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Vier Jahre nach Eröffnung in Grohnde erwarten die Einwohner ein leichtes Plus in der Bilanz / „Experiment gelungen“

Dorfladen in eigener Regie: Auf Wachstumskurs

GROHNDE. Inzwischen gilt der Dorfladen Grohnde in Eigenregie der Einwohner als Erfolgsmodell. Vier Jahre nach Eröffnung erreicht das Projekt schwarze Zahlen. „Das Experiment ist gelungen“, sagt Hubert Hennig, Gesellschafter und Mitbegründer. Und für die Stammkunden Helga Hoffmann und Edith Böhm steht fest: „Hier haben wir alles, was wir zum Leben brauchen.“

veröffentlicht am 29.11.2018 um 16:23 Uhr
aktualisiert am 29.11.2018 um 18:46 Uhr

Die anfängliche Skepsis ist gewichen. „Man kauft immer mehr hier ein“, sagt Helga Hoffmann (re.), ebenso wie Edith Böhm überzeugte Stammkundin.
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Für Edith Böhm gilt der Grohnder Dorfladen als echter Glücksfall, nachdem sie vor einem Jahr aus Goslar mitten in der Stadt voller Einkaufsmöglichkeiten aufs Land an die Weser umgezogen ist. „Für mich ideal“, sagt die Stammkundin. Sie wohnt direkt in der Nachbarschaft des vor vier Jahren in Regie der Einwohner eröffneten Nahversorgers, während andere Dörfer über fehlende Einkaufsmöglichkeiten klagen. „Selbst wenn mal etwas nicht so günstig ist, so spare ich mir doch Zeit und Auto“, sagt sie. „Hier haben wir alles, was wir zum Leben brauchen“, pflichtet ihr Helga Hoffmann bei, die mit zu den Kunden der ersten Stunde zählt. „Von Anfang an fand ich die Idee eines Dorfladens gut, auch wenn ich zunächst ein bisschen skeptisch war, ob das funktioniert“, sagt sie. „Doch es funktioniert.“

Was Hubert Hennig, treibende Kraft der Gründungszeit und Beiratsmitglied der Gesellschafter, aus wirtschaftlicher Sicht bestätigen kann. Es gehörte mit zu den guten Nachrichten bei der jüngsten Gesellschafterversammlung, dass der Dorfladen seinen Wachstumskurs fortgesetzt hat und inzwischen schwarze Zahlen schreibt, wie Hennig berichtet. Nach einem ganz leichten Minus 2017 nun ein leichtes Plus in diesem Jahr. „Es wird wohl einen Überschuss geben – und den brauchen wir“, meint er mit Blick auf Investitionen.

Ziel sei ein Jahresumsatz von 400 000 Euro netto, um wirtschaftlich zu arbeiten. Hennig, der eher vorsichtig auf die Geschäftszahlen blickt, spricht von einer Erfolgsgeschichte. „Das Experiment ist gelungen“, sagt er. „Wir sind zufrieden.“ Kein Selbstläufer – ob zur Zeit der Planung mit Machbarkeitsstudie, des Umbaus der ehemaligen Schule über die Eröffnung des Ladens mit sämtlichen Lebensmitteln des täglichen Bedarfs auf einer Fläche von rund 200 Quadratmeter am 13. Dezember 2014 bis zum heutigen Tage. „Wir müssen ständig an unserem Erfolg arbeiten“, sagt Hennig. Und zwar auf allen Ebenen.

Für die Gesellschafter sagt Hubert Hennig (Foto unten): „Wir sind zufrieden“ – doch am wirtschaftlichen Erfolg müsse weiter gearbeitet werden. Fotos: cb

Auch ein Dorfladen, der als Vollsortimenter mehr bieten will, als sein Name vermuten lässt, und mit Wettbewerbern großer Ketten mithalten muss, benötigt Kapital. Lange Zeit bewegte sich die Zahl der Einwohner aus Grohnde und Umgebung bei rund hundert Gesellschaftern, die mit insgesamt 25 000 Euro an der Unternehmergesellschaft beteiligt sind. Inzwischen stieg die Zahl auf 120. Hennig geht dafür regelmäßig auf Werbetour, sucht die direkte Ansprache. Etwa beim Frauen-Frühstück, um anschließend zwei neue Gesellschafterinnen begrüßen zu können, bei Feuerwehr oder DRK, im Frühjahr beim Sozialverband. „Es ist nicht nur wichtig, hier einzukaufen, sondern auch als Gesellschafter Verantwortung zu nehmen“, meint er über diesen Aspekt.

Und da sind natürlich die Kunden, die gebunden werden müssen, möglichst mit höherem Umsatz an der Kasse pro Einkauf. Derzeit läuft beispielsweise eine Bonusaktion. Oder Obst und Gemüse an einem Marktstand – „die Kunden wissen das zu schätzen“. Und das Beiratsmitglied, selbst einer der Hauptgesellschafter, zeigt sich überrascht, wie Kleinigkeiten große Wirkung entfalten können. Eine Frau, die sonst alles dort kaufte, ließ die Eier links liegen. Weil sie zu warm an einem Fenster gelagert würden. Die Ursache war schnell beseitigt, die Eier werden nun „richtig gut präsentiert – und der Verkauf zog an“, erzählt Hennig. Und obwohl „wir 38 verschiedene Mineralwasser führen“: Ein Kunde hätte einen ganz speziellen Wunsch gehabt – und die Sorte gibt es nun ebenfalls nur für ihn im Laden. Diesen Service weiß auch Helga Hoffmann zu schätzen. „Es wird versucht, auf unsere Wünsche zu reagieren“, sagt sie.

Trotz der jungen Geschichte gilt das Projekt als Vorzeigebeispiel. Die Einwohner aus anderen Dörfern wie Bisperode, aus dem Solling oder nahe Königslutter, die ihre Selbstversorgung in Eigenregie überlegen, informieren sich im Weserdorf, in wenigen Tagen wollen Studenten aus Bremen das Thema Dorfladen vor Ort unter die Lupe nehmen.

2015 - zum 1. Geburtstag - haben wir den Dorfladen auch besucht

Ohne engagierte Ehrenamtliche geht es nicht, was auch manche andere Dörfer abschreckt, wie Hennig manchmal erfährt. Gut 30 Frauen und Männer sind es in Grohnde, die Platten für den Cateringservice belegen, Hausmeisterdienste übernehmen, bei der Buchhaltung helfen oder alle zwei Wochen den neuesten Werbeflyer erstellen. Einmal im Jahr ein Dankeschön-Essen und das gute Gefühl, etwas für ein lebenswertes Dorf zu leisten. Hennig weiß aber auch: „Wir dürfen das Ehrenamt nicht überstrapazieren.“ Derzeit sind es vier angestellte Mitarbeiterinnen – drei in Teilzeit, eine als geringfügig Beschäftigte –, die auf insgesamt 70 Wochenstunden kommen und auf Unterstützung angewiesen sind. Mit steigenden Umsätzen könnte es möglich sein, die bezahlte Arbeitszeit auszudehnen, hofft er. Vielleicht auch in Verbindung mit einer Zukunftsvision: eine Frischetheke statt eingeschweißter Produkte, stundenweise mit Personal besetzt. „Wenn sich der Laden weiter festigt“, sagt Hennig.

Die Stammkunden glauben daran. „Man kauft immer mehr hier ein“, sagt Helga Hoffmann über ihre eigene Erfahrung. Und sie schätzt ebenso wie Edith Böhm den Laden als sozialen Mittelpunkt des Dorfes, beispielsweise durch das angegliederte Café oder regelmäßige Feiern. Gerade das habe es ihr nach dem Umzug von Goslar erleichtert, den Neustart in Grohnde zu meistern. Edith Böhm, die nun überlegt, selbst Gesellschafterin zu werden, berichtet: „Ich habe dadurch viele Leute kennengelernt.“



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