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Umweltminister: „Kritische Situation“ / e.on dementiert

Hitze – stand AKW kurz vor Abschaltung?

Emmerthal/Hannover. Die veränderten klimatischen Bedingungen mit längeren Trockenphasen und Hitzeperioden könnten nach Ansicht des niedersächsischen Umweltministeriums für die Atomkraftwerke in Deutschland zunehmend zu einem echten Problem werden. Anfang Juli habe das Atomkraftwerk Grohnde „deshalb kurz vor einer Abschaltung“ gestanden, sagte Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) der Deutschen Presse-Agentur in Hannover. Das Ministerium ist gleichzeitig Atomaufsichtsbehörde.

veröffentlicht am 05.08.2015 um 15:51 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:48 Uhr

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Autor:

Marco Hadem und Christian Branahl
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Anfang Juli hätten Messungen ergeben, dass die Temperatur der Weser – das Flusswasser wird mit zur Kühlung des Kondensators eingesetzt – nur noch 1,8 Grad Celsius unter dem Grenzwert von 28 Grad Celsius gelegen habe. „Gemessene 26,2 Grad – das war schon eine kritische Situation, die fast zu einer Abschaltung oder zumindest zu einer Drosselung der Kraftwerksleistung geführt hätte“, sagte Wenzel.

Hintergrund für die Festlegung des Grenzwertes bei der Wassertemperatur in der Weser ist die dortige Flora und Fauna. „Bei mehr als 28 Grad Wassertemperatur sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser derart, dass Tiere und Pflanzen dauerhaft geschädigt werden“, sagte Wenzel. Die klimatischen Veränderungen lassen nach Ansicht des Ministers durchaus erwarten, dass derartige Situationen künftig häufiger auftreten. „Wir haben im Langzeitvergleich bereits den sechsten zu trockenen Frühling in den vergangenen sieben Jahren“, sagte er.

AKW-Betreiber e.on hingegen zeigte sich überrascht von den Äußerungen des Ministers. „Wir können nicht bestätigen, dass unsere Kernkraftwerke durch die Sommerhitze zunehmend in betrieblicher oder gar sicherheitstechnischer Hinsicht beeinträchtigt wären“, teilte auf Nachfrage Unternehmenssprecher Volker Raffel mit. „Dass Grohnde kurz vor der Abschaltung gestanden habe, ist uns nicht bekannt.“ Ähnlich zurückhaltend äußerten sich auch die AKW-Betreiber RWE und EnBW. Derzeit sei das Wetter – anders als 2003 oder 2006 – nicht problematisch, sagte ein RWE-Sprecher.

„In gewissen sehr warmen Wetterlagen, vor allem, wenn diese länger andauern, kann es zu Leistungseinschränkungen der Anlagen kommen, um die Temperaturgrenzwerte zum Schutz der Flussabschnitte einzuhalten, was gelegentlich vorkommt“, räumt e.on-Sprecher Raffel ein. Aber: „Wir rechnen bis zum Ende des Betriebes unserer Kernkraftwerke“, so Raffel weiter, „allenfalls mit sporadischen Leistungseinschränkungen durch solche Wetterlagen, die im Vergleich zur gesamten Jahresproduktion gering sind“. Grundsätzlich seien alle thermischen Kraftwerke – auch Gas-, Öl- und Kohle-Kraftwerke – davon betroffen, dass die Temperaturgrenzwerte zum Schutz der Flussabschnitte eingehalten werden müssten. Kraftwerke mit Kühltürmen – und dazu zählt bekanntlich Grohnde – „sind davon grundsätzlich weniger betroffen“, wie Raffel weiter mitteilt.

Selbst im Hitzesommer 2003 hatte das Kernkraftwerk Grohnde seine Leistung nicht reduziert. „Wir fahren vollen Kühlturm-Betrieb“, sagte damals die frühere e.on-Sprecherin. „Dabei wird das Wasser der Weser nur marginal erwärmt.“ Andere e.on-Kraftwerke etwa „Isar 1“ bei Landshut hätten dagegen ihre Leistung mangels Kühlturm auf 60 Prozent drosseln müssen. In dem folgenden Rekordsommer 2006 hatte der Betreiber dann allerdings angekündigt, für den Fall anhaltend hoher Temperaturen eine wasserrechtliche Ausnahmegenehmigung zu beantragen. Diese Genehmigung ist notwendig, damit das Atomkraftwerk in Grohnde auch dann noch Wasser zur Kühlung seines Turbinenkondensators aus der Weser entnehmen darf, wenn sich die Weser auf 28 Grad aufgeheizt hat.

Der spürbare Klimawandel hat nach Ansicht von Niedersachsens Ministers Wenzel bereits heute unmittelbare Konsequenzen für die Kraftwerke in Deutschland. Wenn es mehr Wetterlagen gebe, bei denen trockene Phasen mit sinkenden Fluss-Wasserständen mit heißen Temperaturen zusammenkämen, könne es dazu kommen, dass Kraftwerke abgeschaltet werden müssten. In anderen Ländern, etwa Frankreich, habe es dieses Problem in der Vergangenheit bereits häufiger gegeben.

Auch in Grohnde sei die hohe Wassertemperatur vor wenigen Wochen nicht die erste kritische Situation gewesen. „Vor einigen Jahren stand Grohnde schon einmal kurz vor der Abschaltung“, sagt der Minister. Danach habe der Betreiber zusätzliche Vorratsbecken für das warme Kühlwasser angelegt. Wenzel: „Unsere jetzige Messung zeigt aber, dass dies offenbar nicht reicht. Wir prüfen das jetzt intensiv, um rechtzeitig einschreiten zu können.“



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