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Warum ein Unternehmen auf dem Lande auf schnelles Internet angewiesen ist – und sich nur schwer Gehör verschaffen kann

„Ich bezahle nicht für politische Versäumnisse“

REINERBECK. Die Gefühle des Reinerbecker Unternehmers schwanken zwischen Verärgerung und Sarkasmus. Für seine Firma Relog sei zwischenzeitlich das langsame Internet „existenzbedrohend gewesen“, sagt Dieter Czudnochowski. Viele Briefe, die er deswegen an Spitzenpolitiker geschrieben hätte, seien ohne Antwort geblieben.

veröffentlicht am 21.09.2018 um 17:24 Uhr

Hartnäckigkeit zahlt sich aus, auch wenn viele Briefe ohne Erfolg blieben: Dieter Czudnochowski (li.) und Geschäftsführer Martin Czudnochowski zeigen den Ordner mit Schriftwechseln. Foto: cb
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Zwischen Sonntagsreden von Spitzenpolitikern, denen keine Ergebnisse folgten, Versprechungen der Telekom, die längst nicht ausreichend seien – manchmal könne er nur mit dem Kopf schütteln. Mittlerweile fällt es ihm leichter, die Entwicklung der vergangenen Monate mit etwas Distanz zu sehen. Für das Unternehmen zeichne sich eine Lösung ab, die zumindest vorübergehend Luft verschaffe. Czudnochowski zeigt einen dicken Ordner mit Schriftwechseln. Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Dennoch klingt Frust mit, weil viele seiner Briefe unbeantwortet blieben oder wenig hilfreich waren. „Immerhin habe ich jetzt sogar einen Brief aus dem Kanzleramt“, meint er ironisch über die nichtssagenden Aussagen eines Ministerialbeamten.

Das Dilemma seines Unternehmens mit fast 20 Beschäftigten dürfte vergleichbar sein mit vielen anderen Betrieben in ländlichen Regionen. „Ich weiß nicht, wie die das lösen“, sagt er. Aber er wisse, dass viele mit ihren Problemen alleingelassen würden. „Wir brauchen keinen Autobahnanschluss in der Nähe, kein Gewerbegebiet – wir brauchen aber schnelles Internet“, meint der Firmengründer und Seniorchef über den Dienstleister Relog, der für kleine und mittelständische Betriebe die monatliche Lohn- und Gehaltsabrechnungen erstellt. 980 Mandanten seien es inzwischen bei knapp 16 000 Abrechnungen, die pünktlich etwa an Krankenkassen und Finanzämter gemeldet werden müssten. Wenn das nicht rechtzeitig oder wegen schlechter Internetverbindung nicht komplett funktioniere, könnten Säumnisgebühren fällig werden. „Das kann ich doch den Kunden nicht als Grund vermitteln, dass wir hier nur Internet zu Fuß haben“, sagt er.

Als dann die Telekom selbst in Reinerbeck (Slogan auf dem Verteilerkasten: „Ich stehe hier für schnelles Internet“) das Angebot beschleunigte, schöpfte Czudnochowski Hoffnung. Doch: Die Datenmengen, die das Rechenzentrum zum Senden benötige, hätte nicht garantiert werden können. Die Telekom habe deshalb angeboten, eine Leitung vom Verteiler zum Firmensitz zu verlegen. Die monatlichen Gebühren von 700 Euro seien akzeptabel gewesen, aber nicht die einmaligen Investitionskosten von 43 100 Euro, die Relog hätte zahlen müssen. Das verschlug dem Unternehmer dann doch die Sprache. Nicht nur, weil es sich gerade mal um eine 300 Meter lange Leitung handele, die notwendig wäre. Ihm ging es ums Grundsätzliche: „Ich bin nicht bereit, für politische Versäumnisse 43 100 Euro zu bezahlen“, sagt Czudnochowski.

Und er setzte sich an den Schreibtisch, um Briefe an die Verantwortlichen der Bundesregierung, an Abgeordnete und an den Landkreis zu schreiben. Allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel. Schon 2008 habe sie beim dritten nationalen IT-Gipfel versprochen, sich für den zügigen Ausbau des Breitbandnetzes mit superschnellen Internet-Anschlüssen einzusetzen, erinnert er an deren Aussagen vor zehn Jahren. Superschnell? „Still ruht der See“, meint der Reinerbecker. Das galt größtenteils auch für die Hilfe, um die er schriftlich bei den Adressaten gebeten habe. Nach einigen Wochen habe er dann schließlich Erinnerungsschreiben verschickt.

Zu den Rückmeldungen gehörten dann aber nicht nur der Wirtschaftsförderer des Landkreises, sondern besonders Stefan Muhle, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung. „Der hat mich sogar aus dem Urlaub angerufen“, sieht Czudnochowski einen Lichtblick bei seinen frustrierenden Schriftwechseln. Eine Stunde vor dem Telefonat hätte sich die Situation schlagartig geändert gehabt, hätte die Telekom mitgeteilt, auf die Zahlung der einmaligen Investitionssumme zu verzichten. Dennoch wolle der Staatssekretär Anfang Oktober nach Reinerbeck kommen. „Weil ich draußen vor Ort mehr lerne als am Schreibtisch“, zitiert ihn Czudnochowski.

Die Zusage der Telekom für eine stabile Internetverbindung gelte nun für drei Jahre. Der Landkreis kündigte an, entgegen der ursprünglichen Planung den Breitbandausbau auch in Reinerbeck vorzunehmen. Dann könne das Unternehmen „problemlos 1 GBit bekommen“. 2020 könnten die Baumaßnahmen abgeschlossen sein, heißt es aus dem Kreishaus.

Schön wäre es, verlassen wolle er sich aber nicht darauf, sagt der Seniorchef. Vor allem ärgere er sich aber über die Lippenbekenntnisse vieler Verantwortlicher in der Politik. Zwar würden sie sich gerne als Kümmerer darstellen und sich die Wirtschaftsförderung auf die Fahnen schreiben, doch das würde er nun anders sehen. Ob Ministerpräsident Stephan Weil oder Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, die ebenfalls zu seinen Adressaten zählten: „Das war mir zu wenig Rückhalt“, sagt er über seine Korrespondenz mit unzureichender Resonanz. Czudnochowski: „Selbst wenn sie nicht sofort helfen können, können sie wenigstens kurz reagieren – dafür gibt es ja auch ein Vorzimmer oder eine Stabsstelle.“



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