihrer Familie.

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