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Freizeitritter lässt mit viel Fanatasie ein Adelsgeschlecht aufleben – mittlerweile mit großem Hofstaat

Ein Hobby bestimmt hier das ganze Leben

Emmerthal (gm). „Die Karawane zieht weiter“ amüsieren sich die Nachbarn, wenn die „Grafschaft Everstein“ wieder einmal zu einem angesagten Event aufbricht. Seit der Ohsener 1000-Jahrfeier im Spätsommer 2004 verkörpert der Kirchohsener Michael Sczesni mit großer Leidenschaft und viel Idealismus den Grafen Hermann von Everstein. Mittlerweile ist seine Interessengemeinschaft (IG) „Grafschaft Everstein“ auf über 30 Mitglieder herangewachsen. „Und unsere Adelsgruppe kommt nicht nur aus Emmerthal oder Hameln“, verdeutlicht der leidenschaftliche Grafimitator. Der historischen Interessengemeinschaft gehören sogar Idealisten aus Hannover, Hildesheim und Peine an, die mit ihrer „Grafschaft Everstein“ mindestens drei eigene Events im Jahr veranstalten.

veröffentlicht am 17.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 00:41 Uhr

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„Darüber hinaus haben wir zirka 15 bis 20 Reisetermine, zu denen wir eingeladen werden, jährlich“, berichtet Sczesnis Ehefrau Susanne, die an der Seite des Grafen immer als „Irmgard von Waldeck“ mit von der Partie ist. Der Sohn von Susanne und Michael Sczesni, der heute 29-jährige Tobias Sczesni, heiratete vor zwei Jahren seine Ehefrau Ricarda im stilechten Ambiente in der zum historischen Rittersaal umfunktionierten Museumsscheune des Börryer Freilichtmuseums, und die erst fünf Monate alte Enkelin der Sczesnis, die kleine Katharina, ist das jüngste Mitglied in dieser bereits zum Kult gewordenen Interessengemeinschaft. „Angefangen hat es 2004, als wir mit der Historischen Interessengemeinschaft Ohsen als Ritter zu Ohsen das erste Dorffest gemeinsam ausgerichtet haben“, erinnert sich der heute 48-jährige Graf von Everstein. Sczesni schlüpfte sofort voller Begeisterung in die Rolle des Grafen und war fortan von dem Willen besessen, diese mittelalterliche Historie der von Eversteins mit all ihrer damaligen Kultur wieder neu aufblühen zu lassen. Derzeit schneidert der ausgebildete Kfz-Meister, der als Sachbearbeiter für die Hamelner Polizeidienstkraftfahrzeuge verantwortlich ist, bereits sein achtes Zelt. „Das sind alles originale Nachbauten, die ich ausschließlich aus hochwertigen Baumwollstoffen herstelle“, erzählt der 48-Jährige, der mit seiner fast 40 Jahre alten Nähmaschine mindestens sechs bis zehn Wochen in seiner knappen Freizeit an einem Zelt schneidert. Ehefrau Susanne, die als geschäftliche Angestellte bei der Gemeinde Emmerthal tätig ist, ist natürlich nicht immer begeistert, wenn ihr „Graf“ den gesamten Esszimmerbereich ihres schmucken Eigenheims mit unzähligen Metern von Zeltstoffen belagert. „So kenne ich meinen Mann aber seit vielen Jahren“ sagt die 49-Jährige. „Ich bin in unserer Freizeit aber mittlerweile genauso von dem Adelswahn besessen wie mein Michael“, meint Susanne Sczesni. „Wir leben unseren gegenwärtigen Adel und haben nebenbei noch das Glück, arbeiten gehen zu dürfen“, bringt es Frau Sczesni mit einem schelmischen Lächeln rüber. Und ihr „Micha“, der langmähnige Graf mit gefärbtem Bart, bringt es auf den Punkt. „Wenn du im Sportverein mit fast 50 Jahren noch versuchst, als Handballer oder Fußballer attraktiven und ansehnlichen Leistungssport zu bringen, bist du nach ein paar Minuten platt. Als Graf von Everstein kann ich mich auch noch in 20 Jahren präsentieren, ohne dass ich an meine körperliche Leistungsgrenze gehen muss“, bekundet die imitierte gräfliche Hoheit aus Kirchohsen. „Mit unserer historisch traditionellen Gewandung, mit unseren Zeltdörfern und mit unserer Begeisterung für das Mittelalter verkörpern wir das Hochmittelalter der Eversteiner, die sich Anfang des 14. Jahrhunderts beidseitig der Weser zwischen Holzminden und Aerzen nieder gelassen hatten“, weiß Sczesni aus alten Überlieferungen zu berichten. Denn der belesene „Neuzeitgraf“ recherchiert nicht nur im Internet. Von seinem Hobby begeistert, besuchte er zahlreiche Museen, durchkreuzte städtische Archive, studierte alte Urkunden und befasste sich mit den Stammbäumen seiner „Vorfahren“. Außer den Zelten, die Michael Sczesni für seine Interessengemeinschaft baut, schneidert er auch alle Gewandungen der männlichen Mitglieder. Für die Damengewandungen ist übrigens die Kirchohsenerin Jutta Kerl verantwortlich, die mit der gleichen Hingabe wie Sczesni fast täglich vor ihrer Nähmaschine sitzt.

Aber nicht nur Ornate und Gewandungen, Zelte und deren Zubehör stammen aus der mittelalterlichen nachgebauten Kreation von Michael Sczesni. Er fertigt sogar aus massiver Lärche historisches Mobiliar nach. Ein massives Schwarzholzdoppelbett und zwei massive Stollentruhen zieren seit einigen Jahren das gräfliche Zelt der Eversteins auf ihren Präsentationsevents. „Bei uns darf jeder alles anfassen, darf überall reingehen, und wir möchten uns mit unserem Idealismus und dem Hintergrundwissen einfach nur präsentieren und den Besuchern immer gerne mit Rede und Antwort zur Verfügung stehen“, bringt es der Neuzeitgraf, der sich total mit seinen „Vorgängern“ identifiziert, auf den Punkt. „Und die Trennung von der Historischen Interessengemeinschaft Ohsen im Jahr 2008 erfolgte nicht im Streit, sondern kameradschaftlich und freundschaftlich. Wir haben uns jeweils andere Schwerpunkte gesetzt und jeder geht seitdem seinen eigenen Weg“, meint Sczesni.

Wo er mit seiner Eversteiner Grafschaft auftaucht, ist Aktion angesagt, denn seit einigen Jahren bietet die IG sogar authentische Schwertkämpfe in ihrem kinder- und besucherfreundlichen Präsentationsprogramm. Jetzt, wo die Tage kürzer werden und die Nächte länger, verweilt die Karawane in ihrem jeweiligen Winterquartier.

Seit zirka sieben Wochen arbeitet Michael Sczesni an dem sechs Meter breiten und 4 Meter hohen Speichenradzelt.



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