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Rechtsstreit um Unternehmen Fliegenpilz: Erster Termin steht / Staatsanwaltschaften ringen um Zuständigkeit

Entzaubert Magier die Zirkus-Illusion?

Emmerthal. Der Konflikt beschäftigt bundesweit die Zirkuswelt: Nach dem gescheiterten Comeback von Circus Fliegenpilz erhob Magier Sandor Becsi massive Vorwürfe gegen den Zirkuschef, auch Polizei und Zoll ermittelten. Nun steht im Fall Becsi gegen Zirkusdirektor Hölscher der erste Termin vor dem Arbeitsgericht bevor.

veröffentlicht am 13.07.2016 um 17:09 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:53 Uhr

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Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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EMMERTHAL. Als Fachanwältin für Arbeitsrecht kennt Michaela Bahlmann so manche Winkelzüge. Nun erhält sie Einblicke in die Arbeitswelt unter der Zirkuskuppel. Eine sehr eigene Welt, wie die Hamelner Juristin einräumt. Sie vertritt als Anwältin Sandor Becsi im Rechtsstreit mit dem Circus Fliegenpilz. Nach dem fehlgeschlagenen Comeback des als „Emmerthaler Heimat-Circus aus Esperde“ werbenden Unternehmens mit einst klangvollem Namen standen Artisten, Künstler und Arbeiter nach nur zwei Gastspielstationen im Frühjahr auf der Straße. Becsi, unter dem Künstlernamen Sandro Rivoli als Magier unter Vertrag, erhebt seitdem schwere Vorwürfe gegen Zirkusdirektor Bodo Hölscher – und wartet nach wie vor auf seinen Lohn. Nun steht der erste Termin im Rechtsstreit fest: Die Güteverhandlung, beim Arbeitsgericht zunächst obligatorisch, ist für den 29. Juli in Hameln terminiert.

Es handelt sich zunächst um das arbeitsrechtliche Verfahren, bei dem Becsi als Kläger auftritt. Bekanntlich gab es darüber hinaus nach der Premiere im März in Hameln in Paderborn Ermittlungen von Polizei und Zollbehörde gegen den Zirkuschef. Doch: Bislang haben sich die Staatsanwaltschaften die Zuständigkeit gegenseitig zugeschoben. Einzelheiten sind deshalb derzeit nicht zu erfahren.

Von der Staatsanwaltschaft Paderborn gingen die Akten zunächst nach Braunschweig, bevor sie in die Domstadt zurückgefordert wurden, um sie dann an die Behörde in Hannover weiterzuleiten. Der Fall sei etwas komplizierter, wie der Paderborner Oberstaatsanwalt Marco Wibbe sagt. Ohne Einzelheiten nennen zu wollen, bestätigte er zumindest vor wenigen Tagen noch einmal, dass es sich um die Vorwürfe des Betruges und der Schwarzarbeit handele.

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  • Magier Sandor Becsi – hier beim Auftritt mit Ehefrau Monika im Frühjahr in Hameln – hat Zirkuschef Hölscher verklagt. Foto: Eaw

Bekanntlich war Hölscher von den Artisten angezeigt worden. Weder seien sie sozialversichert gewesen noch hätten sie den zugesicherten Lohn erhalten. Die Hilfsarbeiter – 13 Osteuropäer – seien schwarz beschäftigt und nicht angemessen behandelt worden, so die Vorwürfe. Der Zirkuschef hat bislang die Verantwortung zurückgewiesen.

Schon für das arbeitsrechtliche Verfahren ihres Mandanten stieß die Hamelner Anwältin auf die „ersten Hürden“, wie sie sagt. Die unterschiedlichsten Firmen mit verschiedenen Namen und Wohnsitzen galt es für den Circus Fliegenpilz zu klären, berichtet Bahlmann über ähnliche Probleme wie die Staatsanwaltschaft. „Man könnte den Eindruck bekommen, dass es so gewollt sei“, sagt sie über das Firmengeflecht. Im Vertrag tauche eine Circus Concept Emmerthal Ugh auf, die jedoch nie in das Handelsregister eingetragen worden sei und somit auch nicht Vertragspartner sein könne. Bahlmann: „Wir haben deshalb die Eheleute Hölscher persönlich und die Circus Fliegenpilz GbR verklagt.“

Becsi sei der Einzige gewesen, der einen Arbeitsvertrag gehabt habe. Von dem Artisten wisse sie, wie schwierig es sei, Rechte einzufordern. „Becsi hat sich das sehr wohl überlegt“, sagt die Anwältin über dessen Schritt, die Vorgänge öffentlich zu machen und rechtlich anzugehen. Die Anwältin beschreibt das Risiko, das bei den Artisten liege. Sie müssten im Vorfeld viel Geld in die Hand nehmen – erst einmal nur mit dem Versprechen auf die Tournee. „Und stehen dann plötzlich ohne Geld da“, sagt Bahlmann. Sie setze als Fachanwältin für Arbeitsrecht auch die Hoffnung in den Rechtsstreit, dass damit bundesweit „Bewegung in die Zirkuswelt kommt“ – mit „fairen Regeln“, an die sich die Branche zu halten habe.

Der Magier Becsi gibt sich im Vorfeld mit öffentlichen Äußerungen derzeit vorsichtiger. „Es geht jetzt um den ersten Schritt“, fordert er für drei Monate Lohn und Sozialversicherungsbeiträge. Der Künstler erneuert den Vorwurf, dass das Comeback von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Mit Absicht sogar, glaubt er. Bis November habe die Tournee dauern sollen. Nach dem frühen Aus sei für die Artisten das Jahr gelaufen gewesen, mit Ausnahme von Gelegenheitsauftritten. Er selbst habe derzeit seit Ende Juni drei Auftritte wöchentlich in Dänemark, „nur damit wir den Sommer überleben“. Der Künstler, der auf seiner Internetseite auf ein preisgekröntes Programm als dreifach international ausgezeichneter Meister-Magier verweist, sagt über seine Familie: „Ab dem 15. August wissen wir nicht, wie es weitergeht.“

Mit allen Artisten, die bei dem Comeback-Versuch dabei gewesen seien, stehe er in Kontakt. „Sie sind gespannt, wie das Arbeitsgericht entscheidet“, meint Becsi. Im nächsten Schritt hofft er darauf, dass die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dazu führten, „dass nie wieder jemand auf Hölscher reinfällt“, sagt er über den Zirkusdirektor. Inzwischen habe er 70 Seiten für die Staatsanwaltschaft zusammengestellt, die seine Vorwürfe untermauerten. Vier Zeugen, die bereits in früheren Jahren beim Circus Fliegenpilz negative Erfahrungen gemacht hätten, würden als Zeugen bereitstehen, sagt Becsi. Ein gewagtes Spiel – auch für ihn. Die Zirkuswelt ist eine überschaubare Branche, in der jeder jeden kennt – da wird es nicht gerne gesehen, wenn öffentlich Kritik geübt wird.

Nun willigt aber auch Branchenkenner Joachim Fleischmann ein, einige Passagen seiner Erklärung zu veröffentlichen, die er zunächst nur vertraulich unserer Zeitung zugeleitet hatte. Gleich nach dem ersten Bericht über den Konflikt zwischen Becsi und Hölscher hatte er sich gemeldet. Fleischmann, in den Neunzigern vorübergehend Direktor am Staatszirkus der DDR sowie später Gründer von Circus Charivari und des Erlebnistierparks Memleben, sprach von einem „Déjà-vu-Erlebnis“. Vergleichbare Praktiken von Hölscher habe er selbst erlebt.

Als der Circus Fliegenpilz in den 90er Jahren noch einen renommierten Namen gehabt habe, sei er dort als Betriebsleiter tätig gewesen. Wiederholt habe es Probleme mit Gerichtsvollziehern gegeben, berichtet Fleischmann, der heute in Spanien lebt und ausführliche Aussagen – auch über weitere ihm bekannte Verstöße Hölschers – der Staatsanwaltschaft übermittelt haben will. Immer wieder sei es dazu gekommen, dass Artisten auf ihre Gagen hätten verzichten müssen. Und das habe ihn ebenfalls betroffen, berichtet Fleischmann, der sich als Tiertrainer für Fernsehproduktionen („Tierärztin Dr. Mertens“, „Unser Charlie“) einen Namen gemacht hat. 2002 sei er mit Elefanten und Pferden für eine Belgien-Tournee vom Circus Fliegenpilz engagiert worden. Fleischmann: „Herr Hölscher hat uns damals ohne jeden Skrupel mit den Tieren bei eiskalten Temperaturen in Belgien ohne Zahlung auf dem Festplatz zurückgelassen.“

Diese Kritik weist Hölscher zurück – genauso, wie er auch andere Vorwürfe an sich abperlen lässt. „Er hatte immer ausreichend Heizöl für die Tiere zur Verfügung gestellt bekommen“, meint der Fliegenpilz-Chef. „Er hatte auch den größten Teil seiner Gage ausgezahlt bekommen, sodass er mit seinen Fahrzeugen und Tieren die Rückreise von Belgien nach Deutschland problemlos organisieren konnte.“ Im Gegenzug schickt er Medienberichte, die Fleischmann selbst Fehlverhalten nachweisen sollen, weil dieser beispielsweise Städte um die Platzmiete geprellt habe. Fleischmann hingegen bezeichnet diese Retourkutsche als „typisch für diesen Meister des Tatsachenverdrehens“.

Dass sich frühere Artisten und Mitarbeiter über Missstände bei Circus Fliegenpilz beschwert hätten, schließt Hölscher aus. „Da es keine Missstände gab“, meint er. „Ich habe immer langfristig geplant und war auf gute Artisten und vor allem auf gute Mitarbeiter angewiesen“, entgegnet Hölscher. „Gerade auf die hinter den Kulissen Beschäftigten kommt es für den Erfolg des Unternehmens an. Unsere Artisten und führenden Mitarbeiten waren immer sehr lange, auch acht bis zehn Saisons im Unternehmen und kamen immer gerne wieder.“

Sein Firmengeflecht scheint er selbst nicht als so ungewöhnlich anzusehen. Es habe je nach Gastspielland oder Art der Produktionen unterschiedliche Produktionsfirmen gegeben, argumentiert er. Hatte Hölscher im Frühjahr noch von einer Unterbrechung der Tournee gesprochen, die nach etwa einem Monat fortgesetzt werden sollte, bestätigt er nun das endgültige Aus. „Die momentane Situation in der Zirkusbranche sieht nicht günstig aus für einen erfolgreichen Neustart.“ Auch den Termin beim Arbeitsgericht in Hameln sieht er mit ganz anderen Augen. Hölscher dreht den Spieß um: „Beim Amtsgericht geht es um arbeitsrechtliche Probleme, die ihren Grund in einem Vertragsbruch von Herrn Becsi haben.“

„Die Interessen von Herrn Hölscher scheinen mir eher fiskalischer Art zu sein“, meint dagegen Rechtsanwältin Bahlmann nach ihren Einblicken in dessen Zirkuswelt. „Möglicherweise könnte es ihm weniger um die Präsentation und Zufriedenheit seiner Artisten und um die Begeisterung des Publikums gehen.“



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