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Aerzener Königseiche vermutlich Opfer des Wetters / Um den Namen ranken sich viele Gerüchte

Gefällter Riese

Aerzen. „Mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot.“ Nicht nur die Sängerin Alexandra betrauerte in ihrem Schlager den Verlust eines Sinnbilds des Lebens. Auch Aerzen hat irgendwann im Laufe der vergangenen Woche seinen wohl berühmtesten Baum verloren, wie Bürgermeister Bernhard Wagner mitteilt. Die Königseiche am Lüningsberg ist umgestürzt.

veröffentlicht am 01.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 06:21 Uhr

Autor:

von Sabine Brakhan
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Wann genau, das kann weder die Gemeinde noch die Forstgenossenschaft Königsförde, in deren Bereich der Baum stand, oder das für Naturdenkmale zuständige Naturschutzamt des Landkreises Hameln-Pyrmont genau sagen. Eines steht allerdings fest: Am 19. Oktober war sie noch eines der sagenumwobenen Ziele der Landsommer-Wanderung „Die Zwerge vom Lüningsberg“ mit Gästeführerin Magdalena Danger. „Wir prüfen zurzeit zusammen mit dem Flecken Aerzen, was vor Ort zu tun ist. Die Königseiche sollte, wenn möglich, liegen bleiben, damit sich der weitere Verfall fortsetzen kann. Auch das gehört zum Naturkreislauf“, ist von Rainer Halbauer vom Naturschutzamt des Landkreises Hameln-Pyrmont als erste Reaktion auf den Fall des Naturdenkmals zu erfahren. Der Einschätzung schließt sich auch der Vorsitzende der Forstgenossenschaft Königsförde, Friedrich Echte, an.

Seit vielen Jahren

war die Königseiche ein Naturdenkmal

Die Königseiche ist nicht ohne Grund zum Naturdenkmal erklärt worden: In ihrem Schatten sollen die sagenumwobenen Geister oder Zwerge des Lüningsberges ihr goldenes Kegelspiel betrieben, Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts auf seinem Weg über die alte Heerstraße gen Osten eine Rast eingelegt und der letzte König der Personalunion zwischen Hannover und England einige Jahre später ein wichtiges Dokument unterzeichnet haben. Der majestätische Baum am südlichen Waldrand des Lüningsberges oberhalb von Aerzen könnte Schauplatz einiger geschichtlich bedeutungsvoller Ereignisse gewesen sein.

Aufgrund ihrer Schönheit und der nicht zu widerlegenden heimatkundlichen Bedeutung wurde sie schon vor vielen Jahrzehnten zum Baumdenkmal erklärt. Im Laufe der vergangenen Jahre war das Antlitz der alten, knorrigen Stieleiche allerdings verblasst. „Sie befand sich bereits seit längerer Zeit in der altersbedingten Degenerationsphase und sollte vor Ort absterben und zerfallen“, erklärt Halbauer. Warnschilder wiesen Passanten auf die Gefahr durch herabfallende Äste hin. Dass das Ende nun doch so schnell kam, erstaunt allerdings das Naturschutzamt. Das Höchstalter einer mächtigen Stieleiche liegt bei 500 bis 1000 Jahren, in Ausnahmefällen kann sie sogar bis zu 1400 Jahre alt werden.

Woher die aristokratische Bezeichnung der Aerzener Königseiche stammt, lässt sich nicht zweifelsfrei nachvollziehen und gibt so Raum für Spekulationen. Sollten Napoleon und seine Truppen wirklich an jeder der unzähligen Königseichen entlang der alten Heerstraße, die quer durch Deutschland verlief, eine Rast eingelegt haben, so hätte er sicher keine Zeit mehr für kriegerische Auseinandersetzungen gehabt. Das Kriegsgeschehen lasse sich allerdings geschichtlich einwandfrei belegen und so ist die Theorie um den Rastplatz am Lüningsberg mehr als fraglich. Allerdings musste 1803 auch hierzulande an Napoleon Kriegsgeld gezahlt und Holz unter anderem für den Aufbau eines französischen Hospitals in Hameln geliefert werden. Vielleicht erhielt die Eiche am Waldrand gerade deshalb ihren Namen, weil sie dem durch Napoleon angeordneten Holzeinschlag entging?

Für die Spekulationen um eine Vertragsunterzeichnung Wilhelms IV. Heinrich, König des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland und König von Hannover, unter dem Blätterdach gibt es ebenso wenig gesicherte Belege wie für die Geister oder Zwerge vom Lüningsberg. Zumindest eine der beiden möglichen Deutungen fällt zweifelsfrei in die Märchen- und Sagenwelt.

Königseiche war

nicht sehr alt – nur etwa 350 Jahre

Sehr realistisch erscheint dagegen Friedrich Echtes Einschätzung: „Die Eiche war eine sogenannte Hudeeiche und stand früher innerhalb einer ganzen Baumgruppe. Früher war die Nutzung der Eicheln als Futter für die Schweine und das Wild genauso wichtig wie die Holznutzung. Die Schweine wurden in die Eichenwälder getrieben und in guten Samenjahren mit den Eicheln gemästet“, erklärt der Königsförder. Alle anderen Bäume fielen im Laufe der Zeit dem Brennholzfrevel zum Opfer, sodass die Königseiche als einzige Verbliebene eine Sonderstellung erhielt. „Von ihrem Standort, der Königsförder Forst, lässt sich der Name Königseiche ableiten“, so die Theorie Echtes.

Leider gibt es auch anderweitig keinen genauen Aufschluss über das Alter oder die tatsächliche Bedeutung des riesigen Baumes, der sich nun endgültig zum Sterben niedergelegt hat. „Ich schätze das Alter der Königseiche auf etwa 350 Jahre, nicht älter“, so der forsterfahrene Landwirt, der sich auch noch genau an den Orkan von 1972 erinnert, der der Königseiche mit dem Abbruch eines großen Seitenastes immensen Schaden zufügte. „Ich hatte damals mehrfach beim Landkreis eine fachgerechte Wundversorgung des Baumes angemahnt, leider ohne Erfolg“, bedauert der Vorsitzende der Forstgenossenschaft noch heute. Vielen Stürmen und heftigem Wetter hatte die Königseiche getrotzt, nun reichten offensichtlich die Ausläufer des deutlich abgeschwächten Hurrikans „Gonzalo“ aus, um das Aerzener Naturdenkmal endgültig zu Fall zu bringen.



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