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Nach dem Aus des Traditionsgasthauses: Ein Blick in die Geschichte

Die Erinnerungen bleiben

Groß Berkel. Manchmal weiß man den Augenblick nicht zu schätzen, bis er zu einer Erinnerung wird. Auch mit dem Groß Berkeler Gasthaus Lindhorst verbinden viele Menschen ganz persönliche Erinnerungen. Schließlich haben die Gastwirtsfamilien Redeker und Lindhorst seit Generationen Freud und Leid mit den Bewohnern des Hummedorfes geteilt. Zahlreiche Hochzeiten und Kindstaufen sowie Konfirmationen, runde Geburtstage und Ehejubiläen wurden hier gebührend gefeiert, aber auch für die Kaffeetafel bei Trauerfeiern bot das Haus stets einen würdigen Rahmen und bei Vereinen war es ein ebenso beliebtes Domizil. Seit Mitte Juli ist die Traditionsgaststätte geschlossen und mit ihr ein Stück Dorfkultur aus dem Alltag verschwunden.

veröffentlicht am 10.08.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:46 Uhr

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Seit Jahren hatte Gastwirt Karl-Heinz Lindhorst vergeblich nach einem Nachfolger gesucht. Auch der Versuch der Familie, die Immobilie zu verkaufen, blieb bislang erfolglos. Richtig bewusst ist den Groß Berkelern der Verlust ihrer Versammlungsstätte aber erst in dem Moment geworden, als sich Vereine zum Teil nach über einem Jahrhundert von ihrem Stammlokal verabschieden und einen neuen Übungsraum suchen mussten.

Gegründet wurde das Gasthaus „Unter den Linden“ 1831 von Ludwig Redeker, übrigens ein Vorfahr des Groß Berkeler Friedel-Curt Redeker, der immer wieder gern in Bezug auf die ungewisse Zukunft des Gasthauses scherzhaft auf das aus dem Mittelalter stammende Heimfallrecht seiner Familie verweist, wonach früher Lehen an den Herren zurückfielen, wenn es keine Nachfolger gab.

Dem Gründer folgte hinter der Theke sein Sohn Wilhelm, bevor Wilhelmine Krending die Gaststätte übernahm. Die junge Witwe heiratete Karl Lindhorst und beide betrieben das Gasthaus samt Lebensmittelladen gemeinsam weiter. Eine Zapfsäule, mit der auch der aufkommende Kraftverkehr bedient werden konnte, kam zum Thekenzapfhahn und Krämertresen hinzu. Allerdings wurden sowohl der Tankstellenbetrieb als auch der Lebensmittelverkauf gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eingestellt, wie Angela Vollbrecht, eine Lindhorst-Tochter der dritten Generation, aus dieser Zeit berichtet.

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Die kommenden Generationen führten den Betrieb dann als reine Gaststätte weiter. Karl jun. und seine erste Frau Luise übernahmen 1949 die Gaststätte. Mit seiner zweiten Frau führte er das Gasthaus „Unter den Linden“ bis 1972. Dann traten sein Sohn Karl-Heinz Lindhorst und dessen Frau Karin in die Fußstapfen der Vorfahren. Sie renovierten das Traditionshaus grundlegend und ließen auch eine Kegelbahn einbauen. Von nun an hieß das Gasthaus „Lindhorst“, obwohl die Linden vor der Tür stehen blieben. Ihre Töchter Astrid, Anke und Heike unterstützten die Eltern bis zum Schluss, sahen aber angesichts der stattlichen Größe der elterlichen Immobilie in der dörflichen Gastronomie keine Zukunft. Aus über 100 Jahren Lindhorst-Gastronomie sind so einige Geschichten überliefert. 1954 tätigte die Familie eine bahnbrechende Neuanschaffung, die den Alltag der Groß Berkeler grundlegend verändern sollte. „Im Saal wurde das erste Fernsehgerät des Ortes aufgestellt. Für die Stuhlreihen davor wurden bereits Tage im Voraus zum Preis von 50 Pfennig Platzkarten für die Übertragung der Fußballweltmeisterschaft verkauft. Die Leute haben für die begehrten Plätze Schlange gestanden“, erinnert sich Carla Meyer, geborene Lindhorst. Ihre Halbschwester Angela Vollbrecht hat sogar noch die Originalrechnung für den ersten Groß Berkeler Fernseher in den alten Unterlagen gefunden. „Mit Ratenzahlung haben meine Eltern das Gerät finanziert“, erzählt sie.

Auch aus der ersten Lindhorst-Generation weiß sie eine nette Anekdote: „Bis ins hohe Alter hat meine Oma Wilhelmine gern vor der Tür gesessen und beobachtet, wer vorbeigeht und -fährt. Wurde sie dann von den Passanten gegrüßt, grüßte sie freundlich zurück und fragte uns Kinder dann, wer das gerade war. Haben wir dann den Namen genannt, griff Oma in die Schürzentasche, holte einen Zettel heraus, überflog ihn und sagte dann meistens: Stimmt! Auf ihrem Spickzettel hatte sie alle Namen der Groß Berkeler notiert, die regelmäßig den Weg entlang der Gaststätte nahmen“, erzählt Angela Vollbrecht.

An das erste Feuerwehrfest nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern sich die Lindhost-Töchter Marlies Hübner und Carla Meyer noch genau. „1949 gab es nur Papiergeld und wir hatten zum Feuerwehrjubiläum eine Aussteuertruhe leer geräumt und in die Küche gestellt, damit wir die vielen kassierten Scheine irgendwo lagern konnten. Noch Tage nach dem Fest waren wir mit Geldzählen beschäftigt“, erzählen die beiden aus einer Zeit, in der Groß Berkel noch zahlreiche Einkehrmöglichkeiten hatte. Mit der Gaststätte Lindhorst hat nun das letzte Traditionsgasthaus geschlossen.sbr

Für die Dorfgeschichte Groß Berkel ein abgeschlossenes Kapitel: die Gaststätte Lindhorst. sbr



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