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Auf dem Weg zum Modell-Projekt „Autonomes Fahren“ / Heimische Unternehmen zeigen Interesse

Gellersen setzt auf E-Mobilität

AERZEN.Der Blick in die Glaskugel ist am Jahresende ein beliebtes Spiel. Auch Dr. Thomas Forche schätzt den Blick in die Zukunft, aber seine Visionen haben einen handfesten realen Hintergrund. Ihnen liegt technische Machbarkeit zugrunde. Und hier sieht Gellersens Ortsbürgermeister seinen Ort auf dem Weg in eine mobile Zukunft, für die derzeit die Weichen gestellt werden.

veröffentlicht am 01.01.2018 um 17:41 Uhr
aktualisiert am 02.01.2018 um 11:49 Uhr

Fahren ohne Fahrer: Derzeit wird diese Technologie auf Teststrecken erprobt. Dazu sollte auch Gellersen gehören, meint Ortsbürgermeister Dr. Thomas Forche. Foto: dpa
Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil

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Guido Erol Hesse-Öztanil Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Allerdings noch andernorts, etwa auf dem Testfeld im Raum zwischen Hannover, Braunschweig, Wolfsburg und Salzgitter. Dort sollen Ende 2018 die ersten autonom agierenden Autos auf den Straßen unterwegs sein.

Und im Frühjahr nächsten Jahres, darauf weist Forche hin, werden auch auf dem Campus der Charité in Berlin vollautomatisch elektrisch betriebene Kleinbusse die Besucher befördern. Auch für den ländlichen Raum birgt das autonome Fahren enorme Vorteile, und die will Forche nutzen, um – wie er sagt – das Leben in kleineren Ortschaften wieder attraktiver zu machen. Gellersen mit seinen knapp 200 Einwohnern bietet sich dafür geradezu an.

„Wir haben praktisch keine Alltags-Infrastrukturen, die Menschen sind darauf angewiesen, für einen Einkauf, Gaststätten- oder Arztbesuch nach Aerzen, Emmerthal, Bad Pyrmont oder Hameln fahren zu müssen, doch die Anbindung durch den ÖPNV ist nicht optimal und einen Radweg wird es nicht geben“, erklärt Forche. Der demografische Wandel verschärft noch das Problem. Häufig sind es die jungen Menschen, die dem Land den Rücken zuwenden und in die Städte ziehen, während die zurückbleibenden älteren Einwohner oft über kein Auto verfügen. Sie sind buchstäblich abgehängt.

Gellersen will sich als „Modellregion für autonomes Fahren“ empfehlen und mit diesem Anliegen trat Forche an das Wirtschafts- und Verkehrsministerium heran. Sollte solch ein Testfeld eingerichtet werden, dann möge auch Gellersen oder die Gemeinde berücksichtigt werden, bat Forche das Ministerium. In größeren Dimensionen gedacht, könnte sich der frühere Regionalmanager auch die Leader-Region Westliches Weserbergland als Modellregion vorstellen. In Hannover wurde der Vorstoß positiv aufgenommen, zugleich signalisiert, zunächst auf Eigeninitiative zu setzen und Kooperationspartner vor Ort zu suchen. Eine finanzielle Förderung stellte das Land nicht in Aussicht.

Für Forche ist das Mobilitätsproblem eng mit dem Klimaschutz verbunden. „Man muss beides lösen!“ Hier erweist sich der Blick über den Tellerrand hinaus als hilfreich. Forche schaut nach Jühnde. Der Ort im Landkreis Göttingen ist nicht nur das erste Bioenergiedorf Deutschlands, sondern hat auch beim Projekt „eMobilität vorleben“ die Nase vorn. Der dortige kommunale Energieversorger stellte in einem Feldversuch Testhaushalten für jeweils zwei Wochen ein Elektroauto und eine Ladestation zur Verfügung. Zusätzlich wird das Konzept E-Carsharing (ein Wagen wird mit anderen geteilt) erprobt. Der Einweihung der Ladesäule durch den damaligen Wirtschaftsminister Olaf Lies wohnte Forche seinerzeit bei und möchte die Weichen für solch ein Projekt auch für den eigenen Ort stellen. In Gellersen werden als Übergangslösungen eine ehrenamtliche Fahrdienstliste seit 2016 angeboten und die Sanierungsbedarfe an den Radverbindungen zu den Grund- und Mittelzentren gezielt abgearbeitet. Noch wird das von acht Einwohnern vorgehaltene Angebot eher zurückhaltend in Anspruch genommen. Ältere haben aber immerhin so die Möglichkeit, sich beispielsweise zum Arzt fahren zu lassen. Gleichzeitig steigt die Zahl der E-Bike-Nutzer in Gellersen deutlich an, sodass die Radverbindungen zu allen Nachbarorten an Bedeutung gewinnen.

In der „Startphase“ auf dem Weg zur Modellregion für autonomes Fahren muss nach Forche, der auch Mitglied der „Zukunftswerkstatt Gellersen“ ist, die Infrastruktur für E-Mobilität ausgebaut werden. „Die öffentlichen Ladestationen sind die Grundlage für eine flächendeckende Einführung von Elektroautos und zugleich Anreiz, sich solch einen Wagen anzuschaffen.“ Im Frühjahr wird das heimische Energieversorgungsunternehmen Westfalen Weser Energie (WWE) im Zusammenhang mit dem Ausbau eines Ladesäulen-Netzes auch Aerzen mit einer Ladestation bestücken. Weitere sollen im kommenden Jahr in Emmerthal, Coppenbrügge und Salzhemmendorf folgen.

Derzeit steht Thomas Forche im Gespräch mit WWE, um auch Gellersen zu solch einem Ladepunkt zu verhelfen. Angestrebt wird ferner eine Ladestation für E-Bikes, und auch hier setzt der Ortsbürgermeister auf heimische Firmen, die das entsprechende Know How haben. „Erste Kontakte wurden geknüpft, viele Gespräche stehen jedoch noch aus. Die bisherigen Reaktionen sind positiv, doch konkrete Zusagen haben wir noch nicht.“

Sind ausreichend Ladestationen vorhanden, wäre damit auch die Voraussetzung für eine Mietstation für E-Autos gegeben. Forche, nach eigenen Worten ein „Polo-Dieselgeschädigter“, würde dann auch in Erwägung ziehen, selbst auf ein E-Auto umzusteigen. Im Gegensatz zu den günstigen Modellen aus China oder Indien müssten jedoch die heimischen Automobilhersteller erst noch erschwingliche Varianten auf den Markt bringen, so Forche. Auch die Speicherkapazität der Batterien gilt es zu verbessern. Hier sei vermutlich in absehbarer Zeit mit einem Durchbruch zu rechnen.

Aerzens Ortsbürgermeister lässt keinen Zweifel an der Hartnäckigkeit, mit der er an der Umsetzung seiner Vision arbeiten wird. „Ich bleibe am Ball.“ Und das schon aus Eigennutz, wie Forche bemerkt. „Im Alter werde ich mit gesundheitlichen Einschränkungen rechnen müssen, möchte aber weiterhin mobil bleiben.“

Mein Standpunkt

Gellersens Ambitionen sind zu begrüßen. Es bleibt indes abzuwarten, ob in absehbarer Zeit wirklich selbstständig fahrende Autos ihren Testlauf in der Region

absolvieren. Aber das ist nicht das Entscheidende. Selbst wenn es Forche und seinen Mitstreitern von der „Zukunftswerkstatt“ verwehrt bliebe, eine Modellregion für autonomes Fahren zu etablieren, dürfte es zu wichtigen Impulsen für eine Verbesserung der Mobilität im ländlichen Raum kommen.

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