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Das Geheimnis der Sandlöcher

Erstaunliches Naturdenkmal bei Grießem – der Pferdebrunnen

GRIESSEM. Man mag es kaum glauben: Es gibt (natur)phänomenale Löcher in der Region, die sogar über einen direkten Anschluss ans Öffi-Nahverkehrsnetz verfügen. Obwohl eine Haltestelle der Linie 30 nach ihm benannt wurde und er 1930 bei der Entscheidung über das Ortswappen von Grießem Pate stand, kennt kaum jemand das Naturdenkmal Pferdebrunnen nahe Grießem. Im einem weiteren Teil unser Sommerloch-Serie stellen wir es vor.

veröffentlicht am 17.07.2017 um 07:39 Uhr
aktualisiert am 21.07.2017 um 13:56 Uhr

Die Sandablagerungen der Quellen zeichnen sich kreisrund am Boden der Teiche des Grießemer Pferdebrunnens ab. Foto: sbr
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Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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Sommerloch – was ist das eigentlich? Geografisch gesehen ist es ein kleiner Ort in Rheinland-Pfalz. Journalistisch gesehen ist das Sommerloch die Bezeichnung für eine nachrichtenarme Zeit, hervorgerufen durch die Sommerpause in Politik, Sport und Kultur. Wir übersetzen es in diesem Sommer mal ganz anders: Unsere Zeitung nimmt das Sommerloch wörtlich und präsentiert Geschichten über alle möglichen Löcher. Heute: Sandlöcher im Pferdebrunnen.


Eigentlich ist der Pferdebrunnen gar kein Brunnen im eigentlichen Sinn, sondern eine Quelle, die vergessen unterhalb der Bundesstraße 1 am Ortsrand liegt. Die Natur ist erfolgreich dabei, sich das Terrain rund um die beiden Quelltöpfe in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grießebach zurückzuerobern. Die Kopfweiden am Ufer wurden schon lange nicht mehr fachgerecht geschnitten. Man muss schon ganz genau hinsehen, denn die im Register des Landkreises beschriebene Schönheit des Naturdenkmals ist nicht auf Anhieb zu erkennen. Aber hat man sich erst einmal durch das Dickicht aus Brennnesseln und Ranken zum Ufer vorgekämpft, mag man sich gar nicht mehr sattsehen an den vielen hundert sprudelnden, hellen, kreisrunden Sandquellen, die den morastigen Grund beider Teiche übersäen. Die kleinen Sandquellen im Grießemer Pferdebrunnen sind Naturerscheinungen, die sich dadurch begründen, dass in den kreisrunden Quelltöpfen das Wasser nach oben sprudelt und dabei Sand mit sich führt.

Wissenschaftlich erklärt hört sich das Naturphänomen so an: „Der Pferdebrunnen ist ein etwa 100 Quadratmeter großer Quellteich, der durch mehrere hydrogeologisch wertvolle Kalkdruckquellen, sogenannte Quelltöpfe, gespeist wird.“ In der Ortschronik wird über das eigenartige Gewässer folgendes berichtet: „Aus mehr als 100 kleinen Quellen steigt ständig Kohlensäure nach oben.

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Die Erscheinung hat denselben vulkanischen Ursprung wie die Pyrmonter Heilquellen. Über ein unterirdisches Spaltensystem, verbunden mit einem aufgedrungenen, basaltischen Magmenkörper (Urgestein, Lava), der in 3000 bis 4000 Metern Tiefe erstarrte, steht das Gewässer auf der sogenannten Piesberg–Pyrmonter-Achse. Der noch immer andauernde Abkühlungsprozess im Erdinneren setzt Kohlensäure, Eisen, Mangan und andere Schwermetalle in wässriger Lösung frei. Die gleichbleibende Wassertemperatur liegt bei zwölf Grad.“

„Der Pferdebrunnen friert im Winter niemals zu“, bestätigen die beiden Grießemer Friedel Borgmeyer und Fritz Spiegel, die in unmittelbarer Nähe zum Pferdebrunnen zuhause sind. Im Gegensatz zur eher nüchternen Betrachtung in der Chronik wird in der Welt der Mythen und Sagen die Erklärung für das Grießemer Naturphänomen ganz schnell zu einer spannenden Geschichte: „Jahrhunderte verlief die Reichsstraße nördlich von Grießem an einem seltenen Wasser vorbei. Eine Postkutsche, die mit mehr als sechs Pferden bespannt gewesen sein soll, kam während eines Unwetters bei Sturm und Regen von der Pyrmonter Chaussee ab und versank in dem grundlosen Teich. Wochen später entdeckte man Überreste des Gespannes auf der anderen Seite des Pyrmonter Berges in einem Tümpel ganz in der Nähe der Erdfälle“, erzählt Fritz Spiegel die Geschichte so, wie sie im Ort von Generation zu Generation weitergeben wurde.

Doch in der Märchenwelt wird dem Grießemer Pferdebrunnen nicht nur eine nehmende, sondern auch eine gebende Eigenschaft nachgesagt. Wilhelm Busch (1832-1908) stellte seinerzeit die Frage: „Wo kriegten wir die Kinder her, wenn Meister Klapperstorch nicht wär‘?“ In Grießem hätte der große Dichter und Zeichner eine Antwort bekommen können: „Die Jungen kommen aus dem kleinen und die Mädchen aus dem großen Teich des Pferdebrunnens!“, weiß Friedel Borgmeyer aus dem Ammenmärchen zu berichten, das ihm in Kindertagen erzählt wurde. Störche sind in der Nähe des Teiches heute allerdings nicht zu beobachten, dafür aber Fischreiher, wie Friedel Borgmeyer erzählt. Dass das Quellwasser des Pferdebrunnens das bei Sonneborn entspringende Rinnsal mit dem großen Namen „Grießebach“ speist und man erst nach dem Zufluss von einem wirklich fließenden Gewässer sprechen kann, ist eine Tatsache und entstammt nicht der Welt der Sagen und Märchen. „Fälschlicherweise wird oft angenommen, der Grießebach entspringt erst in Grießem und nicht schon im Lippischen“, klärt Fritz Spiegel auf.

Allerdings sind die beiden Grießemer Senioren nach ihrem Besuch beim Pferdebrunnen besorgt: Zwar sind die zahlreichen kreisrunden Quelllöcher auf dem Grund der Teiche noch gut zu erkennen, aber noch nie in den vergangenen Jahrzehnten haben sie einen so niedrigen Wasserstand in dem Naturdenkmal erlebt, wie in diesem Jahr. Und auch der einst nur ganz schmale Übergang zwischen dem großen und dem kleinen Quellteich hat sich deutlich vergrößert. „Unser Pferdebrunnen verändert sich“, meinen die beiden nachdenklich.

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