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Dewezet-Serie „Kleine Museen auf dem Lande“: Heute „Heimatstube“ in Frenke

Eintauchen in dörfliche Welt von früher

FRENKE. Neben dem stolzen Fachwerkhaus von 1822, errichtet in Vierständerbauweise, öffnet Cord Hölscher ein unauffälliges Scheunentor. Kaum eingetreten, taucht der Besucher ein in Zeiten, „in denen Frenke ein reines Bauerndorf mit Kirche, Schule, zwei Gastwirtschaften und einem Krämerladen war“. Wo früher Pferde und Kühe lebten, erinnern die Werkbank des Schusters, Acker- und Erntegerät, Werkzeug vom Stellmacher, Schmied und Sattler, Wasch-zuber, Butterfass und Senfmühle daran, dass früher harte körperliche Arbeit der Alltag war – und fast alles Handarbeit.

veröffentlicht am 13.07.2018 um 16:30 Uhr
aktualisiert am 13.07.2018 um 19:00 Uhr

Leben auf engstem Raum: Das „Flüchtlingszimmer“ erinnert an menschliche Schicksale, die im Nachkriegsdeutschland auch im Ilsetal vielfach anzutreffen waren. Foto: saw
Sabine Weiße (saw)

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Sabine Weiße Reporterin
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Die Geschichten zu all den Exponaten können „Heimatstuben“-Begründer Wilhelm Hölscher (86) und sein Sohn Cord (56) informativ und spannend erzählen. Der Betriebswirt mit Arbeitsplatz in Bielefeld führt das Lebenswerk seines Vaters fort, ist zudem ehrenamtlich als Archivar der Gemeinde Emmerthal tätig. „Es gibt hier kaum Beschriftungen, dafür aber viele, mitunter sehr persönliche Geschichten zu den Ausstellungsstücken“, verweist er auf einen Aspekt des ungewöhnlichen Museumskonzeptes. Denn so ziemlich alles stammt von Bauernhöfen, aus Haushalten oder von Handwerkern aus Frenke, Börry, Hajen oder umliegenden Gemeinden. Und weil Zeitreisen ohne Erklärungen, Zeitzeugen-Aussagen und Anekdoten reizlos wären, gibt’s in Frenke die Besichtigung stets mit Führung.

Über sieben Jahrzehnte hat Wilhelm Hölscher, letzter Vollerwerbslandwirt des Dorfes, Hobby-Archäologe, Heimatforscher und Holzschnitzer, den Bestand zusammengetragen. „Was andere alt, unmodern oder überflüssig fanden, bewahrte er vorm Wegwerfen und Vergessen“, sagt Cord Hölscher. Infiziert hat sich der 86-Jährige mit der Sammelleidenschaft, als 1946 nach getaner Feldarbeit eine Bronzeschnalle auf der Zinke einer Egge steckte.

Mehr als 1000 frühgeschichtliche Bodenfunde von 27 Fundstellen – zur Freude des Kreisarchäologen Joachim Schween mit Akribie und Sachverstand dokumentiert, sortiert und beschriftet – hat er im Laufe seines Lebens zusammengetragen. „Seine naturkundliche Sammlung und die Funde aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit sind sozusagen die Keimzelle dieser Heimatstube“, erzählt Cord Hölscher, während der Rundgang entlang an einer stattlichen Zahl von Ofenplatten, eine Treppe hinauf, vorbei am alten Warnschild „Schlechte Wegstrecke“ und historischen Postkarten auf den ehemaligen Heuboden führt. „Hier haben wir 1996 die ersten Ausstellungsräume eingerichtet, als die Eltern im Urlaub waren“, schmunzelt Hölscher. Seit der offiziellen Eröffnung im Jahr ’98 ist die Präsentation um diverse Zimmer erweitert worden.

Sonntagsstaat und Leinen-„Reizwäsche“: Textilien der letzten 120 Jahre hat Familie Hölscher gesammelt und präsentiert die Exponate auf Kleiderbügeln und an Schaufensterpuppen. Foto: saw
  • Sonntagsstaat und Leinen-„Reizwäsche“: Textilien der letzten 120 Jahre hat Familie Hölscher gesammelt und präsentiert die Exponate auf Kleiderbügeln und an Schaufensterpuppen. Foto: saw
Bei diesem Gerät handelt es sich um eine handbetriebene Maschine zur Butterherstellung, die vermutlich bis in die Nachkriegszeit in einem größeren Haushalt der Region benutzt worden ist. foto: saw
  • Bei diesem Gerät handelt es sich um eine handbetriebene Maschine zur Butterherstellung, die vermutlich bis in die Nachkriegszeit in einem größeren Haushalt der Region benutzt worden ist. foto: saw

Zerbrechliche Schädel und archäologische Funde haben ihren Platz in Vitrinen, ebenso wie die bemerkenswerte Spielzeug-Sammlung mit frühen Lego-Modellsätzen, auch sehr wertvolles Porzellan und allerlei Militaria. „Ansonsten ist jeder eingeladen, alles anzufassen. Wir möchten Geschichte begreifbar machen“, nennt Cord Hölscher einen zweiten Aspekt des Ausstellungskonzeptes.

Tortenplatten sämtlicher Stilepochen des 20. Jahrhunderts, Küchengeräte und Kannen in überwältigender Zahl und Form, Kaffeemühlen und schwere, schmiedeeiserne Waffeleisen, Dorfladen-Artikel, gestickte Sinnsprüche und das robuste OP-Besteck von Tierarzt Kather aus Kirchohsen, unter der Decke ein Nusskorb: In jedem Winkel entdecken die Augen etwas Neues – „wie in einem großen Wimmelbild. Und der Besucher ist mittendrin“.

Trachten, Hochzeitskleider – an diesem Tag trug die Braut früher Schwarz – und eine große Sammlung an Hauben und Hüten, Gesangbüchern und Konfirmationsbriefen gewährt Einblicke in Zeiten, in denen Kleidung handgearbeitet, langlebig und vielfach Statussymbol war, Glaube und Kirche einen höheren Stellenwert genossen als heutzutage.

Ein Blickfang ist die „Schulecke“ mit Dreisitzer-Bank, Lehrerpult, Europa-Lehrkarte, Schiefertafel, Schönschreibheften und Tornistern. Cord Hölscher: „Als die Schule 1962 aufgelöst wurde, sollte fast alles weg. Da hat mein Vater für schmales Geld dieses Mobiliar gerettet.“ Eindrucksvoll ist auch das 2008 eingerichtete „Flüchtlingszimmer“ mit spartanischem Hausrat, Erinnerungsstücken aus der Heimat, Wäscheleine überm Küchentisch und Nachttopf unterm Bett. Neustart in Armut und drangvoller Enge – auch im Ilsetal der Nachkriegszeit.

Eine vermutlich unerschöpfliche Quelle für jeden an Heimatkunde Interessierten ist auch das gut geordnete Archiv. Hier wurden mehr als 800 Schulbücher gesammelt, das älteste stammt von 1850, außerdem Kalender, Postkarten, Feldpostbriefe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, Modezeitschriften von 1898 bis 1912, Handwerkerrechnungen und Kalender. Und auch hier gilt: „Wer sich für ein spezielles Thema ländlicher Kultur interessiert, ist zum Blättern in den alten Quellen herzlich eingeladen.“ Das Angebot wird angenommen, von Wissenschaftlern, Museumsmitarbeitern der Umgebung, Studierenden und Schülern. „Es könnten gern mehr sein.“



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