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Ratsmitglieder in Aerzen und Emmerthal wollen die guten Umfrageergebnisse nicht überbewerten

Höhenflug? Nein danke! Grüne ganz gelassen

Aerzen/Emmerthal (cb). Die Bündnisgrünen in Aerzen und Emmerthal treten selbst auf die Euphoriebremse: Während die Demoskopen ihre Partei bundesweit im Stimmungsbild für die Wählergunst im Bereich von rund 20 Prozent sehen, wollen sich die Kommunalpolitiker vor Ort von den positiven Werten nicht zu sehr beeinflussen lassen. „Auf dem Land sieht es wohl etwas anders aus“, meint Friedrich Pettig, Ratsherr der Grünen in Aerzen. „Das ist ja hier noch nie eine Hochburg der Grünen gewesen.“ Und sein Parteifreund Thomas Jürgens aus der Nachbargemeinde sagt: „Mir ist durchaus bewusst, dass in Emmerthal trotz der Atomkraftproblematik nur ein verhaltenes grünes Wählerpotenzial vorhanden ist.“ Schön wär es ja für Jürgens, seit fast zehn Jahren einziger grüner Ratsherr im Gemeinderat, die politische Arbeit auf mehrere Schultern verteilen zu können, doch spricht er selbst bei dem Allzeithoch seiner Partei in den Umfragen von einem sehr kurzfristigen Meinungsbild. Doch: Beide Ratsherren arbeiten daran, dass sich die politische Stimmung letztendlich bei den Kommunalwahlen am 11. September in Stimmen auszahlt.

veröffentlicht am 24.01.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 19:41 Uhr

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„Es gibt keinen Grund abzuheben, aber auch keinen, in Angststarre zu verfallen“, lautet die Vorgabe der Bundespartei durch die Vorsitzende Claudia Roth. Zwar meldet sie zu Jahresbeginn einen neuen Höchstwert bei den Mitgliederzahlen, doch mit knapp 52 000 liegt er dennoch weit unter denen der großen Volksparteien, die selbst schon Probleme haben, Kandidaten zur Mitarbeit zu bewegen. Das aber versuchen Bundes- und Landesverband der Grünen zu forcieren. Mit der Situation vor Ort bestens vertraut ist die Landesvorsitzende Anja Piel, die in Fischbeck wohnt. Der Landesverband unterstützt die Grünen vor Ort mit einer Kampagne, Kandidaten zur Kommunalwahl zu gewinnen. Anja Piel, die selbst über kommunalpolitische Erfahrungen verfügt und die nicht immer einfache Situation hier kennt, sagt: „Hier können Menschen mitbestimmen, was vor der eigenen Haustür passiert. Und weil diese Entscheidungen alle unmittelbar betreffen, müssen in den Räten auch alle Interessen vertreten sein.“

Wie schwierig das manchmal sein kann, weiß der Grupenhäger Friedrich Pettig, der zusammen mit Egon Thöle im Aerzener Rat die Grünen-Fraktion bildet. Persönlich den Idealen seiner Partei verpflichtet, betreibt er eine Bioland-Bäckerei, macht sich stark gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel und richtete jüngst ein Hofcafé in dem Dorf ein, auch vor dem Hintergrund, die Lebensqualität auf dem Lande zu verbessern. Was Pettig anfasst, muss Hand und Fuß haben, wie er selbst es umschreibt. Weil er es besonders gründlich machen will, hält er sich aber auf politischer Ebene im Rat lieber manchmal zurück. „Was in meinem persönlichen Bereich passiert, das kann ich selbst direkt beeinflussen, da kann ich agieren“, meint er. Im Rat hingegen müsse man „ein Gespür dafür haben, wie man wann etwas durchsetzen kann“, umschreibt er den Unterschied. „Einen Antrag um des Antrages willen würde ich nicht stellen“, sagt er. „Da muss man schon realistisch sehen, was durchgehen kann.“ Dann begleite er lieber mit Sachargumenten die politischen Entwicklungen, die bereits im Gange seien.

Den Vorwurf, eine Dagegen-Partei zu sein, müssen sich die Grünen in Aerzen und Emmerthal zumindest nicht gefallen lassen. Inzwischen habe er sehr viel Verständnis dafür, wie eine Gemeinde funktioniere – ob in der Verwaltung oder bei den politischen Spielregeln, wie Pettig meint. Aus diesem Wissen heraus handelt auch Thomas Jürgens, der die Finanzen zu einem Steckenpferd gemacht hat – und dabei auch nicht davor zurückschreckt, Gebühren- oder Steuererhöhungen vorzuschlagen. Angesichts der finanziellen Situation der Gemeinde, die sich dramatisch verschlechtert habe, und des demografischen Wandels würden die Grünen dafür eintreten, Emmerthal als Wohn- und Wirtschaftsstandort lebendig zu erhalten. Sein Vorteil: Obwohl die Grünen bei der letzten Kommunalwahl noch unter der Fünf-Prozent-Marke lagen, bildet Jürgens mit dem FDP-Ratsherrn eine Fraktion, die wiederum mit der SPD eine Gruppenbildung eingegangen ist. Themen wie das Bildungshauskonzept oder die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude schreibt er deshalb mit auf die grünen Fahnen.

Trotz der Atomkraftproblematik sieht Thomas Jürgens in Emmerthal nur „ein verhaltenes grünes Wählerpotenzial“. Doch Stimmengewinne bei den Kommunalwahlen hält er für realistisch. Foto: cb

Bleibt ein Punkt, bei dem die Grünen die Dagegen-Partei geblieben sind: bei ihrem Urthema Atomkraft. Die Resonanz auf die jüngste Demonstration, an der auch viele Emmerthaler teilgenommen hätten, habe „Mut gemacht und gezeigt: Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Und selbst wenn er weiß, dass die Grünen vor Ort vom bundesweiten Stimmungstrend bei der Wählergunst noch weit entfernt sind, so rührt er ebenso wie Prominente auf Landes- und Bundesebene die Werbetrommel, um Mitstreiter zu finden. Der Vorteil liegt für den Ratsherrn auf der Hand – „hier können sie Politik direkt beeinflussen“.

Ebenso wie Pettig geht Jürgens davon aus, dass die Grünen vor Ort zumindest vom Stimmungsaufschwung profitieren können. Prognosen will der Emmerthaler nicht abgeben. Nur: Einzelkämpfer seiner Partei im Emmerthaler Rat werde er nach dem 11. September wohl hoffentlich nicht mehr sein. Was ihn grundsätzlich optimistisch stimmt: Der Rückenwind auf überregionaler Ebene mache sich nun hier bemerkbar. Auf der jüngsten Kreisversammlung am Freitag seien vier neue Mitglieder auf einmal bei den Grünen begrüßt worden. Jürgens: „Das hat es bislang noch nicht gegeben.“



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