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Historische Spaziergänge: Die Sage vom nächtlichen Pflüger und spitzbübischen Streichen

Eine Reise in die Vergangenheit Herkendorfs

Herkendorf. Der Aerzener Ortsteil Herkendorf kann auf eine fast 800 Jahre alte Geschichte zurückblicken. Die Grafen von Schaumburg belehnten ihre hiesigen Ländereien über Jahrhunderte an ihre Hauptmänner, die wiederum ließen ihre Soldaten im Bereich des heutigen Ortes Herkendorf siedeln. 1215 wurde „Herkendorpe“ erstmals in einer Gerichtsakte erwähnt. Aus dieser Zeit ist auch überliefert, dass an den Hängen oberhalb des Haarbachs Wein angebaut wurde. Herkendorfs ehemaliger Bürgermeister Walter Harland kann sich noch daran erinnern, dass während seiner Kindheit an den Häusern entlang der Herkendorfer Straße im Herbst die Weintrauben hingen.

veröffentlicht am 14.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 07:41 Uhr

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In diesem Zusammenhang fällt dem heute 82-Jährigen ein Streich der damaligen Dorfjugend ein. Ein alter Herkendorfer hängte regelmäßig seinen Nachttopf aus Emaille in den Weinstock vorm Haus. „Eines Tages kletterten die Jungen am Spalier empor, stibitzten den Nachttopf, versahen ihn mit einem kleinen Loch und hängten ihn anschließend wieder an den Stammplatz“, erinnert sich der Senior mit einem Schmunzeln. Der Nachttopf war danach nie wieder zwischen den Weinreben zu sehen, sagt Walter Harland.

1323 erwarb Johann von Post, Herr auf Rittergut Po-steholz, den Pachthof Herkendorf. Die Ländereien des Edelsitzes erstreckten sich laut einer Urkunde von 1538 vom Pessinghäusener Bruch bis zum Ende der Gemarkung Osterode zwischen dem Bach Haare und Wördeholz. Noch heute erstreckt sich der langgezogene Ort vom Ortsausgang Dehmkerbrock bis zum Ortseingang Halvestorf. „Einen Hof mit der Hausnummer 2 hat es in Herkendorf nie gegeben“, weiß Walter Harland zu berichten. Allerdings befand sich bis vor einigen Jahren auf einer Wiese am östlichen Ende des Ortes ein Pfahl mit der Nummer 2. Er sollte auf den Urhof und damit die erste Besiedelung von Herkendorf hinweisen.

Nachdem die Lehnbriefe und die damit verbundenen Nutzungsrechte mit dem Tod des letzten Schaumburger Grafen 1640 erloschen waren, kaufte der Bauer Johann Grote den Burg- oder Pachthof Herkendorf. Wie lange sich der Hof dann in seinem Besitz befand, konnte auch Siegfried von Alten in seiner Chronik über das Rittergut Posteholz nicht nachweisen. In der Kopfsteuerliste von 1689 wird der Name Grote als Vollmeier oder Großkötner nicht mehr geführt.

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  • Walter Harland am Denkmal, das an die Sage vom Pflüger bei Herkendorf erinnert.

Überliefert wurde aber die Sage vom nächtlichen Pflüger bei Herkendorf. So wird noch heute erzählt, dass ein Ackersmann zu Lebzeiten seinem Nachbarn ein ganzes Stück Land abgepflügt und dieses so in seinen Besitz gebracht haben soll. Als der Bauer verstarb, wurde er dazu verdammt, jede Nacht so lange im Feuer und bei großem Leiden zu ackern, bis er seinem Nachbarn das unrechtmäßig gewonnene Land wieder zugepflügt habe. Allerdings konnte er Nacht für Nacht nach Leibeskräften ackern, mehr als eine Krume Land, die nur so groß wie eine Linse war, schaffte er nicht – so die Sage.

Erst ein Jahrhundert später lässt sich der Geschichtsfaden wieder eindeutig aufnehmen: Von 1886 bis 1888 erfolgte die erste Verkopplung in Herkendorf, vielleicht das Resultat aus der in der Sage beschriebenen Grenzstreitigkeit. Ein Pflug und ein Grenzstein im Wappen des Ortes und als Denkmal in der Dorfmitte weisen noch heute auf die Sage hin.

Bereits im Jahr 1853 kaufte Hermann von Mengersen vom Rittergut Helpensen die drei Vollmeierstellen von Georg Ludwig von Oeynhausen und richtete dort ein Vorwerk für Jungvieh ein. Pächter waren unter anderem die Herren Falke und Sehlen. In diese Zeit fallen auch die Errichtungen einer Station zur Beobachtung des Wetters (1906) sowie die Gründung einer Kommission zur Bekämpfung von Blattläusen (1910). Im Jahre 1920 zog Viktor von Mengersen mit seiner Frau Grete, geborene Gräfin Grote, nach Herkendorf, bevor er von 1930 an das Gut Helpensen selbst bewirtschaftete. Das Vorwerk-Gehöft in Herkendorf wurde an die Eheleute Wehage aus Eisbergen verkauft. Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung der Gebäude und der Ländereien ist 1993 eingestellt worden. Ihr Enkel Detlef Lemke betreibt heute Pensionspferdehaltung auf dem geschichtsträchtigen „Rosenhof“.

Und von noch einer Kuriosität aus der Ortschaft kann Walter Harland berichten: Auch wenn die Freiwillige Feuerwehr Herkendorf laut ihrer eigenen Chronik am 28. April 1934 gegründet worden sein soll, hat der ehemalige Bürgermeister in Unterlagen den Hinweis gefunden, dass bereits 1908 dort eine Feuerwehr existiert haben muss. Brandmeister war damals Heinrich Kuckuck.

Viele Gemeinden haben sie bereits: Broschüren mit historischen Spaziergängen. Ein solcher Wegweiser, der unter historischen Gesichtspunkten durch die Orte führt, steht auch in Herkendorf ganz oben auf der Wunschliste, wenn er finanzierbar wäre. Sabine Brakhahn hat sich in den Dörfern umgesehen.

Der geschichtsträchtige „Rosenhof“ in Herkendorf wird heute für Pensionspferdehaltung genutzt.

Fotos: sbr



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