weather-image
14°
×

Vielfalt im alten Gemäuer / Wechselvolle Geschichte

Domänenburg – vom bedrohten Erbe zum Treffpunkt

Zeitweise herrscht ein Kommen und Gehen – Hochbetrieb in der Aerzener Domänenburg. Ein Treffpunkt für Aerzener und Besucher, denen oft nicht bekannt ist, dass dem historischen Gemäuer einst der Abriss drohte. Aber: Die Einwohner machten sich seit Ende der 1960er Jahre für ihre Burg stark. Zwar dauerte es noch einige Zeit, bis zunächst der West- und Südflügel saniert wurden, doch 1989 stand endlich die Einweihung des Teilbereiches als kulturelles Zentrum auf dem Programm. „Die sanierte Burganlage hilft uns nicht nur, Geschichte zu bewahren, sondern dient der Stärkung der Gemeinschaft“, hieß es damals. Das Konzept ging auf. Vom Kellergewölbe bis zum Dachgeschoss – Vielfalt prägt heute das Leben hinter den Mauern des historischen Bauwerks.

veröffentlicht am 16.01.2020 um 17:42 Uhr
aktualisiert am 07.02.2020 um 18:53 Uhr

Christian Branahl

Autor

Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

AERZEN. Die Klavierklänge im Burginnenhof sind nicht zu überhören. Olga Chirita, die als Dozentin der Musikschule Bad Pyrmont 16 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Aerzen am Klavier unterrichtet, öffnet selbst im Winter immer weit die Fenster. Sie blickt aus dem Musikzimmer im Nordflügel und gerät ins Schwärmen. Die über Jahrhunderte währende Geschichte, die dicken Mauern – „ich mag die Domänenburg sehr wegen der alten Atmosphäre. Sehr schön, toll“, meint Chirita, die dort an zwei Nachmittagen in der Woche ihre Schüler für die Klaviermusik begeistert. „Und die Kinder verstehen das“, sagt die Dozentin. Manches Notenwerk mit ebenso reicher Vergangenheit lässt sich so leichter umsetzen.

Gleich nebenan auf gleicher Etage verfügt der Ballettverein über seine großzügigen Räume, wo fast jeden Abend in verschiedenen Altersgruppen die hohe Kunst des Tanzes einstudiert wird. „Es ist ein ganz tolles Ambiente“, freut sich Carolin Bengtson. „Wer hat schon einen Ballettsaal in einer richtigen Burg?“ Mit knapp zwölf Jahren begann sie dort selbst mit Ballett – und machte das Hobby später zum Beruf. Die staatlich geprüfte Tanzpädagogin leitet den Verein mit seinen rund 100 Mitgliedern, die schon die Klassiker wie Nussknacker oder Schwanensee im Theater Hameln auf die Bühne brachten.

Und die Burg selbst bietet Künstlern mit bekanntem Namen und heimischen Kulturschaffenden die große Bühne. Allein in diesem Jahr nennt das Programm „Kultur in der Domänenburg“ knapp 20 Termine von Kabarett über Pop und Folk bis zu Ausstellungen. „Wir haben einen Namen im gesamten Weserbergland bekommen“, sagt Heiko Bossog, der den seit 1993 bestehenden Veranstaltungsreigen organisiert, über den „kulturellen Mittelpunkt in der Gemeinde“. Unvergessen bleibt zum Beispiel der Auftritt von dem englischen Schlagzeuger Pete York, in den 1960ern als Mitglied der Spencer Davis Group bekannt geworden. David Qualey, als Gitarrist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zählte ebenso zu den prominenten Gästen wie Acoustic Revolution. Bossog engagierte in den 1990er Jahren sogar die A-cappella-Sänger von Wise Guys, damals noch kaum bekannt, bevor das Ensemble seine Karriere startete.

9 Bilder
Gefragtes Programm: Kultur in der Domänenburg.

Normalerweise gilt die Burg aber als Treffpunkt für die Aerzener. Mehr als 20 000 Ausleihen verzeichnete Bücherei-Leiterin Marion Hampel für das Jahr 2018. Nicht nur Bücher hat sie in den historischen Räumen zur Auswahl, sondern ebenso beispielsweise DVDs, Zeitschriften und Spiele. Bis zu 70 Kinder und Jugendlichen aus den beiden benachbarten Schulen kommen zum Mittagessen in die Mensa. Nebenan befindet sich das Trauzimmer mit den stilvollen historischen Möbeln und dem Repräsentationsraum, in dem bereits eine Delegation der französischen Fußballnationalmannschaft und der damalige Ministerpräsident Christian Wulff zu Gast waren. In einem weiteren Raum bietet die Volkshochschule Kurse an, auch der MTSV nutzt die Burg, der Heimat- und Verschönerungsverein zeigt Geräte und Gegenstände aus der Aerzener Geschichte. Selten hingegen kommen Besucher bis unter das Dach. Dort lagert der Nachlass des Groß Berkeler Kunstmalers Ernst Duttmann. Im Herbst zog schließlich im Kellergewölbe Leben ein. Erstmals verpachtete die Gemeinde ihre historischen Räume an ein Restaurant.

Die längste Geschichte mit der Domänenburg verbindet die Aerzener Schützen. Sie bezogen sie bereits 1969. Zu dieser Zeit war die weitere Zukunft der im Jahre 1293 erstmals urkundlich erwähnten Burg, in späteren Jahrhunderten eng mit dem Namen Hilmar von Münchhausen verknüpft, völlig offen. 1968 war die Domänenburg vom Land in den Besitz der Gemeinde übergegangen, zuvor bereits die landwirtschaftlichen Flächen und Gebäude. Während die politischen Verantwortlichen froh waren über die Grundstücke als Areal zum Bau von Schul- und Sportstätten sowie dringend benötigtem Wohnraum, empfanden sie die Burg „als Kuckucksei“ des Geschenks durch das Land. „Wir erkennen die Burg als ehrwürdig an, würden sie aber abreißen“, sagte 1968 der damalige Gemeindedirektor. Der Denkmalschutz und Einsatz von Aerzenern verhinderte das.

Bürgermeister Andreas Witt- rock kann viel aus den früheren Jahren erzählen. Selbst in der Nachbarschaft aufgewachsen, galt das große Domänenareal – die Zehntscheune steht heute übrigens im Museumsdorf Cloppenburg – für ihn zu Kinderzeiten als Spielplatz. Später begleitete er einige Stationen des Wandels. Ein Glücksfall sei das heute sanierte und vielfach genutzte Ensemble. „Diese Burg könnte uns ganz viel erzählen, wenn sie sprechen könnte“, sagt er. „Damals, als es die Domäne noch gab, war sie belebt, und heute ist sie wieder belebt.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt