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Landschaften mit Atomkraftwerken im kitschigen Delfter-Stil / „Denkmäler des Irrtums“

Grohnder Atomteller – „um die Ecke gedacht“

Emmerthal. Bei diesem Teller muss man schon zweimal hinschauen: Ein historisches Motiv von Grohnde im Stil holländischer Delfter-Tradition mit dem Atomkraftwerk? Ja, diesen Porzellanteller gibt es wirklich – wie auch von anderen AKW-Standorten. Schmuckstück oder Schnickschnack? Kunst oder Schnick? Die Hintergründe.

veröffentlicht am 23.12.2015 um 12:06 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:00 Uhr

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Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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. Kitsch oder Kunst? Im klassischen Delfter-Stil kommt er daher – der Wandteller, wie er heute wohl kaum noch einen heimischen Haushalt heimelig gestaltet. Ein ungewöhnlicher Blickfang aber allemal: Wo bei klassischen Landschaftsmotiven dieser holländischen Tradition eher Windmühlen vermutet werden, steht in der historischen Ansicht von Grohnde nach Merian-Art das Atomkraftwerk. Von allen bundesdeutschen 19 AKW-Standorten inklusive der bereits stillgelegten Meiler wie etwa Würgassen sind rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft die Motive auf den Markt gekommen. Die Idee geht zurück auf die Autorin und Regisseurin Mia Grau sowie den Architekten und Gestalter Andree Weissert, die selbst von der Resonanz überrascht sind.

Unter Freunden starteten sie den Verkauf der Teller. Die Aquarelle stammen von der Porzellanmalerin Heike Tropisch, die ihr Handwerk bei der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) erlernte. Und die Nachfrage war da. „Es funktionierte“, sagt Weissert. Der Erfolg sei nicht unbedingt erwartet, aber erhofft worden.

Nur wer soll sich mit den 39 Euro nicht ganz billigen Porzellantellern die Wohnung schmücken? „Ich bin Architekt“, sagt Weissert. Für den Berufsstand quasi ein Ausschlusskriterium, Wohnungen mit diesen Landschaftsmotiven in klassischen Blautönen, mit Ornamenten am Rand verziert, als Accessoires auszustatten. Irgendwie aus der Zeit gefallen. Geschmackssache halt. Aber: Den Initiatoren kommt es auf die Botschaft an. Was früher Windmühlen waren, sind Atomkraftwerke heute: Energiebauwerke. „Die Tage der Windmühlen sind längst vergangen und nun neigt sich die Dämmerung über die Ära der deutschen Atomkraft“, umschreiben Mia Grau und Andree Weissert ihre Beweggründe. „Höchste Zeit also, Atomkraftwerke als das zu zeigen, was sie sind: Denkmäler des Irrtums – Hoffnung von Gestern – Folklore von Morgen.“ Das Projekt Atomteller als Objekt – Berichte darüber sind vor allem in Kulturmagazinen und im Feuilleton der Tageszeitungen zu finden.

Die Initiatoren sind nahe von AKW-Standorten aufgewachsen. Weissert, Jahrgang 1975, etwa beispielsweise in Sichtweite von Brunsbüttel. Als er den Kinderschuhen entwachsen war, hatte die Anti-Atom-Bewegung längst ihren Höhepunkt überschritten. „Wir kommen nicht aus der Protestkultur“, sagt er. Aber die Haltung sei „klipp und klar“ – vor allem mit Blick auf den Atommüll, der auch nach dem Abschied von der Kernenergie noch Jahrmillionen ein Risiko bleibe.

Das Objekt Atomteller sehen die beiden Norddeutschen als Botschaft, auch wenn „sie um die Ecke gedacht“ sei. Besonders in sozialen Netzwerken werde manchmal deutlich, dass sie nicht erkannt werde, manchmal eine Hommage an Atomkraftwerke gesehen werde. Natürlich werde es Käufer geben, die aus Interesse an dieser Energiegewinnung auch den Atomteller bestellen würden. Aber Weissert nennt ein ganz anderes Klientel: die Generation derer, die früher gegen die Atomkraft demonstriert haben. Während in Großmutters Wohnstube einst die Delfter-Fliese mit Mühle hing, beschleiche die Protest-Folgegeneration mit den Meilern eine besondere Erinnerung. „Ach was waren das für Zeiten, als wir auf den Demos waren“, nennt der Architekt als mögliches Motiv. Einen Seitenhieb kann sich Weissert dabei nicht verkneifen. Oft werde die Protestkultur mit zunehmendem Alter „nostalgisch verklärt“.

Andere AKW-Standorte sind stärker gefragt, Grohnde stand aber auch schon häufiger auf der Bestellliste. Die Gemeinde Emmerthal wird zumindest nicht zu den Kunden gehören. Dabei hat sie 3000 Euro im Etat, um Ehrengaben für besondere Ereignisse wie beispielsweise goldene Hochzeiten zu finanzieren. Aber auch künftig werden es keine Atomteller sein, sagt Bürgermeister Andreas Grossmann, dessen Amtskette übrigens dem Hörensagen nach einst durch das Kernkraftwerk gesponsert worden ist. Die Gemeinde verschenkt zwar ebenfalls Porzellan – aber dabei handelt es sich um Vasen aus der nahen Fürstenberg-Manufaktur. Und dabei bleibt es. Zum Glück, mögen nun vielleicht einige Jubilare aus Emmerthal sagen.

Überraschenderweise ist es aber das Deutsche Museum in München, das den kompletten Atomteller-Satz aller 19 AKW-Standorte inklusive Grohnde bestellt hat. Weissert: „Ich bin gespannt, was es damit vorhat.“



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