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Comeback-Versuch von Circus Fliegenpilz gestoppt / Polizei und Zoll ermitteln – Artisten kritisieren Direktor

Eine Luftnummer? Ärger in der Manege

Emmerthal. Um den Circus Fliegenpilz gibt es Ärger. Das Unternehmen, das als „Emmerthaler Heimat-Circus aus Esperde“ wirbt, wird von den eigenen Mitarbeitern und Künstlern kritisiert. Auch Polizei und Zoll ermitteln. Der Comeback-Versuch wurde nach nur zwei Gastspielorten unterbrochen.

veröffentlicht am 11.04.2016 um 17:04 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:58 Uhr

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Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Emmerthal. Ist das Comeback von Circus Fliegenpilz bereits gescheitert? Während Direktor Bodo Hölscher nur von einer Unterbrechung der Tournee spricht, häufen sich aus den Mitarbeiterkreisen die Vorwürfe. Sogar von Betrug ist die Rede, weshalb die Polizei eingeschaltet wurde. Menschen, Tiere, Sensationen – ein Slogan, den viele mit der Zirkuswelt verbinden. Im Dunstkreis dieser abgeschirmten Welt Informationen zu bekommen, gestaltet sich aber schwierig. Pleiten, Pech und Pannen – das umschreibt zumindest den Versuch von Circus Fliegenpilz, der zu seiner Premiere in Hameln als Emmerthaler Unternehmen warb, wieder zu früherem Ansehen zu gelangen. Zumindest: Spätestens in Paderborn, dem zweiten Gastspielort, war Schluss. Und: Polizei und Zoll ermitteln.

Der Paderborner Polizeihauptkommissar Michael Biermann bestätigt, dass Beschäftigte des Unternehmens an die Beamten herangetreten seien. „Wir haben den Verdacht des Betruges aufgenommen“, berichtet der Polizeisprecher aus der Domstadt. Zoll und Ordnungsamt seien informiert worden. Nun würden die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Von der Stadt sind keine Informationen aus dem Ordnungsamt zu bekommen. Allerdings bestätigt Kirsten Schüler als Sprecherin des Hauptzollamtes Unregelmäßigkeiten im Zirkus: Kollegen der Finanzkontrolle Schwarzarbeit hätten festgestellt, dass 13 Osteuropäer nicht bei den Sozialkassen angemeldet gewesen seien. Dem Vernehmen nach handelte es sich bei den Hilfsarbeitern um Rumänen.

Artisten, Clowns und Dompteure sind nicht gerade redselig. Die Zirkuswelt ist überschaubar, jeder kennt jeden. Da kommt es nicht gut an, schlecht über ein Unternehmen zu reden. Dieser Ruf spricht sich schnell herum, das nächste Engagement könnte deshalb gefährdet sein in einer Branche, deren Künstler oft ohne Netz und doppelten Boden abgesichert ist. Die Sorge treibt einen der Stars aus der Manege von Circus Fliegenpilz um, dessen Name und schriftlichen Ausführungen zwar vorliegen, der aber anonym bleiben möchte. „Auch ich wurde nicht – wie vertraglich vereinbart – sozialversichert und entlohnt“, berichtet der Artist. Mit seiner Familie stehe er nun ohne Geld da, könne nicht mal nach Hause fahren. Gegen Zirkusdirektor Hölscher sei Anzeige erstattet worden nicht nur wegen Betruges, sondern auch wegen Schwarzarbeit und Insolvenzverschleppung. Von „sittenwidrigen Machenschaften“ spricht er. Schon seine Oma habe früher gesagt: „Finger weg vom Fliegenpilz.“ Statt nun mit dem Zirkus auf Tournee zu sein, hängt der Artist auf einem Campingplatz im Norddeutschen fest, hält die Familie mit Auftritten in Kindergärten und Schulen über Wasser. Zunächst wolle er die Vernehmungen durch die Staatsanwaltschaft abwarten, eventuell selbst einen Rechtsanwalt beauftragen, ihn zu vertreten, sagt der Artist.

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  • Das Winterquartier von Circus Fliegenpilz im Emmerthaler Ortsteil Esperde: Der Neustart wurde nach zwei Gastspielorten unterbrochen. Foto: cb

 

Streit eskaliert:

Clown bekommt Wutausbruch

Im Gespräch mit Hölscher weiß der Zirkusdirektor zunächst noch nicht, dass die Vorwürfe gegen ihn bereits bekannt sind. Alles im normalen Bereich, so drängt er den Eindruck auf. „Wir haben eine Pause eingelegt“, erzählt der Chef von Circus Fliegenpilz, der einst zu den renommierten Adressen bundesweit zählte, aber in den vergangenen Jahren laut Berichten im Internet immer wieder Probleme mit Ordnungsbehörden bekam. Nach einem 2012 gescheiterten Neustart sollte das Comeback eigentlich anlässlich des 35-jährigen Bestehens des Unternehmens gelingen. Professionell ging es an den Start. Doch die angekündigte Wassershow, einst das Markenzeichen, musste schon zur Premiere in Hameln ausfallen. In Paderborn sah es nicht besser aus. Schon das erste Gastspiel fiel ins Wasser, weil der Aufbau des Zeltes nicht rechtzeitig fertig war. „Wir wollen die Leute ja nicht weiter enttäuschen“, erzählt der 59-Jährige, nun alles daransetzen zu wollen, damit die Technik für das Programm „Zirkus unter Wasser“ einwandfrei funktioniere. Die Anlage – sie füllt die Manege innerhalb kurzer Zeit mit 300 000 Liter Wasser – werde repariert. Anschließend, vielleicht in einem Monat, „setzen wir die Tournee fort“. Mit den Mitarbeitern und Artisten sei vereinbart, dann noch einmal mit ihnen zu sprechen.

Ob er denn von deren Kritik nichts wisse? Dass die internationale Künstlergruppe glaube, dass der Circus Fliegenpilz keine Zukunft habe und in finanziellen Nöten stecke? Sie um ihr Geld hätten bangen müssen, wie die Artisten befürchteten? Die Vorwürfe lässt Hölscher an sich abperlen. Auch die Ermittlungen des Zolls lässt er sich nicht persönlich anhängen. „Das kann ich nicht überblicken“, weist der Zirkusdirektor die Verantwortung seinem Büroleiter zu, dass die osteuropäischen Arbeiter nicht gemeldet gewesen seien. Und die Verträge für die Artisten seien so angelegt, dass sie erst nach zehn Spieltagen wöchentlich Gage erhielten. „Das ist durchaus so üblich“, sagt Hölscher. Geld sei vorhanden gewesen, weil die Vorstellungen in Hameln „sehr gut besucht waren“. Dass sich ein Artist kurz vor der Vorstellung geweigert habe, in der Manege aufzutreten, sehe er als Nötigung.

Dass schon in Hameln einiges im Argen gewesen sein muss, war im März auch einigen Zuschauern nicht entgangen. Hannelore Werner, die sich die Sonntags-Aufführung nicht entgehen lassen wollte, hatte sich schon gewundert, warum die Polizei vor Ort war. Der Beginn verzögerte sich um eine Dreiviertelstunde, im Programm fehlten bei vollem Eintrittspreis der Clown und zwei weitere Artisten. Eine „eisige Enttäuschung“, schildert Hannelore Werner die Situation im unzureichend beheizten Zelt. Und: Sie hörte schon, dass einige Künstler wohl nicht bezahlt worden seien.

Zirkuschef Hölscher sagt, dass er in Hameln die Polizei gerufen habe, weil der Clown aus Spanien die Scheibe des Kassenhäuschens eingeschlagen habe. Ausgerechnet ein Spaßmacher, der sein Publikum zum Lachen bringen soll, bekommt einen Wutausbruch. Die Verärgerung bei den Artisten war offensichtlich eskaliert. Das machte der spanische Clown auch bei den Vernehmungen deutlich. Polizeisprecher Andreas Appel bestätigt gestern: „Bei den Streitigkeiten ging es um Geld, das er nicht bekommen hatte.“



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