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Brücke bei Amelgatzen gesprengt / Behörden hielten Aktion geheim

„Drei, zwei, eins – Zündung!“

AMELGATZEN. Die Hornsignale sind ertönt. Die Absperrung steht. Alle Feuerwehrleute sind auf ihrem Posten. Martin Hopfe drückt die Sprechtaste seines Funkgeräts – und gibt das Kommando: „Drei, zwei, eins – Zündung!“ Es dauert nur eine Sekunde, dann sind zwei rasch aufeinanderfolgende dumpfe laute Knalle zu hören, steigt eine Sandfontäne in den diesigen Himmel über Amelgatzen, stürzt die 28 Meter lange Brücke über der Bahnstrecke ein.

veröffentlicht am 14.01.2018 um 20:16 Uhr
aktualisiert am 15.01.2018 um 17:53 Uhr

Große Sandfontänen und weißer Qualm – die Brücke wird gesprengt. FOTO: CB
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Eigentlich sollte sie nach der sogenannten Lockerungssprengung nur durchhängen. Doch die 400 Stangen Sprengstoff haben dem Bauwerk mehr zugesetzt als erwartet. Für Fachbereichsleiterin Anne Wolff, die bei der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Hameln für Bausachen zuständig ist, ein Indiz dafür, dass der Abriss der Stahlbetonbrücke, die nicht einmal 60 Jahre alt ist, „gerechtfertigt war und rechtzeitig erfolgt ist“. Der Spannstahl in der Brücke stammt wohl aus den 1950er Jahren. „Heute wissen wir, dass die damals benutzte Stahlrezeptur problematisch war“, sagt Diplom-Ingenieur Markus Brockmann, Chef der Landesstraßenbaubehörde in Hameln. Der Leitende Baudirektor zuckt mit den Schultern: „Man wusste es damals einfach nicht besser.“ Inzwischen sei bekannt, dass der seinerzeit benutzte Spannstahl eine geringe Nutzungsdauer hat. „Das Material wird nach einiger Zeit und bei starker Belastung spröde und bricht.“ An vielen Orten in Deutschland versuchen Fachleute, zu errechnen, wann der in Brücken dieser Bauart verwendete Spezialstahl kaputtgehen wird. „Die Frage ist: Wann ist die Ermüdung so stark, dass Brüche wahrscheinlich sind“, erklärt Brockmann.

Musik: Jahzzar "Car Crash" (cc)

Die Behörden hatten aus Sicherheitsgründen geheim gehalten, dass die Brücke gesprengt wird. Schaulustige sollten nicht angelockt und dunkle Gestalten nicht in Versuchung geführt werden, Sprengstoff zu stehlen.

Eine Woche hat es gedauert, 400 Löcher in den Überbau und in die Pfeiler zu bohren, mehr als zwei Tage waren die Sprengberechtigten der Thüringischen Sprenggesellschaft und des Technischen Hilfswerks aus Hameln und Hildesheim damit beschäftigt, die Ladungen in die Bohrlöcher zu stopfen und die Zündschnüre miteinander zu verbinden. Um „fremdelektrische Energie“ (Hochspannung, Funksendestrahlung) von den Zündern fernzuhalten, benutzten die Experten ein nicht elektrisches Zündsystem. „Die Schnüre haben kein Innenleben aus Metall. Es sind dünne Schläuche, an deren Innenseiten Sprengstoff aufgedampft ist“, erklärt Experte Günter Franke von der Thüringischen Sprenggesellschaft. Er und seine Kollegen haben schon so ziemlich alles in die Luft gejagt, was groß ist: Schornsteine, Hochhäuser, ganze Gebäudeensemble, eine Flughafenhalle – und eben Brücken. Der THW-Helfer Carsten Füssel vom Ortsverband Hameln und sein Hildesheimer Kollege Dietmar Ernst sind froh, an dieser Sprengung mitwirken zu dürfen, denn: „Einmal in zwei Jahren müssen wir das machen, ansonsten droht der Verlust der Sprengberechtigung“, sagt Füssel.

Mit 190 Kilo Sprengstoff: Experten füllen 400 Löcher. FOTO: UBE
  • Mit 190 Kilo Sprengstoff: Experten füllen 400 Löcher. FOTO: UBE
Einsatzleiter Martin Hopfe (re.) teilt Posten ein. FOTO: UBE
  • Einsatzleiter Martin Hopfe (re.) teilt Posten ein. FOTO: UBE
Samstag, 23 Uhr: Dort, wo die Brücke stand, sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Große Bagger zermalmen 910 Kubikmeter Stahlbeton. Foto: Leo
  • Samstag, 23 Uhr: Dort, wo die Brücke stand, sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Große Bagger zermalmen 910 Kubikmeter Stahlbeton. Foto: Leo
Nach der Sprengung: Die Brücke liegt am Boden. Foto: ube
  • Nach der Sprengung: Die Brücke liegt am Boden. Foto: ube
Mit 190 Kilo Sprengstoff: Experten füllen 400 Löcher. FOTO: UBE
Einsatzleiter Martin Hopfe (re.) teilt Posten ein. FOTO: UBE
Samstag, 23 Uhr: Dort, wo die Brücke stand, sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Große Bagger zermalmen 910 Kubikmeter Stahlbeton. Foto: Leo
Nach der Sprengung: Die Brücke liegt am Boden. Foto: ube

Am Samstagnachmittag um 16 Uhr heißt es dann endlich: „Drei, zwei, eins – Zündung!“ Als sich die Staubwolke verzogen hat, atmet der Geschäftsführer der Sprenggesellschaft auf. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis“, sagt Martin Hopfe. Sprengungen seien immer mit einem gewissen Risiko behaftet.

Den Rest erledigen fünf teils mehr als 50 Tonnen schwere Abbruch-Bagger. Mit Zangen, die aussehen wie gefräßige Krokodilmäuler, hydraulischen Greifern, Riesenlöffeln, einem Monster-Meißel und einer Abrissbirne wird der Stahlbeton zerbröselt. Die Einreißer kommen schnell voran. Schon um 23 Uhr ist dort, wo einst die Brücke war, nur noch ein tiefer Krater zu sehen. Es sieht aus wie nach einem Erdbeben. Viel Spannstahl ragt aus dem Schuttberg.

Sprengung in Amelgatzen

Am späten Sonntagnachmittag ist die Brücke Geschichte, stellen die Baggerfahrer ihre Maschinen ab. Nun sind andere an der Reihe. Bahnmitarbeiter müssen die Gleise kontrollieren und die Oberleitung wieder anbauen, damit um 4 Uhr früh der erste Zug durch die Baustelle rollen kann.



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