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Altersschnitt der Mitglieder lag bei über 60 Jahren – Vereinsgelände geht an die Gemeinde Aerzen über

Fehlender Nachwuchs zwingt Tennisverein in die Knie

Groß Berkel. Was waren das noch für goldene Zeiten für den Tennissport in Deutschland. Boris Becker machte Bumm-Bumm, und der Tennissport erlebte einen wahren Boom. Becker hechtete von Turniersieg zu Turniersieg. Steffi Graf fegte mit ihrer unglaublichen Vorhand ihre Gegnerinnen gleich reihenweise von den Courts. War Tennis in den Jahren zuvor noch eine elitäre Sportart, so stieg die Zahl der Mitglieder in den Vereinen 1989 auf über zwei Millionen an. Im ganzen Land wurde auf einmal anders gezählt – statt eins, zwei, drei hieß es nun 15, 30, 40. Kurz gesagt; „Vorteil Tennis“. Tennisbegeisterte mutierten zu Frühaufstehern, um überhaupt einen freien Platz zum Spielen ergattern zu können.

veröffentlicht am 02.02.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:06 Uhr

Die Zeiten, in denen hier der rote Sand spritzte, Aufschläge und Returns knapp über die Netzkante schossen, sind vorbei –
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Den Vorteil hat der „weiße Sport“ längst eingebüßt, aus den gelben Filzbällen ist in den letzten Jahren die Luft entwichen. Das Tennis musste ein „Break“ hinnehmen. Nicht ausgelastete Tennishallen wurden zweckentfremdet und Tennisvereine verloren etliche Mitglieder. Oder sie lösten sich ganz auf, wie jetzt der Tennisverein Groß Berkel e.V. Der zuletzt noch 80 Mitglieder starke Verein wurde zum 31. Dezember aus dem Vereinsregister gelöscht. „Eine vernünftige Entscheidung“, wie Werner Nissel das Ende des Tennissports in Groß Berkel bezeichnet. „Der Hauptgrund ist, dass wir überaltert sind“, nennt der letzte Vereinsvorsitzende eine der Ursachen, die zur Vereinsauflösung führte. „Die Leute, die den Verein vor 30 Jahren gegründet haben, sind schon über 70, teilweise über 80 Jahre alt. Und das sind die Hauptleute, die den Tennissport noch betrieben haben“, erzählt das ehemalige Vorstandsmitglied. Im letzten Jahr nahmen mit den Herren 60+ und den Damen 50+ noch zwei Mannschaften am Spielbetrieb teil. „Die Spieler waren jedoch alle 60 bis 70 Jahre alt“, so Nissel. Es fehlte in Groß Berkel die Altersgruppe der 20- bis 50-Jährigen, genauso wie in vielen anderen Vereinen, und das auch zur Pflege der drei Tennisplätze. Die Renovierung einer Anlage im Frühjahr schlägt mit gut 1500 Euro zu Buche. Dazu kommen laufende Pflegearbeiten. „Fremdfirmen kosten viel Geld. Und wenn man es selber machen will, kann man das noch so lange machen, wie man sich bücken kann und gesund ist. Das ist bei den Älteren auch nicht mehr der Fall“, erzählt der Vorsitzende. Tennisnachwuchs auf dem Dorf zu bekommen, war auch nicht einfach, trotz Aktionen wie Schnupperkursen beim Ferienpass.

Mannschaftssportarten wie Handball und Fußball werden der Einzelsportart Tennis vorgezogen. „Oftmals kommen die Kinder nach 16 Uhr aus der Schule nach Hause. Was sollen die denn dann noch machen?“, sieht Werner Nissel mit langen Schultagen einen weiteren Grund für den fehlenden Tennisnachwuchs. „Zwei, die noch spielen wollen, werden wohl nach Aerzen gehen. Sonst weiß ich nicht, was die anderen machen werden“, kann Nissel von den ehemaligen Nachwuchsspielern berichten.

„Ich habe schon einige Gespräche mit Interessenten geführt. Aber so schnell geht das nicht. Ende April, Anfang Mai, wenn die Plätze eröffnet werden, kann man erst sagen, ob es bei uns einen Unterschied macht“, sagt Claudia Schulz zu eventuellen Neuanmeldungen aus Groß Berkel beim „Tennisclub Aerzen e.V.“ Zudem sei die Bereitschaft, sich einem Verein gegenüber mit einer Mitgliedschaft zu verpflichten, nicht mehr sehr groß, meint die Aerzener Jugendwartin. Die Lücke der 20- bis 40-Jährigen ist auch in Aerzen zu spüren. Es sei ein Generationsproblem. Lange Zeit sei nichts gemacht worden, auch vom Deutschen Tennisbund als Dachorganisation nicht, sagt Claudia Schulz. „Das geht erst langsam wieder los“, so die 44-jährige Trainerin, die momentan über 30 Kinder aus Aerzen beim Training um sich scharen kann. Zudem gebe es eine Kooperation mit anderen Vereinen, laut Schulz ein sinnvoller Weg für kleinere Vereine, um einer Abwanderung in Tenniszentren entgegentreten zu können. Eine gewisse Attraktivität für den derzeitigen Zulauf sieht Schulz auch in den niedrigen Monatsbeiträgen: „Mit zehn Euro pro Kind ist Tennis in einem kleinen Verein wirklich nicht teuer.“

Vorstandsmitglied Werner Nissel räumt das Vereinsheim aus.

In der Altersstruktur ähnlich sieht es in Grupenhagen aus. „Das geht eigentlich. Das ist nicht ganz so wie in anderen Vereinen“, weiß Hartwig Grote, 2. Vorsitzender der „Tennisfreunde Grupenhagen“ zur fehlenden Generation im mittleren Alter zu berichten. Der Verein zählt momentan circa 80 Mitglieder, 110 waren es zu Höchstzeiten. Im Herrenbereich 50+ gibt es eine Spielgemeinschaft mit den Tennisbegeisterten aus Aerzen. „Unser Hauptproblem ist, die Jugend wieder für den Tennissport zu begeistern“, sagt der Vorsitzende Rolf Rebstein. „Wir versuchen, in die Offensive zu gehen, und gestalten in einer Kooperation zusammen mit anderen Vereinen die Jugendarbeit, geleitet von Tennistrainer Sven Fels.“ Mit Jedermann-Turnieren soll bei den Tennisfreunden, auch bei den Älteren, das Interesse für den Tennissport geweckt werden. In Groß Berkel gehen jetzt die Plätze sowie das als Blockhaus gebaute Vereinsheim auf der gepachteten Anlage auf die Gemeinde Aerzen über. „Wir hinterlassen eine ausgezeichnet gepflegte und schöne Tennisanlage. Auch finanziell haben wir alles regeln können und hinterlassen der Gemeinde auch noch etwas Geld. Eine Weiterführung hatte keinen Sinn mehr. Wenn wir weitergemacht hätten, kämen wir vielleicht noch in finanzielle Schwierigkeiten“, sagt Nissel zur Abwicklung.

Tennis spielen will der 73-Jährige weiterhin, aber nicht in einem anderen Verein. „Nein, das fällt mir nicht mehr ein.“



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