weather-image
33°

Ehemaliges Kinderheim nach zehn Jahren Leerstand verkauft / Zunächst Gastronomiebetrieb geplant

In die Schrappmühle kehrt wieder Leben ein

Aerzen (sbr). „Wir möchten die alte Schrappmühle zu neuem Leben erwecken und zu einem Gastronomiebetrieb mit Übernachtungsmöglichkeiten ausbauen. Alle Anträge wurden bereits bei den zuständigen Stellen eingereicht“, erklären die beiden neuen Besitzer der geschichtsträchtigen Immobilie, der Groß Berkeler Burkhard Scholz und sein Kompagnon Thomas „Totto“ Jeratsch aus Hamburg. Auch ihnen ist mittlerweile das Gerücht zu Ohren gekommen, in der Schrappmühle solle der neue Treffpunkt eines berüchtigten Motorradclubs entstehen. „Nichts davon ist wahr“, so ihre Aussage. Die Schrappmühle, zwischen Posteholz und Grupenhagen an der heutigen Kreisstraße 26 gelegen, kann auf eine fast 800 Jahre alte, wechselvollee Geschichte zurückblicken.

veröffentlicht am 19.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 22:21 Uhr

270_008_5152255_lkae106_1901.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die Arbeiterwohlfahrt als Besitzer der Mühle hatte schon seit mehreren Jahren versucht, das nicht unter Denkmalschutz stehende Gebäude zu verkaufen, als dieses nicht mehr als Kinderheim genutzt wurde. Letztmalig sorgte das verlassene Gebäude im vergangenen Sommer für Aufmerksamkeit, nachdem unbekannte Täter aus nahezu sämtlichen Räumen das vorhandene Altmetall entwendet, dabei erhebliche Sachbeschädigungen begangen und einen Gesamtschaden von rund 15 000 Euro verursacht hatten. „Es ist erfreulich, dass nach zehnjährigem Bemühen dieses traditionsreiche Gebäude nun einer neuen Nutzung zugeführt werden kann“, sagt Thomas Müller, Geschäftsführer der Awo im Bezirksverband Hannover e.V. Laut Awo habe es sich als schwierig erwiesen, die Immobilie zu verkaufen, da sie abgelegen sei und nur über eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten verfüge. Nur einmal sei der Verkauf fast unter Dach und Fach gewesen, allerdings sei der Interessent dann aus finanziellen Gründen zurückgetreten, heißt es aus Hannover. Über Preise gibt es keine Auskünfte. In einem Internet-Immobilienportal wird das Areal mit dem historischen Ursprungsgebäude sowie einem viergeschossigen Erweiterungsgebäude, das vor rund 35 Jahren errichtet wurde, und einem Verwaltungsgebäude mit 70 000 Euro angegeben.

Die sozialpädagogische Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt war 2002 nach 50 Jahren aufgegeben worden. Die schlechte Belegung und die sich vor allem daraus ergebenden finanziellen Defizite hatten den Vorstand damals zu dieser Entscheidung veranlasst. Teilweise sei die Schrappmühle zum Schluss nur zu 50 Prozent belegt gewesen. In der Einrichtung gab es insgesamt 22 Plätze, davon 18 direkt in der Schrappmühle und vier in einer Wohngruppe in Hameln. Besonders der abgelegene Standort war mit für die negative Entwicklung verantwortlich gemacht worden. „Früher war es nach dem Jugendwohlfahrtsgesetz durchaus üblich, die Einrichtungen weitab vom Schuss zu unterhalten“, hieß es damals. „Heute zeigt sich, dass dieses Konzept nicht mehr aufgeht.“

Zehn Jahre später könnte sich nun ein neues Kapitel für das geschichtsträchtige Objekt ergeben. Ab 1226 befanden sich die Höfe im Bereich der heutigen Ortschaft Posteholz im Grundbesitz der Familie von Post. Bereits im 13. Jahrhundert bewirtschaftete der Vollmeier Biesemeier neben seiner Hofstelle, die sich auf dem Gelände des heutigen Rittergutes Posteholz befand, die nahegelegene Schrappmühle. Gleich zweimal brannte die Mühle am Zusammenfluss des Goldbaches und Rodenbecker Baches während des Dreißigjährigen Krieges nieder. Unmittelbar nach dem verheerenden und entvölkernden Krieg begann der Wiederaufbau der Mühle, und so konnten wieder Graupen geschrappt, Roggenmehl gemahlen und Hafer zu Schrot und Flocken verarbeitet werden, was damals lebensnotwendig war. Aus dem Jahr 1713 ist eine Beschwerde des Müllers Johann Stats Wehrlein überliefert, in der es um Uneinigkeiten zwischen dem Herrn Oberförster und Herrn Commissarius von Münchhausen bezüglich Mahllizenzen für „benachbarte Ausländische und Einländische“ ging. 1768 verkaufte Bock von Wülfingen die Mühle mit Genehmigung des Amtmannes Paulsen an den Müller Johann Bernhard Schaper aus Schwöbber. Armut und Wasserknappheit wurden fortan zu ständigen Begleitern der Müllerfamilie. Bereits 70 Jahre später musste die Schrappmühle zwangsversteigert werden, nachdem der letzte Müller Friedrich Schaper verstorben war. Über einen Strohmann ließ Carl von Münchhausen 1838 die alte Mühle für rund 600 Taler ersteigern. Noch einmal 40 Taler musste er „opfern“, damit der als renitent geltende Ernst Schaper die Schrappmühle endgültig räumte und am 1. September 1855 seine verlorene Heimat gen Amerika verließ. Obwohl der Baron von Münchhausen die Schrappmühle komplett überholen ließ, ließ die Wirtschaftlichkeit zu wünschen übrig. 1888 kauft Kapitän Julius von Alten das Rittergut Posteholz samt Mühle. Auch die Einrichtung einer Molkerei und der Einbau einer großen Schrotmühle führten nicht zum wirtschaftlichen Durchbruch. Das Gebäude diente fortan bis 1930 als Landarbeiterwohnung. Danach überließ Siegfried von Alten dem CVJM Hameln unentgeltlich Räume in der alten Mühle. Auch die unpolitische Bündische Jugend fühlte sich ab 1931 auf dem Mühlenhof wohl, wie sein Sohn Siegfried Hanach von Alten in seiner Chronik vermerkte. Mit der Machtergreifung übernahm die Hitlerjugend die Schrappmühle ohne Vertrag und Absprachen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte einige Jahre die Korbmacherfamilie Lompe in der alten Mühle. 1951 verkaufte Siegfried von Alten die geschichtsträchtige Mühle an die Arbeiterwohlfahrt, die hier bis 2002 eine sozialpädagogische Einrichtung für Kinder und Jugendliche unterhielt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?