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Es gilt als Hauptwerk der Weserrenaissance – jenem Baustil, der für den Weserraum so typisch ist

Hämelschenburg - ein einzigartiges Schloss

Ausgerechnet im beschaulichen Dörfchen Hämelschenburg nahe Hameln erhebt sich das als Hauptwerk der Weserrenaissance geltende Schloss. „Von einer europäischen Dimension“ spricht gar Lippold von Klencke, Nachfahre der Schlosserbauer, mit Blick auf diese Baustilrichtung. „Die Menschen kommen aus aller Welt – und sind beeindruckt.“

veröffentlicht am 18.10.2017 um 17:33 Uhr

So schön ist die Weserrenaissance – und das Schloss Hämelschenburg. Foto: Dana
Christian Branahl

Autor

Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Wenn sich das schwere Brückentor hinter den Besuchern nach der Schlossführung schließt, dann lassen sie den Blick noch einmal schweifen: Die Kirche direkt vor ihnen, der Teich, in dem sich Karpfen tummeln und die Seerosen blühen, ins Tal des Flüsschens Emmer, wo an der Mühle ein Atelier und ein kleiner Betrieb für Holzspielzeug locken. Fast sechs Jahrhunderte Geschichte in 50 Minuten – spannend, lehrreich, manchmal ernüchternd für die Besucher. Ein märchenhaftes Schloss, das die historischen Wirrungen nicht verschweigt und die Probleme der Gegenwart benennt.

An seinen Ahnen führt kein Weg vorbei. Gleich in der Eingangshalle des heutigen Schlossmuseums blicken die Besucher auf die großformatigen Gemälde von den Erbauern Jürgen von Klencke, einem einstigen Söldnerführer, und seiner Frau Anna von Holle. Seit 1437 befindet sich das Rittergut im Besitz der Familie, das nach einem Brand im Jahre 1544 als Wasserschloss auf dem Höhepunkt der Weserrenaissance neu errichtet wurde. Deutschlands bedeutendster Denkmalschützer, der inzwischen verstorbene Gottfried Kiesow, zählte den 1588 begonnenen Bau „des großartigen Schlosses“ zu den „besten Leistungen der Renaissance in Norddeutschland“. Der Gründer und langjährige Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz galt als besonderer Kenner von Hämelschenburg, begleitete einige frühere Sanierungsabschnitte.

Eine persönliche Verbindung zu seinen Vorfahren, die den stattlichen dreiflügeligen Bau errichtet haben, empfindet der heutige Schlossbesitzer nicht. Wobei Lippold von Klencke großen Wert auf diesen Eigentumsbegriff legt. Schlossherr? Darauf reagiert er gereizt. Zu sehr klingt dabei der negative Hauch von Herrschaft durch. „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“ – so habe der Auftrag seines Großvaters an ihn gelautet. Den Auftrag, meint von Klencke, „habe ich angenommen“. Und er fügt hinzu: „Er ist schwierig.“

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Das historische Erbe als Verpflichtung: Lippold und Christine von Klencke vor den Porträts der Schlosserbauer . Foto: Leona Ohsiek/PR
  • Das historische Erbe als Verpflichtung: Lippold und Christine von Klencke vor den Porträts der Schlosserbauer . Foto: Leona Ohsiek/PR
Innenansichten des Schlosses. Leona Ohsiek/PR
  • Innenansichten des Schlosses. Leona Ohsiek/PR
Historisch, verspielt, kostspielig. Foto: Leona Ohsiek/PR
  • Historisch, verspielt, kostspielig. Foto: Leona Ohsiek/PR
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Das historische Erbe als Verpflichtung: Lippold und Christine von Klencke vor den Porträts der Schlosserbauer . Foto: Leona Ohsiek/PR
Innenansichten des Schlosses. Leona Ohsiek/PR
Historisch, verspielt, kostspielig. Foto: Leona Ohsiek/PR

Längst lebt die Familie nicht mehr von dem Rittergut, zu dem 160 Hektar landwirtschaftliche Flächen und 220 Hektar Wald gehören. Immer mehr muss sie sich um eine wirtschaftliche Nutzung des Schlosses mühen, um es zu erhalten. Das historische Erbe als Bürde? Nicht unbedingt, meint von Klencke. Trotz aller Belastungen will es der frühere Ministerialbeamte in Diensten der Landesregierung in Hannover, zuletzt im Wirtschaftsministerium, im positiven Sinne sehen. Die familiäre Verpflichtung eher, wie der Pensionär es gemeinsam mit Ehefrau Christine von Klencke, studierte Kunsthistorikerin und gebürtige US-Amerikanerin, sieht. Seit 1973 leben die Eltern von vier Kindern im Schloss.

„Meine Familie hat in sechs Jahrhunderten aus kunstgeschichtlicher Sicht nicht nur ein Hauptwerk der Weserrenaissance, sondern zweifellos auch ein Kleinod der norddeutschen Baukunst geschaffen“, meint von Klencke. „Aus dem einstigen Prachtbau, der der Entfaltung politischer Macht diente, wurde ein märchenhaft schönes und beeindruckendes Kunstwerk.“ Als bemerkenswert bewertet er es, dass das Rittergut Hämelschenburg in besonderer Weise von dem Lehnswesen der Welfen und der Geschichte des Landes geprägt worden sei, wiederholt starke Generationen den Privatbesitz gerettet hätten und es noch heute nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit bewirtschaftet werde.

Doch der persönliche Einsatz dafür sei hoch und das Leben im Schloss entgegen landläufiger Vorstellungen nicht unbedingt komfortabel. Steile Wendeltreppen, lange Flure und vor allem der Lärm der Straße. Traumhaft schöne Idylle aus Sicht der Besucher – und trotzdem gibt es eine leerstehende Mietwohnung in dem Prachtbau. „Wer aufs Land zieht, will seine Ruhe und keinen Verkehrslärm“, weiß von Klencke, für dessen Familie dies nur eine von vielen Belastungen darstellt. „Deswegen darf man sich von der märchenhaften Schönheit und der reizvollen Aufgabe nicht irritieren lassen, wenn es darum geht, die Kosten nüchtern einzuschätzen, die Finanzierung zu sichern und den Arbeitsaufwand zu bewältigen“, meint er.

Und das bei bisweilen überbordenden Forderungen des Denkmalschutzes, wenn manche Bürokraten in den Behörden aus seiner Sicht das Machbare ausreizen wollten. Einige Auseinandersetzungen endeten schließlich vor den Richtern. „Leidgeprüft“ sei er, mehrfach hätte er sich erst mit Hilfe der obersten Gerichte des Landes durchsetzen könne..

Rund 20 000 Besucher nehmen jährlich an den Führungen durch das Schloss zwischen April und Oktober teil. Ungezählt bleibt die Zahl derer, die nur zu einem Spaziergang durch die idyllische Landschaft anreisen, ein Familienfest auf dem Gelände mit Café, Biergarten und Veranstaltungszentrum feiern, zu Konzerten und Lesungen oder aber dem Adventsmarkt kommen. Seit 1973 ermöglicht es die Familie, die historischen Räume mit den originalen Möbeln, Gemälden und Kaminen sowie Waffen-, Porzellan- und Glassammlungen zu besichtigen.

Der Entschluss zu der Öffnung war nach und nach gereift. Als großes Glück bezeichnet es von Klencke, weitab von den unruhigen Zeiten der 68er in Deutschland am College in Oxford studiert zu haben – schon damals fortschrittlicher als heimische Universitäten, wie es der Hämelschenburger erfahren hat. „Während meines Studiums in Oxford habe ich dann erlebt, dass ein moderner Geist in alten Gemäuern herrschen kann und dass Touristen sie bereichern“, blickt von Klencke auf seine Erfahrungen in England zurück. Bis wenige Jahre zuvor noch hatte das Schloss in Folge des Zweiten Weltkrieges Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene beherbergt, die später auszogen, als sich die größte Wohnungsnot mehr und mehr entspannte. Von Klencke entwickelte in den Siebzigern ein Konzept für die Schlossführungen, für das er Fördergelder einwerben konnte. „Allerdings hätten wir es ohne das Interesse und die Freude an Kunst- und Kulturgeschichte, die meine Frau und ich teilen, nicht gemacht“, schränkt der Eigentümer der überregional bekannten Immobilie ein.

Ob die Schlösser in Bückeburg, Fürstenberg oder Schwöbber bei Aerzen, das Bremer Rathaus oder Hamelner Hochzeitshaus – sie zählen zu einer Vielzahl bedeutender Bauwerke der Weserrenaissance. Sie gilt nicht als eigene Stilrichtung, sondern der Begriff steht für die regionale Dichte von aufwendigen Schloss- und Bürgerbauten, in die Elemente aus verschiedenen Ländern einfließen.

Information

Die Weser von oben

Das Magazin „Die Weser von oben“ zeigt auf 172 Hochglanz-Seiten die Weser in all ihrer Schönheit und Vielfalt: Luftbilder, Reportagen, Fakten. Wir dokumentieren in diesem Buch 452 Kilometer dieses deutschen Stroms, von dem Zusammenfluss von Werra und Fulda bis zur Mündung in die Nordsee. Mit vielen Geschichten wie jener über die Weserrenaissance. Das Hochglanz-Magazin ist zum Preis von 9,80 Euro in den Geschäftsstellen der Dewezet in Hameln und der Pyrmonter Nachrichten in Bad Pyrmont erhältlich und kann auch online im Shop unter www.dewezet.de bestellt werden.

Das Besondere von Hämelschenburg für die Besitzerfamilie? „Vor allem die wunderbare Einheit von Bauwerk, Natur und Kunst und ihre sichtbare Entwicklung über viele Jahrhunderte“, meint von Klencke. „Die Renaissance ist ein ungeheuer wichtiger Baustil und das einzigartige Bauensemble eine hervorragende Schulung für das Auge“, nennt er als wichtigen Grund, dass dieses Erbe für ihn und seine Familie eine historische Verpflichtung sei. Mit seiner Frau vertrete er die Auffassung, dass „wir aus der Geschichte lernen können und müssen“, nennt er als weiteren Aspekt. Das sei nicht einfach, jedoch gerade bei einem so übersichtlichen und interessanten Besitz sinnvoll. Und außerdem sei das Schloss von Zerstörungen durch Feuer, Krieg und Umstürze verschont geblieben und vollständig erhalten.

Von der Schlosserbauerin Anna von Holle ist sogar überliefert, dass sie im Dreißigjährigen Krieg dem Feldherrn Tilly entgegenritt. Sie hat mit ihm einen Schutzvertrag ausgehandelt haben, der es den plündernden Truppen verbot, das Schloss und die Ländereien zu betreten. Mut bewiesen die Klenckes immer wieder über die Jahrhunderte. Auch gegenüber den Nazis, denen sich die Familie nicht unterordnete. Sein Großvater habe der „Bekennenden Kirche“ angehört, erzählt von Klencke. Und als er mit seiner Frau in den siebziger Jahren das Schloss bezog, sei der erste Pastor ein früherer Freund des von den Nazis ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer gewesen.

Der Glaube ist dem Ehepaar wichtig. Noch heute übt die Familie das Patronat aus. Das 1563 errichtete Kirchengebäude gilt als erster freistehender protestantischer Kirchenbau in Deutschland nach der Reformation. 1652 schenkte die Familie der neu gegründeten Kirchengemeinde Hämelschenburg das Gotteshaus. Die Verbundenheit hält an. Als die Gemeinde 2013 an die 450-jährige Geschichte ihrer Kirche erinnerte, gehörte Christine von Klencke mit zu den Autorinnen eines Stückes über wechselvolle Episoden, die mit Hämelschenburg verbunden sind. 80 Mitwirkende aus dem Dorf und den angrenzenden Orten standen damals auf der Bühne.

„Wir sind Bürger des Dorfes und nehmen, wie es jeder tun sollte, unsere politische und gesellschaftliche Verantwortung wahr“, meint der Schlossbesitzer für seine Familie. Die Kirche, für die seine Frau sogar in der Landessynode vertreten ist, Verbände, Vereine, Musikgruppen oder Feuerwehr, bei der einer der Söhne neben seinem Beruf als Anwalt ganz selbstverständlich als ehrenamtlicher Ortsbrandmeister Verantwortung übernimmt, Stiftungen und Parteien: Die Aufgaben sind vielfältig. „Meine Frau und ich finden im Kleinen vor Ort genauso viel Freude wie auf Reisen und in unserem weltweit zerstreuten Freundeskreis“, sagt Lippold von Klencke. „Das geht anderen in Hämelschenburg genauso. Wahrscheinlich hat unser Dorf dafür die richtige Größe.“

Als Provinz hat er Hämelschenburg mit seinen rund 300 Einwohnern nie empfunden – eben wegen der europäischen Dimension der Weserrenaissance. Doch der Erhalt des Baudenkmals bleibt Daueraufgabe. Alle historischen Gebäude sind zwischen 1972 und 2000 saniert worden. „Das hat viele Ideen, ideelle und finanzielle Unterstützung, eine zuverlässige Planung, große Transparenz und gute Handwerker erfordert“, sagt der Besitzer. Und oft auch Geduld. Als Zitterpartie erwies sich zuletzt der Antrag, Fördergelder für den Denkmalschutz beim Bund zu erhalten. Die zahlreichen und für die Weserrenaissance typischen Steinornamente des Schlosses müssen restauriert werden – allein für den ersten von fünf Bauabschnitten sind Kosten von 330 000 Euro kalkuliert. Die Besitzer sprachen fast von einem Wunder, als der Bund dann doch die Hälfte der Summe bewilligte. Doch die Familie hat zunächst die Arbeiten verschoben – auf Anfang nächsten Jahres, wenn keine Saison ist. Der Blick der Besucher auf die Schlossgiebel mit Baugerüsten? Lippold von Klencke: „Das wollen wir ihnen doch lieber ersparen.“

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