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Fachwerkhaus zur Ruine verfallen

Gibt es noch etwas zu retten?

AERZEN. Die Fachwerkhäuser im Goldschlag stehen als Ensemble unter Denkmalschutz und sind allesamt sanierte Schmuckstücke – mit einer Ausnahme: Das Gebäude mit der Hausnummer 4 ist spätestens seit dem Besitzerwechsel vor drei Jahren zu einer Bauruine verkommen – trotz des Denkmalschutzes. Den direkt an das Haus angrenzenden Fußweg, der den Goldschlag mit dem Wall verbindet, musste die Gemeinde Aerzen zwischenzeitlich vorübergehend sogar sperren lassen, weil herabfallende Dachziegel eine Gefahr für Passanten darstellten. Gibt es noch etwas zu retten?

veröffentlicht am 12.10.2018 um 15:29 Uhr
aktualisiert am 12.10.2018 um 19:40 Uhr

Bereits von außen offenbart sich der fortgeschrittene Verfall der Fachwerkruine im Aerzener Goldschlag. Foto: sbr
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Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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Um diese Gefahr zu bannen und die Last des Dachs vom Haus zu nehmen, um dadurch ein Arbeiten am Gebäude überhaupt erst zu ermöglichen, ließ der Besitzer es abdecken und mit Folie abdichten. Die allerdings hielt schon den ersten kräftigeren Windböen nicht stand und so drang über Monate Feuchtigkeit in das Fachwerk und die Lehmschlagdecken ein.

Die Folge: Schon von außen sichtbar lösen sich die Gefache auf und brechen aus dem Fachwerk heraus. Auch die Decken haben ganz offensichtlich Feuchtigkeitsschäden. Ein Blick durch die Fensterhöhlen offenbart das ganze Ausmaß des Verfalls. Inwieweit das Haus überhaupt noch gefahrlos betreten werden kann, lässt sich von Laien schlecht abschätzen. Ebenso unbeantwortet blieb bisher die von der Öffentlichkeit und den Mitgliedern des Aerzener Ortsrats wiederholt gestellte Frage, ob es an dem Gebäude überhaupt noch etwas zu retten gibt. Einem Abbruch steht der Denkmalschutz im Weg, erklärt Aerzens Erster Gemeinderat Andreas Wittrock.

„Las(s) den li(e)ben Gott walten, der hat lange Haus gehalten. Und an Gottes Segen ist alles gelegen.“ Diesen Spruch ließen die Eheleute Harman Piper und Anna Ilsabe Reckkers anno 1681 von den Zimmerleuten in den Torbalken ihres Fachwerkhaus-Neubaus schnitzen. Als zusätzlichen Schmuck für den Torsturz wählten sie Rankenornamente und eine Vase mit drei Blütenstängeln als Symbol für den Lebensbaum. Vermutlich war das Vorgängerhaus, genau wie ein Großteil Aerzens einschließlich der Marienkirche und der Domänenburg, bei dem verheerenden Brand im Jahre 1642 zerstört worden.

Foto: sbr
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Weit über 300 Jahre nach seiner Erbauung scheint es nun so, dass mittlerweile jede Hilfe zu spät käme und die Tage des denkmalgeschützten Fachwerkhauses gezählt sind. Bei dem Wohnwirtschaftsgebäude handelt es sich um einen zweigeschossigen Vierständer-Fachwerkbau mit einer Längsdiele auf der linken und einem Erkervorbau, einer sogenannten Utlucht, auf der rechten Seite des Gebäudes. Das Haus gehörte einmal zu einer Großkötnerstelle und bot viel Platz für Landwirtschaft und Gewerbe. Anzunehmen ist, dass Mitte des 18. Jahrhunderts in dem Gebäude ein Schutzjude eine Werkstatt unterhielt, in der er Messing verarbeiten durfte. Aus dem Forstrezess von 1856 geht hervor, dass der Postkutscher Wilhelm Lenke Besitzer des Hauses Goldschlag Nr. 4 war und hier auch seine Vorspannpferde in den Stallungen standen. Die Posthalterei befand sich an der nahen Osterstraße. Zuletzt war das Fachwerkhaus im vergangenen Jahrhundert Wohnhaus und Werkstatt eines Tischlermeisters, bevor es lange Zeit leerstand.

„Eine simple Löschung des Eintrags in der Denkmalliste sieht das Gesetz so nicht vor“, erklärt Susanne Menzel, beim Landkreis Hameln-Pyrmont für die Denkmalpflege zuständig. Allerdings, so räumt die Landkreismitarbeiterin ein, besteht die Möglichkeit, einen Antrag auf Abbruch des Baudenkmals einzureichen mit der Begründung, dass die Erhaltung und Instandsetzung des Gebäudes für den Eigentümer wirtschaftlich unzumutbar ist. Dabei wird ein Zeitraum von 20 Jahren für diese Berechnung zugrunde gelegt. Allerdings, und das kommt ernüchternd für den Antragsteller hinzu, werden dabei unter anderem auch die Kosten der bisher unterlassenen Bauunterhaltung der letzten Jahre oder die Baukosten, die auch ohne Auflagen des Denkmalschutzes am Gebäude anfallen würden, eventuelle Fördermittel oder auch zu erwartende Steuervergünstigungen eingerechnet, wie Susanne Menzel auflistet. Sollte sich aber doch herausstellen, dass der Aufwand, ein Gebäude zu erhalten, eine für den Eigentümer unzumutbare finanzielle Belastung bedeuten würde, entscheidet der Landkreis im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Hannover über den Abbruchantrag. Erst wenn das Gebäude tatsächlich entfernt wurde, wird der Eintrag in der Liste der Baudenkmale gelöscht.

Grundsätzlich sind Besitzer denkmalgeschützter Häuser gesetzlich verpflichtet, Baudenkmale instandzuhalten, zu pflegen, vor Gefährdung zu schützen und wenn nötig, instandzusetzen, wie Susanne Menzel erklärt. „Zum konkreten Fall kann aus Datenschutzgründen keine konkrete Aussage getätigt werden“, bittet die Landkreismitarbeiterin um Verständnis. Die Gemeindeverwaltung beobachtet das Verfahren. „Sollte die Abrissgenehmigung erteilt werden und diese schriftlich und unwiderruflich vorliegen, kann sich die Gemeinde vorstellen, das Grundstück samt dem maroden Gebäude für einen obligatorischen Preis zu erwerben und das Fachwerkhaus entfernen zu lassen. Danach könnte dann unter Beteiligung der Nachbarschaft überlegt werden, wie eine Neugestaltung des Bereiches aussehen kann“, erklärt Wittrock. Trotz mehrmaliger Versuche war der Hauseigentümer für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Eine simple Löschung des Eintrags in der Denkmalliste sieht das Gesetz so nicht vor.

Susanne Menzel, Landkreis Hameln-Pyrmont


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