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Alkohol am Arbeitsplatz: Aerzener Maschinenfabrik setzt bereits seit Jahrzehnten auf Prävention

Hilfe bieten – bevor Sucht zum Problem wird

Aerzen (roh). Laut Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) liegt der Anteil der Mitarbeiter, die Alkohol in riskanten Mengen konsumieren, bei 18 Prozent. Fast vier Prozent davon haben einen missbräuchlichen Alkoholkonsum und rund zweieinhalb Prozent gelten als abhängig. Kaum ein Unternehmen in Deutschland und der Region könne es sich heutzutage noch leisten, sich nicht dem Thema Sucht am Arbeitsplatz zu widmen, so die Experten. Dass der Schluck aus der Pulle nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Kollegen und nicht zuletzt die Firma selbst gefährlich ist, weiß auch Claudia Beckert, Personalchefin der Aerzener Maschinenfabrik: „Zum einen besteht natürlich die Gefahr, dass ein alkoholisierter Mitarbeiter sich und andere Personen hier auf dem Gelände gefährdet, zum anderen aber kann dem Unternehmen durch den Alkoholmissbrauch ein erheblicher Schaden entstehen.“

veröffentlicht am 05.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 08:41 Uhr

Das Präventionsprogramm hilft nicht nur Betroffenen, sondern auch dem Unternehmen selbst. Personalchefin Claudia Beckert und Suc
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Experten verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass Mitarbeiter mit riskantem Alkoholkonsum 16-mal häufiger fehlen als andere Kollegen, ihre Arbeitsleistung um rund 25 Prozent vermindert ist und fast viermal häufiger von einem Arbeitsunfall betroffen sind. „Mitarbeiter, die am Arbeitsplatz Alkohol trinken, widmen einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit der Frage, wo sie wann den nächsten Schluck trinken können und wo sie den Alkohol verstecken können“, stellt Peter Knüppel fest. Der Suchtpräventionsbeauftragte der Aerzener Maschinenfabrik weiß, wovon er redet. „Ich hatte selbst ein Alkoholproblem, bin aber bereits seit 1989 trocken.“

Als erster Ansprechpartner sehe er sich für betroffene Kollegen. Das Unternehmen hat ihn mit einem eigens für diese Zwecke eingerichteten Mobiltelefon ausgestattet. Die gesamte Belegschaft ist über Knüppels Präventionstätigkeit informiert. Seit 1979 arbeitet der Zerspanungsmechaniker im Betrieb, viele kennen ihn. „Wenn ein Kollege auf mich zukommt und um ein Gespräch bittet, dann nehme ich mir diese Zeit und höre zunächst einfach nur zu.“

Bei mehr als 1000 Mitarbeitern sei es eine Selbstverständlichkeit, dass man sich bereits seit Jahrzehnten um die Suchtprävention kümmere, so Beckert. „Das Thema Alkoholmissbrauch darf auf keinen Fall tabuisiert werden – im Gegenteil: Wir setzen alles daran, um insbesondere die Führungskräfte zu sensibilisieren, sie zu schulen und ihr Bewusstsein für Anzeichen eines Alkoholmissbrauchs zu machen.“ Klar sei indes, dass Alkohol am Arbeitsplatz auf keinen Fall toleriert werden könne. Betroffene Mitarbeiter müssten eine Vereinbarung mit dem Unternehmen unterzeichnen, an die sich die Mitarbeiter halten müssten. „In den neun Jahren, seitdem ich hier tätig bin, hat es lediglich eine Kündigung wegen Alkohol am Arbeitsplatz gegeben“, erklärt Beckert und sieht darin eine Bestätigung der präventiven Maßnahme, sie weiterzuführen und sogar auszubauen.

Knüppel, dessen Vertraulichkeit sein wichtiges Werkzeug ist, meint: „Manchmal gibt es Phasen, da werde ich monatelang nicht angesprochen, und dann wieder gibt es Zeiten, da führe ich pro Monat zwei oder drei Gespräche.“ Was dem 51-Jährigen ganz besonders wichtig ist, das ist die Tatsache, dass er mit betroffenen Kollegen auf Augenhöhe reden kann. „Natürlich kann ich eine ganze Reihe Angebote machen, aber ab einem bestimmten Punkt, ist es für die Betroffenen wichtig, sich zu ihrem Alkoholproblem zu bekennen.“ Nicht immer ganz einfach sei dieser Schritt, aber doch unerlässlich. Beckert: „Wir brauchen unsere Mitarbeiter, und fast alle in unserem Unternehmen sind Fachkräfte. Wenn ein Mitarbeiter durch eine mehrmonatige Therapie seine Sucht bekämpft und zu alter Leistungsstärke zurückfindet, ist nicht nur ihm, sondern auch dem Unternehmen geholfen.“

Als schwierig bewertet Knüppel die Kontaktaufnahme mit Kollegen, auf die er von anderen Mitarbeitern aufmerksam gemacht wurde. „Es gibt wohl keinen Kollegen, der nicht weiß, dass er mich ansprechen kann. Ich kann mich maximal auf meine eigenen Eindrücke verlassen, deswegen sage ich den Kollegen immer, sie sollen zunächst selbst das Gespräch mit dem Mitarbeiter suchen.“

In einem sind sich Beckert und Knüppel einig: Je früher das Thema angesprochen wird, desto besser. Knüppel: „Gegenüber früheren Zeiten hat sich vieles verändert. Damals wurde erst gehandelt, als das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Das ist heute ganz anders.“ Beckert stellt klar, dass nicht nur in Aerzen die Suchtprävention groß geschrieben wird: „Aus den Gesprächen mit den Personalleitern zahlreicher Unternehmen der Region weiß ich, dass überall etwas gegen Alkoholmissbrauch getan wird.“ Erst unlängst sei im großen Personalleiterkreis die Idee geboren worden, eine Art Hotline-Telefon für die Region einzurichten, das rund um die Uhr besetzt sein könnte, um Mitarbeitern einen niederschwelligen Erstkontakt zu ermöglichen.

Experten verweisen darauf, dass Mitarbeiter mit riskantem Alkoholkonsum – hier ein Symbolfoto – 16-mal häufiger fehlen als andere Kollegen, ihre Arbeitsleistung um rund 25 Prozent vermindert ist.

Foto: Bilderbox



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